Man muss wissen, dass dieses Buch erstmals 1987 in Brasilien erschienen ist. Damals ging "kein Mensch den Jakobsweg". Das Buch heißt im Original "O Diario De Um Mago". Die deutsche Erstausgabe erschien 1991 unter dem ziemlich stimmigen Titel: "Die heiligen Geheimnisse eines Magiers". Erst 1999 hat der Diogenes Verlag eine neue Auflage unter dem Titel "Auf dem Jakobsweg ... Tagebuch einer Pilgerreise nach S. de Compostela" auf den Markt gebracht. Und dieses Buch liegt heute noch vor.
Die Wahl dieses Titels war marketingtechnisch sehr geschickt und ist heutzutage im allgemeinen Jakobsweg Hype umso besser (was den Verkauf des Buchs angeht).
Viele Irritationen des Buches bzw. des Inhalts des Buchs sind aber durch die Wahl dieses Titels ausgelöst worden. Daher sind nicht die LeserInnen dumm, die sich über das Buch wundern, sondern der Verlag hat die LeserInnen nur unter dem Aspekt der Käuferinnen gesehen und ein wenig für dumm verkauft.
Im Buch geht es tatsächlich auch um eine Pilgerreise über den Jakobsweg. Der Titel ist daher ganz streng genommen (bei einer gewissermaßen wörtlichen Auslegung) richtig.
Man erfährt ganz viel über die Geschichte des Wegs. Über die Bedeutung des Wegs im Mittelalter. Dass auch z.B. Franz von Assisi diesen Weg schon gegangen ist. Und was Santiago de Compostela eigentlich heißt.
Aber das wesentliche des Buches ist nicht die Funktion der Reisebeschreibung oder des Tagebuchs, sondern das Wesentliche ist der Weg zu sich selbst, den Paulo Coelho hier an sich - an seinem Leben erfährt und auch beschreibt.
Paulo Coelho ist (oder war) Teil einer alten katholischen, von ihm R.A.M. genannten, Bruderschaft. Er nennt das hin und wieder auch "Tradition". Ich habe das nicht näher recherchiert, was sich dahinter verbirgt. Ich nehme an, ein Ableger der Tempelritter/des Templerordens. Die Tempelritter nehmen im Buch einen großen Raum ein.
Und im Buch beschreibt er ganz viele Dinge, die mit dieser "Tradition" zu tun haben. Darunter sind ganz viele faszinierende Dinge, aber auch Dinge die etwas seltsam oder gar abstrus vorkommen. (ich will das auf keinen Fall abwerten)
Es werden Meditationstechniken (Exerzitien genannt),aber auch geistige "Erlebnisse" beschrieben.
Zum Beispiel findet Paulo Coelho seinen eigenen Engel (Schutzengel) und noch wichtiger seinen eigenen (persönlichen) Dämon (der in der Tradition Bote genannt wird.) Mit diesem, seinem Dämon spricht er in der Folge regelmäßig. An einer anderen Stelle lernt Paulo Coelho seinen eigenen Tod (ganz persönlich und von Angesicht zu Angesicht) kennen. Und auch seinen persönlichen Todestag. (Dies fand ich schon etwas abstrus)
Ich will daher darauf hinweisen, dass dieses Buch auch ganz schön belasten kann. Menschen, die auf solche Dinge "labil" reagieren, können davon schon etwas mitgenommen werden.
Auf der anderen Seite können Menschen, die einen tiefen (?) Einblick in diese Magie und auch Faszination erleben wollen, ganz viel aus diesem Buch mitnehmen.
Es hat auch letztendlich ganz viel mit Jakobsweg zu tun. Denn Jakobsweg ist nicht nur eine sportliche Herausforderung, nämlich zwischen 700 und 2.500 km zu Fuß (je nach Startort) zurückzulegen. Sondern Jakobsweg ist tatsächlich eine Pilgerreise und daher auch "besinnlich" und vielleicht bzw. häufig auch Persönlichkeitsbildend bzw. -entwickelnd, weil es auch immer eine Reise zu sich selbst ist.
Für wen ist das Buch denn nun geeignet? Für Leute die von Sakrileg begeistert waren und nun mehr von Gralssuche und Templerorden erfahren wollen. Für Leute die einen Einstieg in diese oben erwähnten Fragen (Dämonen, Engel, Reise zu sich selbst, Tod, Macht, persönliche Stärke) finden wollen. Aber auch für Leute die schon ganz viele Reisebeschreibungen vom Jakobsweg gelesen haben und die noch einen ganz besonderen Aspekt hinzufügen wollen.
Es ist ganz sicher vollständig ungeeignet für ganz nüchterne Menschen, die alle übersinnlichen Dinge vollständig abtun. Ungeeignet für Menschen, die an keinerlei übergeordnetes Wesen glauben.
Wie soll man das Buch nun zusammenfassend beurteilen? Das Buch ist eigentlich sehr gut. Daher 5 Sterne. Der Titel ist aber irreführend. Daher deutlicher Abzug? Ich vergebe 3 Sterne und hoffe, den Inhalt und Sinn des Buches deutlich ausgebreitet zu haben.