Nachdem über viele Jahre hinweg eher die Kritik an den bestehenden Schulverhältnissen, den Lehrern und der Kultusbürokratie im Vordergrund der öffentlichen Debatte standen, mehren sich nun die Veröffentlichungen ( und, da bin ich sicher, auch die vielen unbekannten Beispiele in der Praxis), in denen optimistisch, praxisnah und zukunftorientiert die Bildungsdebatte jenseits der Diskussion von Strukturfragen und Organisationsproblemen angegangen wird.
Das vorliegende Buch des seit 28 Jahren als Gymnasiallehrer tätigen Autors Michael Felten ist ein gelungenes Beispiel dafür. Er geht, wie ich finde, vollkommen richtig, davon aus, dass es nicht so sehr die Struktur und die Organisation der Schule ist, die den Schulerfolg der Schüler und die Chancengerechtigkeit in der Schule gewährleisten, sondern er befasst sich in seinem Buch mit einem schon den früheren Generationen bekannten, von jedem ehemaligen Schüler selbst erlebten und dennoch in der Vergangenheit in der Debatte fast vergessenen und jedenfalls immer weit unterschätzten Kern allen Lernens in der Schule, dem menschlichen Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern, das, was er die pädagogische Beziehung nennt. Bernhard Bueb hat in seinen beiden Büchern darauf hingewiesen, Jesper Juul predigt es seit langem auch für Eltern: Führungsfreude, Methodenklarheit und vor allen Dingen Empathie, Einfühlungsfähigkeiten, die unabdingbar sind für den Lehrerberuf. Lange hinter der reinen Wissensvermittlung zurückgeblieben, legt Michael Felten in diesem für Lehrer wie Eltern gleichermaßen interessanten und empfehlenswerten Buch seinen Fokus auf die Person und das Verhalten des Lehrers und der Lehrerin. Er gewinnt dabei viele überraschend positive und optimistische Perspektiven für einen gelingenden Schulalltag in Strukturen und Verhältnissen, die man zwar weiterhin im Blick halten muss, die aber für den schulischen Erfolg und die Freude am Lernen, die "pädagogische Beziehung" ( früher nannte man das auch schon einmal den "pädagogischen Eros") eher zweitrangig sind.
Man darf das Buch schon vom Titel her nicht verstehen als Lehrerschelte, sondern es ist in wörtlich verstandenem Sinne eine "Zumutung" , eine Ermutigung an alle Menschen, die in unseren Schulen mit Kindern arbeiten. Für sie speziell hat er sein lesenswertes und aufbauendes Buch auch gespickt mit vielen praktischen Beispielen.
Für Lehrer mit langer Berufserfahrung ist es genauso geschrieben wie für den Berufseinsteiger, der sich noch mit seiner Motivation herumschlägt. Fazit: wenn du als junger Mensch dich mit der Frage befasst, Lehrer zu werden und dich nach eingehender Prüfung zu der in diesem Buch von einem Lehrer erwarteten emotionalen und menschlichen Qualität nicht in der Lage siehst, solltest du von diesem Beruf Abstand nehmen. Spricht dich diese Haltung an, spürst du so etwas als Fähigkeit in dir, die du vielleicht durch Ausbildung und Supervision noch ausbauen kannst, dann ergreife mit Freude diesen wunderbaren Beruf und lass dich von keinen strukturellen oder organisatorischen Fragen mehr abschrecken. Du kannst mit deiner Person mithelfen, dass sich etwas ändert in unseren Schulen.