Neue Zürcher Zeitung
John Berger: «Auf dem Weg zur Hochzeit»
Der englische Schriftsteller John Berger hat «ein grosses, trauriges und zärtliches Buch geschrieben, einen mitreissenden Roman der Gemeinschaft und des Mitgefühls, der in gewisser Weise über Schicksal und Tod triumphiert. Wo immer ich auf der Welt leben werde, ich weiss, dieses Buch werde ich bei mir haben.» Ein ebenso skeptisch wie neugierig machendes Statement, besonders wenn es sich auf der Rückseite des Buchumschlags befindet und zudem von einem Kollegen, dem kanadischen Autor Michael Ondaatje, stammt. Ist das wirklich zum Nennwert zu nehmen? Ist dem heute in der Haute Savoie lebenden Engländer, der vor fünf Jahren den Petrarca-Preis zugesprochen bekam und gerade seinen 70. Geburtstag feiern konnte, mit «To the Wedding» tatsächlich ein Meisterwerk gelungen?
Erzählt wird der jetzt auch in deutscher Übertragung unter dem Titel «Auf dem Weg zur Hochzeit» vorliegende Roman von einem blinden Griechen, genannt Tsobanakos, was soviel wie «ein Mann, der Schafe hütet» bedeutet. In der Plaka von Athen verkauft er «Tamata» tama kommt von tázo, ein Gelübde ablegen: «Dafür, dass sie ein Versprechen abgeben, erhoffen sich die Menschen Gnade oder Errettung.» Einer der Kunden ist ein durchreisender franko-italienischer Eisenbahner, der für seine Tochter Ninon ein Tama kauft, da sie wie sich Tsobanakos aus den Äusserungen des Vaters zusammenreimt an einer schweren, vielleicht unheilbaren Krankheit leidet.
Mit literarischer Gewandtheit und einer durchweg von einem lyrischen Klang getragenen Sprache entwickelt Berger in seinem ausserordentlichen Buch eine Story von brennender Aktualität. Da sein blinder Erzähler eine Art Seher ist, der zuweilen (zeitlich wie geographisch) weit entfernte Stimmen vernimmt, erfahren wir in geschickt zusammengefügten und stets unsere ganze Aufmerksamkeit fordernden Erzählfragmenten, was sich vor oder nach? dieser Begegnung auf dem Markt von Athen ereignet hat beziehungsweise ereignet haben könnte.
Die wirkliche «Offenheit» (und Wahrheit) des Textes, der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft auf ingeniöse Weise fliessend ineinander übergehen lässt, enthüllt sich erst bei nochmaligem Lesen. Berger hat seinen Roman derart raffiniert und subtil komponiert, dass eine Zweitlektüre notwendig ist, um sich bewusst zu werden, dass der «Weg zur Hochzeit» noch gar nicht zu Ende ist dies, obwohl wir in den Schlussepisoden der Geschichte durchaus einer echt italienischen Heirat beiwohnen.
Seine eigentliche Bestimmung erreicht das frisch und jugendlich wirkende poème en prose des heute siebzigjährigen Autors nicht nur, indem die aus den verschiedensten Richtungen Europas kommenden Nebenerzählflüsse im Dorf Gorino, das an der Mündung des Po liegt, konvergieren. Es erreicht sie vor allem auch, weil in der vom blinden Griechen imaginierten Geschichte kaleidoskopisch immer wieder Bewusstseinssplitter (der verschiedenen Protagonisten) aufblitzen, die sich schliesslich zu einem nachdenklich stimmenden Bild heutiger Wirklichkeit verdichten. Einer Wirklichkeit, der dies scheint im Text mehrfach auf trotz den «unheilbaren Krankheiten» mit Hoffnung und Lebensbejahung begegnet werden sollte. Nicht zuletzt deshalb, weil das Leben stets mehr als nur eine Möglichkeit offenhält. Zur Metapher gerinnt in solchem Verständnis die poetische Schilderung des vielarmig sich ins offene Meer ergiessenden Po.
Romeo Giger -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Kurzbeschreibung
An Ninons Schicksal haben Menschen unterschiedlicher Nationen Anteil. Ninon ist krank, und sie weiß, daß sie nicht mehr lange zu leben hat. Als sie mit Gino in einem Boot auf dem Po fährt, spürt sie mit geschlossenen Augen die Strömung. Gino aber vermag in der Strömung zu navigieren, und so will er Ninon zeigen, daß sie auch mit der Krankheit leben kann. An ihrem Hochzeitstag läßt sie sich vom Taumel der Lebensfreude mitreißen. Ninons Tanz wird zu einem Hymnus auf das Leben, gerade, wenn es am meisten bedroht ist.