Da bin ich stante pede beeindruckt. Es ist ein schönes Broschürchen mit prächtiger Aufmachung, mit manierlichen Farbphotos zu jedem Brunetti-Schauplatz, mit zweckmäßigen Karten auf dem ausklappbaren Vorsatz, mit zwei hilfreichen Registern (Bibliographische Zuordnung der Schauplätze S. 192-194; Stichwortverzeichnis S. 195-199), gutem Layout, splendidem Druck und Papier: Daher gleich vorab ein Lob an die Autoren - auch als Photographen - und an den Verlag!
Man muß zum Thema Über-Donna-Leons-Commissario-Brunetti-in-Venedig natürlich inzwischen schon Einiges bieten, da es dazu ja schon zwei Bücher in deutscher Sprache gibt: Katharina Holtmanns "Auf den Spuren von Donna Leons Romanen. Krimi-Schauplätze in Venedig" (Essen 22006) und Toni Sepedas "Mit Brunetti durch Venedig" (Zürich 2008). Meine Urteil zum Buch von Elisabeth Hoffmann und Karl-L. Heinrich fällt eindeutig besser aus, als zu den vergleichbaren, konkurrierenden Vorgängern (meine Rezensionen zu diesen bei amazon.de vom 11. April 2008 bzw. 12. November 2008).
Elisabeth Hoffmann und Karl-L. Heinrich stellen die Schauplätze der Krimis in Venedig vor, regen an, sie aufzusuchen, sich an den schönen Anblicken (Ja, Venedig ist immer und überall schön, auch da, wo es etwas heruntergekommen ist! Das beweisen auch die Photos in diesem Buch.) zu erfreuen. Ihr Buch ist auch Anregung, um noch mal oder überhaupt in die Donna Leons reinzuschauen, denn Elisabeth Hoffmann und Karl-L. Heinrich sind durchaus zurückhaltend mit ihren Texten und fassen nur jeweils kurz zu den Brunetti-Locations zusammen, was dort das Romanereignis ist. Ihr Buch ersetzt nicht die Lektüre der 18 von ihnen ausgewerteten der Krimis. Wo es Unterschiede zwischen literarischer Fiktion und Wirklichkeit (In realtà) gibt, ist das vermerkt, und auch die betreffenden Bände werden immer angeführt (Hier wünschte ich mir zusätzlich noch die Seitenangaben.). Es gibt hier zu Donna Leon keine kritischen Kommentare, aber deren gelegentlich unverkennbaren Vorurteile werden auch nicht reproduziert. S. 114, als Einleitung zum Kapitel 5 "Wohnen und Arbeiten", steht eine treffende Charakteristik: "Gerne sinniert Commissario Brunetti über die Schönheit seiner Stadt, die architektonischen Glanzstücke, die wie an einer Perlenschnur aufgereiht am Canal Grande liegen, und über die Schlichtheit seines Lieblingsviertels Castello, in dem noch das ursprüngliche Venedig lebendig ist. Umso mehr hadert er mit dem Ausverkauf seiner geliebten Serenissima an Touristen und reiche Ausländer... Auch vor baulichen Schandtaten schreckt der heutige Venezianer zu Brunettis Leidwesen nicht zurück, wobei dem Commissario explizit der Bahnhof, die Banca Cattolica (in realtà: Cassa di Risparmio) und das Hotel Bauer Grünwald aufstoßen [Sanft entschlafen]."
Dieses Buch ist eins für Fans von Commissario Brunetti und von Venedig. Freilich, nicht jeder Venedig-Tifoso, ist ein Brunetti-Freak, aber auch reinsten Venedig-Liebhabern kann ich die Broschüre von Elisabeth Hoffmann und Karl-L. Heinrich sehr empfehlen. Wenn Sie einfach Schönes in Venedig sehen wollen, Gebäude, Brücken, Plätze, Geschäfte, Restaurants und Cafés (speziell S. 42-77), Kirchen (speziell S. 104-113), andere Laguneninseln (speziell S. 148-169), dann nehmen Sie dieses Broschürchen in die Hand und lassen Sie sich von den schönen Photos hin- und verführen! Wenn Sie tiefer schürfen wollen, wenn Sie wissen wollen was, wann, warum, von wem gebaut wurde, wer wo gewohnt oder sich ereignet hat, welche merkwürdige Story es zu der einen oder anderen Örtlichkeit gibt, werden Sie sich natürlich zusätzlich ein gutes Guidebook kaufen, sonst in der reichhaltigen Venedig-Literatur nachlesen oder einen entsprechenden Stadtrundgang buchen (z.B. bei mir). Aber das muß man ja nicht. Einfach ein bißchen Sinnesfreude ist ja auch legitim. Elisabeth Hoffmann und Karl-L. Heinrich assistieren dem unaufdringlich. Manchmal wird dezent Zurückhaltung angemahnt. Wenn die Klingeln eines Hauses abgebildet sind, wo tatsächlich Brunetti und Vianello wohnen, heißt es: "Bitte nicht klingeln... Die in Venedig lebenden Brunettis wären vermutlich zutiefst befremdet, von Donna-Leon-Fans aus ihrer Privatsphäre geläutet und als Guido und Paola begrüßt zu werden." (S. 13) Oder: "...wirklich eine Wohnpartei Rossi in besagtem Gebäude, eine Verwandtschaft mit unserem Beamten ist allerdings auszuschließen (Von diesbezüglichen Nachfragen bei Rossis bitten wir dringend abzusehen...)." (S. 143) Klar, das macht man nicht! Ich behalte den Namen des schönen Cafés, in dem ich schon oft Donna Leon gesehen habe, ja auch für mich. Mir gefällt auch, daß Negativäußerungen von Brunetti-Leon zu Restaurants abgeschwächt werden, etwa so: "...die zweifellos freundlichen neuen Besitzer..." (S. 51), "über die dortigen Kellner können wir nichts Negatives berichten..." (S. 57), "leider steht nicht geschrieben, wie es ihnen (einem amerikanischen Arztehepaar) im Rosa Rossa gefallen hat" (S. 60). Gern aufgeklärt würde ich aber, wie es zusammenpaßt, daß man "laut Brunetti und Vianello nur Fremde und keine Einheimischen" in Harry's Bar treffe, während doch Vice-Questore Patta, der ja kein "Fremder" ist, dort gern sein tägliches Mittagsmahl einzunehmen pflegt (S. 65). Schauplätze aus den Verfilmungen (S. 170-191), die nicht mit den in den Büchern beschriebenen Örtlichkeiten identisch sind, werden leider nur einige vorgestellt. Das ist ja auch schwierig aufzuklären und manches ist vielleicht im Studio gedreht (Wäre auch interessant.). Daher: Liebe Filmrechteinhaber, bitte geben Sie doch mal Elisabeth Hoffmann und Karl-L. Heinrich die Informationen, was wo gedreht wurde, daß die es in einer späteren erweiterten Auflage alles vorstellen können (Aber dann bitte - ich pflege gern meine Tüpfelreitigkeit - mit genauer Angebe der Minuten:Sekunden auf den DVDs!)!
Fehler sind mir hier fast keine aufgefallen (Nein, mein Hobby ist es nicht, Fehler in Venedig-Büchern zu finden, und ich gräme mich jedes einzelnen!): Antonio Vivaldi wurde nicht am 4. März 1678 in S.Giovanni in Bragora getauft (S. 111). In der Taufurkunde, von der eine Kopie rechts neben dem Taufbecken angebracht ist, heiß es, die Wäscherin Margarita Veronese hätte als Hebamme gleich nach der Geburt am 4. März 1678 eine Nottaufe vorgenommen, wozu das geweihte Wasser zum Wohnhaus von Giambattista und Camilla Vivaldi gebracht wurde. Die ordentliche Taufe fand dann hier zwei Tage später statt. Das Kloster S.Pietro di Castello ist nicht mittlerweile" (S. 113) profanisiert, sondern diese Schändung erfuhr es bereits von Napoléon. Es wurde nach 1807 Kaserne, später wurden darin Wohnungen eingerichtet. Kein Fehler, sondern als sehr wahr hervorzuheben und als "Geheimtipp" zu empfehlen: Die Bibliotheka Marciana, die "sich zu Brunettis Freude unter anderem durch einen Mangel an Touristen auszeichnet" (S. 138). Auch kein Fehler, nur daß ich das kleine, innen sehr geräumige Haus am Campo Bandiera e Moro o della Brágora (S. 146) immer wieder mit einiger Wehmut sehe: Vor wenigen Jahren stand es zum Verkauf und mir fehlten ein paar Milliönchen. Vielleicht ist ja auch Caroman zu kaufen, aber die ehemals kleine Insel liegt nicht "auf hoher See", man fährt nicht zu ihr "durch das sturmgepeitschte Meer" (S. 168f), sondern sie ist durch die murazzi mit Pellestrina verbunden. Lagunenseitig - also auch nicht in der Adria - gibt es noch das Ottogone di Caroman (s. Heinrich Breidenbach: Die Lagune von Venedig. Häfen und Ankerplätze. Hamburg 2005 S. 133f).
Und sind wirklich alle Örtlichkeiten vorgestellt, wo sich Roman-Brunetti ereignet? Der schöne Schein sagt mir: Es fehlt nichts! Der gesunde Menschenverstand sagt mir: Das gibt es gar nicht! Als Nicht-Krimi-Leser kann ich es nicht beurteilen. Also: Lesen Sie selbst! Prüfen Sie es selbst nach! Und wenn Sie dabei auf Commissario Brunettis Spuren in Venedig wandeln wollen, bestellen Sie sich zusätzlich die Brunetti-Stadtrundgänge der Autoren.
Was man so alles nicht von Venedig weiß: alte Geschichten - neue Mythen