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Helmut Schmidt ist ein genauer und hervorragend informierter Beobachter. So lesen sich die Beträge keinesfalls als reine Auflistung der Versäumnisse der Kohl-Regierung. Vielmehr mahnte er zu jedem Zeitpunkt konkrete Kursänderungen an, etwa im "Acht-Punkte-Programm" von 1991. Zu einer Zeit, in der Kohl noch von "blühenden Landschaften" sprach, präsentierte Schmidt bereits eine ungeschönte Zustandsbeschreibung, eine ehrliche Analyse, um daraus Forderungen abzuleiten: zu den Kompetenzen der Treuhandanstalt, zu Investitionsförderung oder zu Steuererhöhungen. Wer angesichts der wirtschaftspolitischen Analysen die befürchtete "Schmidt-Schnauze" vermissen sollte, sei auf das ebenfalls abgedruckte Interview verwiesen, in dem die fragenden Journalisten einiges einstecken müssen. Interessant ist auch die Entwicklung von Schmidts Einstellung zu Negativreaktionen aus Ostdeutschland. Brachte Schmidt in den ersten Jahren noch viel Verständnis für die Ängste und Nöte der östlichen Mitbürger auf, ist in den vergangenen Jahren eher von deren "Wehleidigkeit" zu lesen.
Am interessantesten ist vielleicht das Schlusskapitel, das analytische Destillat des Buches. In der abschließenden Betrachtung werden nicht nur die Kardinalfehler der Vereinigung zusammengefasst, sondern Schmidt stellt -- ganz wirtschaftspolitischer Pragmatiker und Realist -- ein konkretes Maßnahmenpaket vor: mehr Kompetenzen und den halben Mehrwertsteuersatz für den Osten sowie Konzentration auf "Wachstumskerne". Vor allem aber müsse der wirtschaftliche Aufholprozess der östlichen Bundesländer wieder ganz oben auf die politische Agenda. Und dies ist die vielleicht wichtigste Lektion für das politische Berlin. --Henrik Flor
6 Audio-CDs, 1 Bonus-CD im MP3-Format, Laufzeit ca. 6:30 Stunden. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Die chronologische Anordnung der Zeitungsartikel, Reden und Interviews gibt einen exzellenten Einblick in den Prozess der deutschen Einigung und natürlich vor allem Schmidts Ansichten hierzu. So warnte er bereits im März 1990, dass „je besser der Umtauschkurs von Mark (Ost) in D-Mark, um so größer und schneller die Arbeitslosigkeit“ (40). Doch nur vier Monate später kam die 1:1 Umstellung, die Schmidt, wie er immer und immer wieder festhält, für den größten Fehler von Helmut Kohl hält, begangen aus wahltaktischen Motiven.
Im Mai 1991 beginnt er mir der teils äußerst polemischen Kritik an den politisch Verantwortlichen. „Aber wem eigentlich kann es Mut machen, wenn der Bundeskanzler heute noch in Halle und Erfurt seine wirtschaftlichen Illusionen verkündet?“ (63), hält er Helmut Kohl vor. Der gesamten Regierung attestiert er „ökonomische[.] Inkompetenz“ sowie „Schonfärberei“ (65). Noch deutlicher wird er im Februar 1992 als er der gesamten politischen Klasse „dilettantische Beschränktheit der Urteilskraft“ (89f.) vorhält. Auch die FDP, seit dem Seitenwechsel von 1982 Schmidts Lieblingsgegner, bekommt ihr Fett weg. Im Februar 1993 wettert er gegen den „puristische[n] marktwirtschaftsideologische[n] Wahn eines freidemokratischen Wirtschaftsministers“, der sich vielmehr durch „Polemik und Propaganda“ (118) als durch wirtschaftliche Kompetenz auszeichne. Schmidts Fazit zu diesem Zeitpunkt: „Das soll ein blühendes Land sein? Nein – so haben wir uns die Vereinigung unseres Landes wirklich nicht vorgestellt!“ (109)
Doch Schmidt belässt es nicht bei reiner Kritik sondern wiederholt immer wieder seine Vorstellungen um die (wirtschaftliche) Einigung Deutschlands in Gang zu bringen. Diese Vorschläge fasst Schmidt in seinem abschließenden Essay zusammen und können auf Seite 219 nachgelesen werden.
Fazit: Sicherlich, man könnte Schmidt Besserwisserei vorwerfen, da er ja damals nicht in politischer Verantwortung gewesen ist. Dennoch, liest man seine messerscharfen Analysen und die daraus resultierenden Vorschläge so wünscht man sich, dass 1989 nicht der Helmut aus Oggersheim sondern der Helmut aus Hamburg Kanzler gewesen wäre!
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