'Seelenverlust' entspricht im schamanischen Heilen phänomenologisch offenbar ziemlich genau dem, was die Psychotraumatologie unter dissoziativen Ego States versteht. Aus schamanischer Sicht entfernen sich die traumatisierten Seelenanteile jedoch real von dem betroffenen Menschen in so etwas wie Parallelwelten hinein und können vom Schamanen / von der Schamanin von dort zurückgeholt werden. ' Beim aufmerksamen Nachvollzug habe ich immer neu (mit einiger Verwunderung) festgestellt, daß ich auch in diesem Buch 95% der Darlegungen nicht nur akzeptieren konnte, sondern ich fast alles als wertvolle Bereicherung sonstiger ressourcen- und imaginationsorientierter traumatherapeutischer Methoden empfinde. ' An die Existenz von Oberer, Mittlerer und Unterer Welt (im schamanischen Sinne) brauche ich nicht zu "glauben", aber ich empfand die wenigen Hinweise darauf auch in diesem Buch als in sich stimmige Metaphern oder archetypische Vorstellungen.
Was da "wirklich" geschieht während einer schamanischen Reise, werden wir von außen vermutlich nie erfahren ' aber das gilt letztlich für sämtliche Phänomene des menschlichen Bewußtseins. Jeder Traum ist real und irreal zugleich ' und jede Multiple Teilpersönlichkeit ebenso.
So seltsam es klingen mag: Die von Sandra Ingerman dargestellte schamanisch-therapeutische Praxis erscheint mir trotz ihrer irreal anmutenden Aspekte bodenständiger und erfolgversprechender als manche der elaborierten neuen Konzeptionen traditioneller therapeutischer Schulen.
Für ein anderes Buch von ihr scheint es derzeit nicht möglich zu sein, eine Rezension abzugeben:
Sandra INGERMAN: Heilung für Mutter Erde
(München 2002, Berlin 2006,. Neuausgabe noch nicht erschienen)
Eine seriöse und hochdifferenzierte Einführung in Schamanische Therapie als zeitgemäßer Weiterentwicklung traditioneller Methoden, wie sie insbesondere von Mircea Eliade und Michael Harner dokumentiert wurden.
Die Psychologin und schamanische Therapeutin Ingerman stellt Grundprinzipien der schamanischen Spiritualität dar, die in vieler Hinsicht den Aussagen unterschiedlicher spiritueller/mystischer Schulen entsprechen (Buddha, Ramana Maharshi, Thich Nhat Hanh, I Ging, Meister Eckart, Jesus, Martin Buber, Osho). Ich selbst "glaube" nicht an eine transpersonale Realität von manchem, was Sandra Ingerman erfahren zu haben meint, dennoch konnte ich dies alles annehmen wie archetypische Märchen, Allegorien oder Parabeln, durch die individuell neue 'imaginative Verbindungen' geweckt werden können zwischen dem isolierten (und insbesondere dem seelisch verletzten) 'Ich' und der Welt, deren (realiter!) unablösbarer Teil wir doch sind. In dieser Weise kann auch Schamanische Therapie beitragen zum therapeutischen Bemühen, die gnadenlose Isolation traumatisierter Menschen von der Welt aufzuheben.
Die grundlegenden Aspekte der hier dargestellten schamanisch-therapeutischen Haltung sind kompatibel mit anerkannten traumatherapeutischen Methoden (z.B. sich der Verbundenheit erinnern, einen heiligen Raum schaffen, mit dem Rhythmus der Natur arbeiten, die Kraft der Dankbarkeit, Rituale zum Loslassen).
Nachdem ich 240 Seiten mit Freude und staunender Zustimmung gelesen hatte (fast wie ein Kind, das sich wohlfühlen möchte in der Welt und hier gesagt bekommt: "Ja, du gehörst zur Welt!"), war es noch eine ganz eigene Erfahrung für mich, plötzlich von Hilfsgeistern zu lesen, mit deren Unterstützung real verschmutztes Wasser gereinigt werden kann, - und für mich froh zu entscheiden, daß ich daran zwar nicht glaube, ich es aber gleichwohl so stehenlassen kann, ohne das Bedürfnis, irgendwelche intellektuellen Konsequenzen zu ziehen. Wir müssen nicht alles beweisen oder widerlegen, um unseren Platz in der Welt zu finden, - so etwa war mein Gefühl. ' Ein seltenes Buch!
TRAUMA BERATUNG LEIPZIG