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Tour de Wolga, 26. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Auf einem blauen Elefanten: 8353 Kilometer mit dem Fahrrad von Berlin an die Wolga und zurück (Gebundene Ausgabe)
Wenn man nach Saratov im Wolgagebiet will, kann man sich am Berliner Bahnhof Lichtenberg
eine Fahrkarte für den längsten Zug kaufen, der von deutschem Boden ausgeht
und 2 Tage und 2 Nächte weiter ist man schon da.
Christoph D. Brumme hat aber ein 21-Gänge-Rad und nimmt eben das. Wobei das größte Problem
ungefähr so ist:
Er holpert in ein Dorf, seine Wasserflasche fällt laut klappernd runter,
geht zu Bruch, die Hunde an den Ketten bellen um die Wette, wer ihn denn nun fressen darf,
die Enten schnattern, der Besitzer kommt raus, lädt ihn zum Essen ein , schenkt ihm eine
neue Flasche, es gibt Bratkartoffeln mit Ei, im Nu fertiggestellt und beginnt dann,
alle Frauen anzurufen die er kennt um Christoph D. Brumme an eine davon zu verheiraten.
Auf Seite 202 angelangt, man kann es im Gegensatz zu den Etappen, die Brumme
natürlich machen muss, in einem Rutsch lesen, steht dies:
Die Frage, was mir in Russland gefällt, kann ich mit einem Wort beantworten -alles.
Und wenn man das obige Erlebnis liest, das er in hunderten Variationen noch weiter
erfährt, versteht man auch , warum.
Es gibt den Tag der Krankenschwester, den Tag des Fahrradfahrers, den Tag des Feuerwerkers,
den Tag des Buchhalters, und alles muß kräftig gefeiert werden..
Wichtig ist immer die Dusche und einmal bietet eine Frau ihm eine an, auch Übernachtung,
deren Mann wohl gerade entfleucht ist und während die Schwester ihr zuruft, sie solle
für das Rad 10 Euro extra nehmen, umgerechnet, kommt die Frau ohne Mann, gerade als er
sich einseift, herbei und lupft den Vorhang um sich ihn genauer anzuseh'n..
Unterwegs keine Panne mit dem Rad, keine Räuber, bloß nachts stuken die Maulwürfe
von unten gegen den Zeltboden, da gibt's natürlich was auf die Nase.
Einmal hat er versehentlich ein Huhn auf dem Gepäckträger und draußen rumort
es so. Das waren die Wölfe, die wollten es auch haben. Da wurde es dann kurz gefährlich
-für wen ? Für die Wölfe , denn Brumme hatte ja sein Fahrradkettenschloß in der Hand.
Das auch eine gute Waffe ist.
Stört ihn was unterwegs? Es ist nicht viel, immer die gleichen Fragen, ob er eine Landkarte
dabei hat? Nein, er fährt nach Schnittmusterbogen.
Bei dem Buchtitel dachte ich zunächst , na jetzt übertreibt er aber, möchte es gern lyrisch.
Aber es ist die nackte Wahrheit. Gewiß, Fahrräder gibt es überall, aber wenn er im letzten
ukrainischen Nest mit seinem bepackten Rad in seiner Tour-de Wolga-Kluft mit Helm auftaucht,
staunen die Dorfbewohner Bauklötzer und die Lastwagenfahrer in ihren haushohen LKW's ver-
gessen zu lenken. Als ob er auf einem blauen Elefanten angeritten käme, genauso.
Er hat Musik von Rammstein und The Doors dabei, außerdem Nietzsche, Kleist, Kafka, Dostojevskij,
Brecht, Hölderlin.
Unterwegs fotografiert er seltsam schöne Buswartehäuschen, die dort eine ähnliche Funktion
haben wie in Berlin oder Moskau die U-Bahnhöfe. Sie sind ganz unerschiedlich, meist mit
Mosaiksteinen und viel künstlerischem oder handwerklichen Aufwand gestaltet.
Er hat viele davon fotografiert, farbig, leider-leider sind sie nur im Buch selber zu sehen,
nicht etwa schon auf dem Umschlag.
Seine Tour spricht sich herum, vorher war immer schon ein Franzose da auf dem Weg von Paris
nach Kasachstan . Und so kommt es, dass er je weiter er kommt desto öfter schon aus dem Radio
oder Fernsehen bekannt ist. Das erleichtert vieles. Skurrile Erlebnisse mit der russischen
Bürokratie inbegriffen.
Er kann natürlich Russisch und zur Not gibt es in Saratov einen Deutschen Lesesaal.
Welches das beliebteste Land in Rußland ist? Kaum zu fassen: Es ist Deutschland.
Auf den Krieg wird er , wohl aus Taktgefühl, selten angesprochen obwohl er allen ständig
bewußt ist. Daß alle Russen mindestens zwei deutsche Wörter kennen ist was anderes.
Die heißen 'Geil Gitler'. Weil die Russen kein 'h' sprechen können.
Kleine DDR-Reminiszenzen sind auch schön zu lesen, so daß in dem Märchen Aschenputtel
der Gebrüder-Grimm-Satz 'Das Kind war fromm' in der Version ' Das Kind war brav' zu
lesen war.
Ich habe mir so an die 30 Seiten notiert auf die ich hier Bezug nehmen wollte, aber
das geht natürlich nicht. Irgendwo taucht im Text über einen russischen Politiker das
Wort Teufelskerl auf. Das ist Brumme natürlich selber auch.
Eins ist merkwürdig: Wund- und Heilsalbe hat er, scheints, nicht mitgenommen..
Falls er nocheinmal etwas ähnliches schreiben sollte, bin ich, bequem auf'm Sofa sitzend,
statt im Sattel, lesend dabei.
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