Diese Tiny Tales sind wirkliche Literatur im Twitter-Format; auch wenn man sicher überlegen wird, ob es hohe Literatur im ursprünglichen Sinne ist. Die Kurzesätze-Geschichten sind extrem verdichtet und kommen fast Gedichten näher als Geschichten und Erzählungen. Hier werden die Lesenden sogleich wachgerüttelt, machen ihre eigenen Vorstellungen und werden mit oftmals skurrilen Endsätzen überrascht und verstört. Manchmal bleibt einem geradezu die Spucke weg, weil man von einem Happyend ausgeht oder von einer Normalität, die plötzlich ins extreme Gegenteil wechselt.
Das Schwarz-Blau der Zwischenblätter ist mit einzelnen Graphiken ein guter Aufhänger und sortiert die vielen "Twitter-Geschichten" in einzelne Themenkapitel, wie zum Beispiel Angst, Anfang, Lüge, Chaos, Irrtum, Überraschung, Hass, Wahrheit, Täuschung.
Der Epilog erläutert noch einmal die Art der Geschichten und bringt es auf den Punkt: So seien die "TINY TALES kleine Luken, durch die der Leser in große Geschichten hineinschaut. Ganz kurz. Aber gerade lange genug, um die entscheidenden dramaturgischen Knotenpunkte zu sehen..." (S. 180)
Wie die "Elfchen" in den Schulen helfen, kleine Gedichte zu verfassen, so sind die TINY TALES eine gute Möglichkeit, den literaturmüden Menschen Geschichten näher zu bringen. Und wer weiß, vielleicht entwickelt sich hier auch eine weitere Szene, die sich wiedermal ganz anders mit Literatur auseinandersetzt und die rasante, digitale Wirklichkeit in Sprache umsetzt.
Ein tolles Mitbringsel, das garantiert gut ankommt - selbst bei sogenannten - "Lesefaulen"!