Wer Krakauer mag, wird auch sein neues Werk mögen. Denn seinem journalistischen Stil ist er auch in diesem Buch treu geblieben. Etwas zu treu nach meinem Geschmack, ähnelt es doch oft mehr einem Untersuchungsbericht als einem Buch. Die Geschichte des Pat Tillmann trägt einfach keine 440 Seiten lang. Eine Kürzung um 150 Seiten hätte dem Text gut getan. Manche werden einwenden, dass man halt ins Detail gehen muss, um die Persönlichkeit eines Menschen auch nur halbwegs zu beschreiben. Stimmt, aber dazu muss man nicht Dutzende Spielzüge aus irgendwelchen College-Football-Matches beschreiben. Mir ist schon klar, was Krakauer an Tillman fasziniert. Es ist nicht nur dessen Entschluss, einen millionenschweren NFL-Vertrag abzulehnen und statt dessen für 1200 Dollar als Mannschaftsdienstgrad in den Krieg zu ziehen. Das könnte eine Kurzschlussentscheidung gewesen sein. Nein, Tillman war über diese Entscheidung hinaus ein unkonventioneller, nonkonformistischer, kritischer Mensch (Welcher Mannschaftsdienstgrad im Gefecht hat wohl Homers Odysse im Gepäck?). Um die Vielschichtigkeit dieses Menschen zu verstehen, muss ich aber nicht wissen, in welchem Spiel er welchen Gegner den Ball abgenommen hat. Im Gegensatz zu seinem Buch "Into the wild" (in dem er einen ähnlichen Charakter beschreibt) verzettelt sich Krakauer hier leider zu sehr in Details. Er möchte nicht nur den Menschen Tillman zeigen; er möchte auch noch die Umstände seines Todes, die Umenschlichkeit des Krieges und die Verlogenheit der politischen und militärischen Führer akribisch offen legen. Das ist zuviel. Brillant zweifellos seine Recherche-Arbeit. Brillant auch seine Chronik des 30-jährigen Afghanistan-Konflikts und der umrühmlichen Rolle die die USA darin spielen. Für die eigentliche Botschaft des Buches benötigt er aber zuviele Seiten. Diese ist enthalten in einem der wunderbaren Zitate die Krakauer bringt: "Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit" (Hiram Johnson, amerikanische Senator, 1917).