Bewertet wird die komplette Saga.
Ich will gar nicht groß um den heissen Brei herumreden. Die Drachentempel-Saga gehört mit zum Besten was ich je lesen
durfte.. und das war nicht wenig.
Keine arroganten, hochnäsigen oder achso weisen, weltoffenen und dabei doch zurückgezogenen Elfen.. Keine mürrischen, aber im Grunde ihres Herzens doch so anhänglichen Zwerge.. Keine blöd herumhampelnden Halblinge/Kender/Was auch immer..
Seien wir mal ehrlich.. Das Fantasy-Genre ist -oder besser "war"- tot. Diese ganzen Salvatores, Feists und wie sie nicht alle heissen hat man sich doch nur aus falscher Nostalgie ins Regal gestellt.. Stilvolle, bunte Frontcover die wehmütig an die guten alten Rollenspielabende erinnerten.. wir fielen/fallen immer wieder darauf herein.. Nie wieder kommt mir soetwas ins Haus.. Vorallem nachdem ich Janine Cross angebliches "Erstlingswerk" lesen durfte (Meine Güte.. es gibt Autoren die hauen alle 2-3 Monate ein Werk auf den überfüllten Markt und erreichen nicht annähernd Cross`s literarisches Niveau).
Der erste Band liest sich, zugegebenermaßen, ein wenig mühselig.
Langeweile kommt nie auf, es liegt vielmehr an den sich wiederholenden, scheinbar nie enden wollenden, Schicksalsschlägen die über die Protagonistin einbrechen und mit denen sie zu kämpfen hat. Cross ist eine erbarmungslose Autorin. Sie widersetzt sich scheinbar allen ungeschriebenen Gesetzen der klassischen Fantasyliteratur.
Und das ist auch gut so!
Spätestens im zweiten Band weiss man wofür man gelitten hat. Die Handlung treibt einem fulminanten Höhepunkt entgegen. In jeder Zeile ist es zu spüren. Cross ist eine regelrechte Psychologin, eine Meisterin ihres Fachs. Jeder Erfolg, jeder kleine Triumph, jedes Aufbäumen und "sich Widersetzen" ist -angesichts der vorausgehenden Erniedrigungen und des Leids mit dem die Protagonistin sich konfrontiert sieht- ein einziges, nie dagewesenes Lesevergnügen.
Der dritte Band läuft etwas langsamer an, verfängt sich scheinbar ein wenig, kommt dann ab Mitte wieder in gewohnt schnelle Gewässer und macht ebenso staunend wie sein Vorgänger.
Zum Sprachstil und zur Übersetzung gibt es nur Gutes zu vermerken.
Cross childert die Umgebung in der sich ihre Protagonistin aufhält, die Gerüche die ihr entgegenströmen und das Ambiente das sie umgibt farbenfroh und wortgewandt. Immer auf literarisch durchaus gehobenem Niveau, dabei nie ausufernd oder ermüdend.
Wolfgang Thon als Übersetzer macht seine Sache, wie fast immer, hervorragend. Die kleinen Schnitzer die er sich leistet sind mehr als zu verschmerzen, und den meisten Lesern werden sie nicht einmal auffallen.
Cross Welt ist düster, verstörend, widerlich patriarchalisch und dabei doch nie klischeehaft, immer in sich logisch und alles andere als "an den Haaren herbeigezogen".
Die liebevolle Charakterisierung der Protagonistin ist phänomenal. Man fürchtet, leidet, weint und.. freut sich mit ihr.
Nie muss man sich über alberne Fehltritte, angeblich so "mädchenhaftes" Gehabe oder andere Dummheiten ärgern.
Zarq ist die herausragendste weibliche Romanfigur der Fantasyliteratur überhaupt. Kein Autor hat es bisher geschaft (gewagt?!) einen dermaßen verstörenden, erfreulich schonungslosen aber nie billig reisserischen und dichten Plot zu weben.
Das ist die große Kunst die dieser Romanreihe innewohnt.
Dass hier einige die "Erotik" als widerlich und abstossend bezeichnen kann ich, ehrlich gesagt, nicht ganz nachvollziehen. Vorallem stellt sich mir die Frage nach der Relevanz des Aufgreifens der Thematik. Ob eine Vergewaltigung oder eine Beschneidung per Definition (!) "erotisch" ist tut überhaupt nichts zur Sache. Solche abstossenden Szenen sind dramatisierende Stilmittel. Es bedarf eines unglaublichen Gespürs und Feingefühls um solche Szenen glaubwürdig und nicht effekthascherisch darstellen zu können. Cross kann das.
Sich über soetwas aufzuregen ist, angesichts plündernder und mordender Orks und anderer Fabelwesen die sich in diesem Genre tummeln, mehr als heuchlerisch.
Zu behaupten Cross brächte frischen Wind ins angestaubte Fantasy-Genre ist, angesichts dieses Meistwerwerks, fast schon eine unverschämte Beleidigung da eine rigorose Untertreibung.
Das ist kein "frischer Wind", das ist schlechtestenfalls ein reinigender Monsun.
Wie so vielen vielversprechenden und mutigen Autorinnen wird auch Cross wohl der Ruhm verwehrt bleiben der ihr zusteht.
Dazu scheint ihr Werk zu unangepasst, zu rebellisch. Es steckt einfach zuviel Literatur in diesem Meisterstück um auf dem mit 0815-Schinken überschwemmten Markt bestehen zu können.
Deshalb bleibt für mich nur eins zu sagen:
Kaufen!