Neue Zürcher Zeitung
Gedichte von Felix Philipp Ingold
Den 25. Juni trennt vom nächsten 25. Juni ein ganzes Jahr. Ein Jahr umspannt auch der jüngste Gedichtband von Felix Philipp Ingold, «Auf den Tag genaue Gedichte», falls man sich an den kalendarischen Angaben orientiert, welche die Gedichte begleiten und diese «verorten». Für beinahe jeden Tag zwischen dem wohl zufälligen 25. Juni und dessen erster Wiederkehr steht hier ein Gedicht. Mit Angaben zu Tag und Monat, aber ohne Jahreszahl. Es gibt Tage, da fehlt das «entsprechende» Gedicht und ist dennoch gegenwärtig, weil der Platz dafür reserviert ist. An anderen Tagen wiederum stehen zwei Gedichte oder gar drei, das kalendarische Ordnungsprinzip wird damit überlagert oder unterwandert, in jedem Fall kenntlich gemacht.
Ein anderes Ordnungsprinzip ist der Umfang der Gedichte. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind es jeweils drei Verszeilen, die den Gedichten zur Verfügung stehen. «Genaue Gedichte» also, und zwar «auf den Tag», wie der Titel des Gedichtbandes annonciert. Zusammengenommen ist das zweifellos ein Programm: drei Zeilen, täglich ein Gedicht. «Nulla dies sine linea», denkt man sich natürlich, kein Tag ohne Zeile, wobei es Ingold wohl nicht primär um Schreibdisziplin zu tun ist. Denn das tägliche lyrische Notat ist auch eine Lizenz. Erlaubt ist, was sich in das Korsett fügt, erlaubt ist überraschend viel: Assoziationen so gut wie Erinnerungen, Zitate und Träume, Sprachspielereien, Gelegenheitsverse. Alltägliche Begebenheiten finden sich neben schönen und zuweilen sogar zärtlich genauen Beobachtungen, überraschende Gedanken neben Aperçus von grosser Beiläufigkeit.
Unter dem 16. März liest man beispielsweise das Gedicht «First»: «Wo sonst um diese Zeit die struppige / Taube hockt / ist heute nichts als Himmel. Man könnte meinen er sei leer.» Und unter dem 13. August ein Gedicht mit dem Titel «Last»: «Die lästigste / Erfindung ist ein Fetisch. Ein Laster / die glücklichste.» Oder, am 14. Januar: «Liebe / ist soviel wie. Wie / Recht auf Zufall. Gegen die Schwerkraft. Für die Erde / zu leicht.»
Die kalendarische Ordnung, indem sie wie eine Perlenschnur die einzelnen Gedichte anordnet, schafft aus den vielen kleinen Texten auch einen grossen Text, gleichsam einen ewigen Kalender. «Genau» mögen die Gedichte heissen, eingeschränkt wirken sie darum nicht, trotz aller formalen Enge; Witziges, Triviales, Verspieltes, auch Ernstes, alles ist möglich. Und nicht selten werden die Gedichte fündig, indem sie sich dem Eigensinn der Sprache überlassen und diese beim Wort nehmen: im assoziativen Spiel mit Wörtern, beim Aufspüren von verborgenen Nebenbedeutungen. Etwa in dem Gedicht, das dem Wort «Ameisen» nachspürt und schon im Titel Wortbedeutung und Wortlaut auseinander treten lässt: «Am Ei sehn»: «Am Ei sehn wir alles. Den Balken / im Aug des menschlicheren / Tiers. Das Eisen wie's schwimmt. Also lass es.» Lassen? Man soll sie nehmen, diese Gedichte, in denen das Eisen schwimmen kann.
Martin Zingg
Perlentaucher.de
"Man soll sie nehmen, diese Gedichte", meint Martin Zingg. Die Gründe, die er uns dafür angibt, sind allerdings nicht sehr überzeugend. Dass auf 100 Seiten lyrischer Arbeit viel erlaubt ist, wie er schreibt, "Assoziationen so gut wie Erinnerungen, Zitate und Träume", nun ja. Und ist nicht ein jedes Notat nicht nur das "tägliche lyrische", um das es hier geht Ordnungsprinzip und Lizenz zugleich? Wenn der Rezensent gleichsam hinter den vielen kleinen Texten, den täglichen, auch einen großen Text erblickt, so ist das ja immerhin etwas. Mehr jedenfalls als Gedichte, die wie apart vom "assoziativen Spiel mit Wörtern" zeugen.
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