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Auf ewig in Hitlers Schatten?: Anmerkungen zur deutschen Geschichte
 
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Auf ewig in Hitlers Schatten?: Anmerkungen zur deutschen Geschichte [Gebundene Ausgabe]

Heinrich August Winkler
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
  • Verlag: Beck; Auflage: 2 (12. Januar 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3406562140
  • ISBN-13: 978-3406562143
  • Größe und/oder Gewicht: 22 x 14,6 x 2,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 332.241 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Heinrich August Winkler
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Anders, als es der Titel vermuten lassen könnte, geht es in dieser lesenswerten Aufsatzsammlung nicht „nur“ um die Frage, ob die deutsche Geschichte nach der Katastrophe des Nationalsozialismus fortan wohl Auf ewig in Hitlers Schatten stehen werde. Vielmehr wirft der Autor in den in diesem Band versammelten Essays aus drei Jahrzehnten seines Schaffens klug gesetzte Schlaglichter auf die deutsche Geschichte seit der Revolution von 1848 bis in die Gegenwart.

Mit dem titelgebenden Aufsatz leistete Heinrich August Winkler 1986 seinen Beitrag zum Historikerstreit. Im Zentrum dieser Debatte stand seinerzeit die Frage nach der Einzigartigkeit der von den Nationalsozialisten betriebenen Vernichtung der Juden in Europa und der sich hieraus ergebenden Implikationen für die deutsche Geschichte und Geschichtsbetrachtung. Winkler stand damals (und steht bis heute) auf der Seite derer, die jeden Versuch, den Holocaust durch den Vergleich mit oder gar die Erklärung durch das „ursprünglichere“ Verbrechen des Archipel GULag zu relativieren, als unerträglich empfinden. Auch wenn Winkler keinen Anlass hat, diesen Standpunkt zu revidieren -- die Schlüsse, die die Linke seinerzeit aus der von ihr diagnostizierten Einzigartigkeit der Schuld für die Beantwortung der Frage nach der Möglichkeit einer deutschen Wiedervereinigung zog, hält er in seiner „Kehrseitenbesichtigung“ bereits 1996 für falsch: „Die kaum je ausgesprochene, aber tiefsitzende Überzeugung, dass die nationalsozialistischen Verbrechen durch die Teilung Deutschlands gesühnt werden könnten, war zur Lebenslüge der bundesdeutschen Linken und damit zum Gegenstück einer anderen, eher ‚rechten‘ Lebenslüge geworden: der Behauptung, die Wiedervereinigung sei das vorrangige Ziel bundesdeutscher Politik.“

Auch die übrigen Beiträge des Bandes lohnen die Lektüre. Von der „sperrigen Revolution“ von 1848 über Otto von Bismarck, die mangelhafte Architektur der Weimarer Reichsverfassung, den „Anschluss an den Westen“ unter Adenauer bis zur deutschen Vereinigung und der Frage nach der westlichen Wertegemeinschaft machen die bündig geschriebenen Essays ebenso verdichtet wie profund einschneidende Ereignisse sowie maßgebende Entwicklungen und Personen der deutschen Geschichte in ihrer nachhaltigen Bedeutung transparent. -- Andreas Vierecke, Literaturanzeiger.de

Kurzbeschreibung

Auf ewig in Hitlers Schatten? Mehr als sechzig Jahre nach dem Ende des "Dritten Reiches" steht die Frage, wie es zum Aufstieg des Nationalsozialismus und zu den gewaltigen Verbrechen der Jahre 1933-1945 kommen konnte, unverändert im Zentrum unserer historischen Selbstbetrachtung. Sie kann freilich nur in größeren historischen Zusammenhängen erörtert und bewertet werden. Heinrich August Winkler, einer der großen Historiker unserer Zeit, geht in diesem Band Grundfragen der deutschen Geschichte nach. Preußen, die "sperrige" Revolution von 1848, das Erbe Bismarcks, die gescheiterte Revolution von 1918/19, die "abwendbare Katastrophe" der "Machtergreifung", 1945 als Wendepunkt und natürlich Winklers Kernthema, der lange Weg der Deutschen nach Westen - das sind nur einige der Themen, die in diesem Buch ebenso scharfsinnig wie kenntnisreich erörtert werden. Den Schlußpunkt dieser Sammlung elegant geschriebener Essays bildet eine Betrachtung über die westliche Wertegemeinschaft - zugleich ein erster Ausblick auf das nächste Werk des berühmten Historikers.

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10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Das Wesen des Westens 22. November 2007
Von Michael Dienstbier TOP 500 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Heinrich August Winkler ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Historiker Deutschlands. Seine im Jahr 2000 erschienene Darstellung "Der lange Weg nach Westen" gilt als eine der besten, wenn nicht die beste, Darstellungen zur deutschen Geschichte in den vergangenen 200 Jahren. Und auch Winklers Buch "Weimar" über die Geschichte der Weimarer Republik ist mittlerweile zu einem Klassiker geworden. Der Historiker hat sich aber auch immer wieder im Rahmen von kurzen in Tageszeitungen oder Magazinen veröffentlichten Artikeln zu historischen oder tagesaktuellen Themen geäußert. 20 dieser Artikel finden sich im vorliegenden Sammelband "Auf ewig in Hitlers Schatten?"

Die Artikel behandeln so unterschiedliche Themen wie "1848: Die sperrige Revolution", "Ein Junker als Revolutionär" über Otto von Bismarck oder "Hindenburg, ein deutsches Verhängnis". In meiner Rezension werde ich etwas näher auf drei Beiträge eingehen, die mir besonders wichtig erscheinen.

Im Rahmen des Historikerstreites 1986 über die Einmaligkeit der Judenvernichtung antwortete Winkler in seinem Aufsatz "Auf ewig in Hitlers Schatten?" auf den Beitrag des rechts-konservativen Historikers Ernst Nolte, der kurz vorher in der FAZ behauptet hatte, dass die Vernichtungspolitik der Nazis gegen die Juden lediglich eine Kopie des stalinistischen Archipel GULag gewesen sei und das zusätzlich noch der Holocaust als eine Art "Putativnotwehr" (140) zu bewerten sei. Winkler bezieht klar gegen diese apologetische Geschichtsbetrachtung Stellung und wirft Nolte "Geschichtspolitik" (143) vor.

Höhepunkte des Bandes sind die abschließenden Essays "Erinnerungswelten im Widerstreit" sowie "Was heißt westliche Wertegemeinschaft?". Hier versucht Winkler dazulegen, wie wichtig eine gemeinsame europäisch-westliche Identität jenseits von wirtschaftlichen Interessen für die Zukunft der Europäischen Union ist. Von besonderer Prägnanz ist dabei der abschließende Aufsatz "Was heißt westliche Wertegemeinschaft?". An dieser Stelle werden drei Thesen formuliert, die das Wesen des wertebezogenen Westens ausmachen. Erstens: "Es gibt keine europäischen, sondern nur westliche Werte". Zweitens: "Die Verwestlichung des Westens war ein langwieriger Prozess, dessen Hauptmerkmal die Ungleichzeitigkeit ist". Drittens: 'Die politische Kultur des Westens ist pluralistisch und muß deshalb eine Streitkultur sein".

Zu Erstens: Der "Westen" umfasst nicht nur Europa, sondern auch die USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Israel aus folgendem Grund: Typisch westlich sei der Dualismus zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt, der Europa seit dem Ende des Investiturstreites 1122 maßgeblich mitgeprägt habe: "Der Dualismus trug den Keim der Freiheit in sich, die das herausragende Kennzeichen des Okzidents ist" (182). Aus dieser "vormodernen Form der Gewaltenteilung" (184) habe Montesquieu sein Modell der Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative entwickelt, die heute das Wesen des Westens definiert.
Zu Zweitens: Vor allem die deutsche Geschichte lasse sich als ein Geschichte des Ungleichzeitigen beschreiben. Die Demokratisierung des Wahlrechts für Männer erfolgte 1871, die Parlamentarisierung Deutschlands jedoch erst mit dem Ende des Kaiserreichs 1918. Diese Ungleichzeitigkeit habe in Deutschland zu einem ausgeprägten Glauben an die Obrigkeit sowie an Zucht und Ordnung geführt, die zu Beginn des Ersten Weltkrieges als '"Ideen von 1914'" formuliert worden sind. Die erste deutsche parlamentarische Demokratie scheiterte am 30. Januar 1933 als Ergebnis einer Geschichte des Ungleichzeitigen.
Zu Drittens: Der Westen ist pluralistisch, was allerdings nicht mit Beliebigkeit gleichzusetzen ist: "Pluralistisch ist nicht ein Staat, der nur pluralistisch, pluralistisch ist ein Staat, der auch pluralistisch ist" (199). Der Westen als Wertegemeinschaft ist aufgebaut auf einem Fundament, das nicht zur Diskussion steht. Dazu gehören zu allererste die unveräußerlichen Menschenrechte. Gegner des Westens ist daher jede Gesellschaft, die Menschen als Ungläubige abstempelt und zum Abschuss freigibt. Hier ist jede Toleranz fehl am Platz.

Fazit: Eine Ansammlung von kurzen und präzisen Aufsätzen eines großen deutschen Historikers. Der Band ist auch für Laien geeignet, die sich sonst nicht für Geschichte interessieren. Kürze und inhaltliche Dichte lagen selten so Nahe zusammen. Wer auf den Geschmack gekommen ist, dem sei "Der lange Weg nach Westen" wärmstens empfohlen.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Hervorragendes Buch 7. November 2007
Von Bernhard Nowak TOP 1000 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Heinrich August Winkler ist mit seinen bahnbrechenden Werken über die Weimarer Republik und den "langen Weg nach Westen", der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, bekannt geworden. Es ist diese Zeit, die Winkler auch in seinen geschichtspolitischen Essays betrachtet. Der vorliegende Band versammelt zwanzig Publikationen, die in Zeitungen oder Sammelbänden veröffentlicht wurden. Den Abschluss bildet seine Abschiedsvorlesung an der Humboldt-Universität in Berlin, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2007 tätig war.

Im Zentrum dieser Aufsätze steht Deutschlands "langer Weg nach Westen". Dieser Weg sei mit der deutschen Einheit 1990 endgültig abgeschlossen worden. Die Wiedervereinigung 1990 bedeutete laut Winkler dreierlei: Sie klärte die völkerrechtlich verbindliche Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze als zukünftiger Ostgrenze Deutschlands unter Verzicht auf die früheren östlich von Oder und Neiße liegenden, heute zu Polen und Rußland (Königsberg) gehörenden Gebiete. Zweitens war die alte Doppelforderung von 1848, der nach Einheit und Freiheit, verwirklicht. Drittens war Deutschland in das westliche Bündnis und Wertesystem eingebunden und ging keinen nationalen "Sonderweg" mehr. Diese Thesen Winklers finden sich auch in seinem zweibändigen Werk: "Der lange Weg nach Westen." Insofern ist für Kenner des Winklerschen Werkes die Aufsatzsammlung selber keine Überraschung. Sie zeigen, wie Deutschland, welches durch obrigkeitsstaatliches Denken und seine politische Kultur und Tradition - insbesondere den, einen Gegensatz zwischen "Kultur" und "Zivilisation" zu gerieren, den es nicht gab, einen anderen Weg ging als seine westlichen Nachbarn. Ob man dies - und den preußischen Einfluß - im Anschluss an Hans-Ullrich Wehler nun als "Sonderbedingungen" der deutschen Geschichte beschreibt, ob man dies als "Sonderweg" - von der westlichen Entwicklung sieht (wie Winkler) oder ob man - wie etwa Wilhelm von Sternburg in seinem Band: "Deutsche Republiken: Scheitern und Triumph der Demokratie" (1999)keinen deutschen "Sonderweg" gelten lassen möchte ("Aber dies alles war noch kein "Sonderweg" (Wilhelm von Sternburg)) ist eine der diskutierten und umstrittenen Fragen in der Geschichts- und Politikwissenschaft bis heute. Für alle diese Auffassungen gibt es m.E. plausible Argumente.

Insofern bietet der Band auf den ersten Blick nichts "neues". Wohl aber fasziniert er den Leser durch genaue Analyse in den großen Linien ebenso wie im Detail. Jede von Winklers Feststellungen wird akribisch mit Quellen belegt (und die zu Rate gezogenen Quellen - oft Originalquellen, mit denen Winkler seine Thesen belegt, sind beeindruckend). Winkler selber ist auch durchaus fähig zu selbstkritischem Denken. Dies wird vor allem im Vergleich zweier Aufsätze zum Historikerstreit deutlich, die hintereinander in dieser Sammlung abgedruckt sind. "Auf ewig in Hitlers Schatten?", der Aufsatz, der den Buchtitel bildet, erschien erstmals 1986 in der Frankfurter Rundschau. Doch in dem folgenden Beitrag "Kehrseitenbesichtigung", beinahe 10 Jahre nach dem ersten Aufsatz ebenfalls in der Frankfurter Rundschau publiziert, geht Winkler durchaus kritisch mit Teilen seiner früheren Schlussfolgerungen um, v.a.mit seiner Feststellung am Ende des Erstaufsatzes, angesichts der Rolle, die Deutschland bei der Entstehung der beiden Weltkriege gespielt habe, könne Europa und sollten auch die Deutschen ein neues politisches Reich, einen souveränen Nationalstaat, nicht mehr wollen. Diese Feststellung von 1986 revidiert Winkler in seinem späteren Beitrag. "An meinem eigenen Beitrag...stört mich heute die Selbstgewißheit, mit der ich damals Künftiges vorwegnahm....Woher konnte ich wissen, dass es einen deutschen Nationalstaat nicht mehr geben würde?" (S. 146). Diese Fähigkeit zur Infragestellung der eigenen Auffassungen hat mir sehr imponiert und zeugt von einer wirklichen liberalen Haltung, für die dieser Historiker steht.

Doch worin liegt das Besondere dieses Buches - gerade gegenüber dem Standardwerk: "Der lange Weg nach Westen?" Er liegt an dem letzten Beitrag: "Was heißt westliche Wertegemeinschaft?" Hier - in seiner letzten Vorlesung als Professor an der Berliner Humboldt-Universität, liegt der wahre Wert dieses Buches - und so viel sei als Fazit schon vorweggenommen: schon um dieses einen Aufsatzes willen, der im April-Heft der Zeitschrift "Internationale Politik" abgedruckt worden war, lohnt sich der Kauf dieses Buches. Winkler analysiert genau, was er unter "westlicher Wertegemeinschaft" versteht und belegt seinen "Versuch einer Begriffserklärung" (S. 180) anhand von drei Thesen: Es gibt - so Winkler - keine europäischen, sondern nur westliche Werte. Nur der Westen habe als Grundlage von eigenen Werten "dualistischen Geist" und infolgedessen Widerstandsrecht und Gewaltenteilung hervorgebracht. Diese Gewaltenteilung untersucht Winkler anhand eines Vergleiches der amerikanischen und der französischen Verfassung. In den Menschenrechtserklärungen des späten 18. Jahrhunderts - die ein Ergebnis des transatlantischen Zusammenwirkens gewesen seien - wurde der Grund für eine gemeinsame Wertegemeinschaft gelegt: das "politische Projekt" des Westens. Die zweite These Winklers: Die Verwestlichung des Westens war ein ungleicher Prozess, dessen Hauptmerkmal die Ungleichzeitigkeit gewesen sei. Hier gelingt Winkler in Kurzfassung eine vergleichende Zusammenfassung der unterschiedlichen Demokratisierungsfortschritte in den westlichen Ländern - von der als von ihm als durchaus konservativ gesehenen amerikanischen Revolution (konservativ, weil sie vom britischen König Rechte einforderte, die die britische Verfassung den Bürgern garantierte und die verletzt worden waren) über die französische Revolution, die mit der englischen "glorious Revolution" beginnende Ausweitung der Partizipationsrechte, dem konfliktreichen Weg zur Demokratisierung in Spanien und Portugal sowie dem spät geeinten Italien. "In keinem Land des Okzidents stießen die demokratischen Ideen des Westens auf so hartnäckigen Widerstand wie in Deutschland". So konnte Ernst Bloch 1932 Deutschland das "klassische Land de Ungleichzeitigkeit" nennen - eine korrekte These, wie Winkler zeigt. Es bedurfte der Erfahrung der nationalsozialistischen Diktatur, dem Höhepunkt der deutschen Auflehnung gegen die politischen Ideen des Westens, um den antiwestlichen Ressentiments der deutschen Eliten und breiten Schichten der Bevölkerung allmählich den Boden zu entziehen. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Ende seines anti-westlichen "Sonderweges" sei nun die Wiedervereinigung des Westens mit der Aufnahme von acht mitteleuropäischen Staaten, die alle zum alten Okzident, jenem Teil Europas gehörten, die im Mittelalter ihr geistliches Zentrum in Rom hatten und zur Westkirche gehörten, in Angriff genommen worden. Nur dieser Teil Europas hatte die beiden vormodernen Formen der Gewaltenteilung, die Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt und die von fürstlicher und ständischer Gewalt erlebt. Folglich können nun "zusammenwachsen, was zusammen gehört" (Willy Brandt). Winkler fordert von allen Staaten der EU die "vorbehaltlose Öffnung gegenüber der politischen Kultur des Westens." Dies müsse das Kriterium sein, an dem die Europäische Union ihre Mitglieder und alle Staaten messe, die ihr beitreten wollten. Um sich gegenüber der politischen Kultur des Westens zu öffnn, müsse man keinen Teil des historischen Okzidents bilden, aber die westlichen Werte und die Normen, die den Kopenhagener Beitrittskriterien der EU von 1993 zugrunde liegen, akzeptieren. Die politische Kultur des Westens - so Winklers dritte These - sei pluralistisch und müsse deshalb eine Streitkultur sein und bleiben. Mehrheitsherrschaft alleine sei - wie das Ende Weimars gezeigt habe - eben kein Garant der Demokratie, wenn es keine hinreichend große Gemeinsamkeit an Grundwerten gäbe. Auch das Scheitern der Demokratisierung des Irak nach 2003 zeige, dass ohne die Erfahrung dieser gemeinsamen Werte ein fremdes Land sich eben nicht zur Demokratie umerziehen lasse. "Westliche Errungenschaften bis hin zum Rechtsstaat, der Gewaltenteilung und der Demokratie sind schon von zahlreichen nicht-westlichen Gesellschaften übernommen worden...Doch der Westen hat längst aufghört, die Welt zu dominieren...Der Anspruch der unveräußerlichen Menschenrechte aber bleibt ein universaler. Da ihre globale Durchsetzung sich nicht erzwingen lässt, kann der Westen nichts Besseres für sie tun, als sich an seine eigenen Werte zu halten, für sie zu werben und dort, wo es möglich ist, den krassesten Verletzungen des Menschenrechte[s] mit allen Mitteln, einschließlich humanitärer Interventionen, entgegenzutreten. Folglich müßte der Westen insgesamt sich für eine entsprechende Reform der Vereinten Nationen und eine Überarbeitung ihrer Charta, also für eine Weiterentwicklung des Völkerrechts, stark machen...Aus der Geschichte des Westens läßt sich lernen...Das Projekt des Westens ist unvollendet, und wird es vermutlich immer bleiben. Aber es läßt sich weiterentwicklen. Wenn der Westen den Gedanken der Wertegemeinschaft nicht nur feierlich beschwört, sondern ernst nimmt, kann er noch viel für die allgemeine Geltung der Werte tun, die wir aus guten historischen Gründen die "westlichen" nennen." (S. 201). Lesen Sie weiter... ›
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von W. Öschelbrunn TOP 500 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
"Auf ewig in Hitlers Schatten?" von Heinrich August Winkler ist eine Sammlung von 20 Aufsätzen und Essays zur deutschen Geschichte von 1848 bis heute. Winkler bedient sich einer klaren Sprache, er erklärt Zusammenhänge und arbeitet Querbezüge bzw. wiederkehrende Motive heraus. Im Unterschied zu einigen seiner geisteswissenschaftlichen Kollegen vermeidet er es mit Wissen aufzuschneiden und sich an kulturhistorischen Querverweisen und Zitaten zu berauschen. Hierdurch gelingt es Winkler seine Gedanken einer breiten, historisch wie politisch interessierten Leserschaft verständlich zu machen.

Winkler schlägt dabei einen breiten Bogen. Er beginnt mit der liberal-bürgerlichen Revolution von 1848 und ihrem Streben nach Freiheit und Einheit, erläutert ihr Scheitern und die spätere schrittweise Verwirklichung ihrer Ziele zunächst durch Bismarcks Reichsgründung (Einheit) und dann durch die Weimarer Verfassung (Freiheit). Ausführlich widmet er sich der Gründung und dem Scheitern der Weimarer Republik. Besonders interessant für mich dabei die Ausführungen zum Umgang der SPD mit der Kriegsschuldfrage 1918/19 sowie die Betrachtungen zur Rolle Hindenburgs ("Betrachtungen über einen Unpolitischen") beim Scheitern der Weimarer Republik.

Im Mittelpunkt der Mehrzahl der in diesem Buch zusammengefaßten Aufsätze steht Deutschlands (holprige) Annäherung an den Westen sowie die in der Abgrenzung vom Westen zu findenden Ursachen für den deutschen Irrweg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ebenfalls als roter Faden durch die Kapitel des Buches zieht sich die Notwendigkeit zur Auseinandersetzung mit genau dieser Geschichte. In diesem Zusammenhang widmet sich Winkler auch dem deutschen Historikerstreit der 80er Jahre. Gewissermaßen als Ausblick auf das neue Jahrtausend widmet sich Winkler der Idee des zusammenwachsenden Europas sowie der Folgen der unterschiedlichen Wege der Staaten Mittel- und Osteuropas durch das 20. Jahrhundert.

Für mich hat Winklers "Auf ewig in Hitlers Schatten?" viele interessante Aspekte bereitgehalten, so dass ich mich jetzt auch Winklers umfassenderen Werken ("Der lange Weg nach Westen") widmen werde.
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