''Wenn Sie sich an irgendetwas aus diesem Buch erinnern sollten, so wird es daran liegen, dass Ihr Gedächtnis sich nach der Beendigung der Lektüre ein wenig verändert hat.' Sätze wie diese bringen neurologische Erkenntnisse auf den Punkt. Davon gibt es in Kandels Mischung aus Wissenschafts- und Lebensgeschichte genügend, um auch dem Laien eine verständliche Einsicht in die Erkenntnisse der modernen Neurologie zu ermöglichen. Allerdings dürfen Leser nicht davon getrieben sein, alles verstehen zu wollen. Doch Kandel macht es Leseperfektionisten leicht, über ihren Schatten zu springen. Denn die großen Zusammenhänge erläutert er in anschaulichen Bildern und spannenden Geschichten. Ich kenne jedenfalls nur ganz wenige Bücher, die dem gewöhnlichen Fußvolk die faszinierende Welt der Neuronen so verständlich erläutern.
Wie jedes gute Buch lässt auch das von Eric Kandel verschiedene Lesarten zu. Am wenigsten kommen vielleicht die Liebhaber detaillierter Autobiographien auf die Rechnung. Bis Seite 68, bzw. bis zur Aufnahme seiner Forschungstätigkeit in Amerika gewährt uns Kandel einen tiefen Einblick in sein Leben. Danach steht die Arbeit so im Vordergrund, dass wir gut nachfühlen können, wie Frau und Kinder damit zurechtkommen müssen, Teil einer größeren Aufgabe zu sein.
Jubeln können alle Leser, die aus erster Hand erfahren möchten, was in den Labors von Nobelpreisträgern gebastelt, gedacht und experimentiert wird. Künstler und Werber glauben ja oft, sie hätten die Kreativität für sich gepachtet. Doch mit der Kreativität ist es wie mit der Intelligenz, es gibt die verschiedensten Formen. Die meisten Forscher, von denen uns Kandel berichtet, sehen auf den Bildern aus wie biedere Buchhalter oder Drogisten. Vom äußeren Schein geblendet trauen ihnen die wenigsten so kreative Experimente zu, wie sie im Buch beschrieben werden. Lust am Entdecken weckt ganz offensichtlich die Phantasie.
Was das Inhaltliche betrifft, so verweise ich gerne auf die Besprechung von 'Don Bernardo', die mir sehr gut gefallen hat. Nur bei der Schlussbewertung komme ich zu einem anderen Resultat, weil ich die Fehler nicht so stark gewichte und Kandels Selbstverliebtheit eher unterdurchschnittlich finde. Was 'Don Bernardo' zum Urteil kommen ließ, Eric Kandel schreibe seine persönliche Erfolgsstory und opfere diesem Unterfangen den Realitätsbezug, weiß ich nicht. Bei mir kamen die Geschichten anders an. Denn immer wieder verweist der Autor auf den Zufall, auf Irrwege und auf andere Kollegen. Und es sind diese Verweise, die mir Buch und Autor sympathisch machen. Aber gerade die Beschäftigung mit Neurologie kann dazu beitragen, solch unterschiedliche Wahrnehmungen als völlig normal zu betrachten. Das Gehirn kennt keine Wahrheiten. In unserem Kopf gibt es 'bloß' über 100 Milliarden Nervenzellen, die ihre Muster so bilden, dass es individuellen Sinn ergibt. Sinn für alle Leser ergibt das ausgezeichnete Glossar. Ich kann mich nicht erinnern, auf ein ähnlich kompaktes und verständliches 'Lexikon' dieser Art gestoßen zu sein. Schade nur, dass dem Anmerkungsapparat und dem Namenregister nicht auch ein Sachregister beigefügt wurde.
Mein Fazit: Weder Autobiographie, noch wissenschaftliches Lehrbuch. Eric Kandel führt seine Leser in die Welt des Forschens und des Gehirns. Obwohl er zum Teil erstaunlich tief in die Details geht und dabei auf wissenschaftliches Vokabular zurückgreift, schafft er es auf wunderbare Art, den roten Faden immer wieder aufzunehmen. Wer nicht alles verstehen muss, wird dank Kandel besser verstehen, was sich in unseren Köpfen abspielt.