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49 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ausgezeichnete Erkenntnisse, 24. Juli 2006
Das verbreitete Desinteresse innerhalb der pädagogischen Zunft gegenüber Fragestellungen der Neurobiologie und der Kognitionsforschung ist mir weithin unverständlich. Meine Prognose geht dahin, dass in den vor uns liegenden Jahrzehnten die Hälfte der Erklärungen für das menschliche Verhalten mit der Struktur und Funktionsweise des Gehirns zu tun haben werden. Darüberhinaus kann ich mir recht gut vorstellen, dass "Spur" und "Umschrift" schon bald genauso zu unserem Wortschatz gehören wie "Verdrängung" oder "Projektion". Deshalb scheint mir mehr als ratsam, beizeiten zu lernen, seriöse Forschung von marktschreierischer Gaukelei zu unterscheiden.
Man lernt nie aus. Schon allein deshalb halte ich bei der Grundannahme einer biologischen Determination unseres Wesens größte Vorsicht für angebracht. Doch hier enden auch schon meine Gemeinsamkeiten mit den Skeptikern hinsichtlich der Arbeit von Hirnforschern. Besonders die hier vorgestellte Zusammenstellung aus persönlichen Erinnerungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen kann unseren Blick auf die zunehmend an Bedeutung gewinnende Disziplin der Neurobiologie sehr verändern. Eric Kandel hat den Kampf um meine Aufmerksamkeit hinsichtlich der Hirnforschung gewonnen.
Der im Jahre 2000 für seine Bahn brechenden Veröffentlichungen zum Kurz- und Langzeitgedächtnis mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Autor gilt als einer der weltweit führenden Neurowissenschaftler unserer Zeit. Eric Kandels Buch "Auf der Suche nach dem Gedächtnis" macht uns ein Stück Wissenschaftsgeschichte lebendig. Anders als viele seiner Fachkollegen zeigt er eindrucksvoll auf, dass wir keineswegs die willenlosen Marionetten unserer genetischen Anlagen sind, sondern dass wir, im Gegenteil, ungeahnte Möglichkeiten haben, unsere Wahrnehmung, unser Verhalten und unsere Umwelt zu verändern.
In seinen Studien fand Kandel heraus, dass einfache Verhaltensformen auf neuronalen Netzen beruhen, welche aus bestimmbaren, untereinander fest verbundenen Neuronen aufgebaut sind, während das Langzeitgedächtnis auf einer Neubildung von Proteinen beruht. In unsere Alltagserfahrung übersetzt bedeutet das vor allem, dass wir Bildung nicht kaufen können wie eine Elektrozahnbürste, sondern eine Menge dafür tun müssen müssen damit sie in uns Gestalt gewinnt, und dass unser Bild vom Gehirn als Schaltzentrale eines kybernetischen Regelkreises weithin unvollständig ist.
Kandel zeigt sehr eindrucksvoll auf, dass das Gehirn ein Ort ist, an dem sich ein Leben lang äußerst beeindruckende psychologisch-biologische Kommunikationsprozesse ereignen, die sogar - und das hat mich am meisten beeindruckt - unser Genom und unser Miteinander verändern können. Denn es ist ja über das verständliche Streben nach dem eigenen Wohlbefinden hinaus eine der interessantesten Fragen unserer Zeit, wie Seele und Gehirn unser Zusammenleben und unser aller Gesundheit beeinflussen. Für mich ist es äußerst interessant, zu lernen, in welcher Weise unser Gehirn und unsere Gene, die es reguliert, dem Einfluss der Umwelt verbunden sind und inwiefern dies einen WECHSELSEITIGEN Prozess darstellt. Deshalb denke und hoffe ich, dass dieses Buch viele weitere lesenswerte Veröffentlichungen zum Thema nach sich ziehen wird.
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32 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Zwei Geschichten, 10. Januar 2008
"Auf der Suche nach dem Gedächtnis" verbindet zwei Geschichten miteinander. Da ist zum einen die Geschichte des Lebens und der Forschung des Eric Kandel, und zum anderen wird die Geschichte der Neurowissenschaften erzählt. Auf gewisse Art und Weise steht Eric Kandels persönliche Geschichte exemplarisch für die Geschichte der Wissenschaft des Geistes, die zunehmend von der Biologie bestimmt wurde. Das Bemühen Kandels um ein Verständnis für das Gedächtnis wendet sich einem biologischen Ansatz zu, wird zu dem Bemühen, das Gedächtnis auf zell- und molekularbiologischer Ebene zu verstehen. Aber es ist nicht nur die zunehmend reduktionistische Arbeitsweise, die Kandels Forscherdasein mit der Geschichte der Neurowissenschaften verbindet, sondern auch die Art und Weise, die Geschichten sich und anderen zu erzählen und dabei eine Kohärenz und Stringenz zu schaffen, die so nicht existiert. Beide Geschichten sind merkwürdig bruchlos, sind schiere Erfolgsgeschichten, so dass man bisweilen ein wenig Reibung vermisst. Kritik oder Provokation sollte man hier also nicht erwarten und sich zudem bewusst sein, dass Vergangenheit, obwohl sie stattfand, vom Erzähler in einem aktiven Prozess in eine Geschichte geformt wird. Hin und wieder wird der Leser vielleicht auch Kandels Optimismus hinsichtlich des Erklärungspotentials der Biologie kritisch betrachten und sich wünschen, dass Kandel dies selbst getan hätte.
In seinem Vorwort schreibt Kandel, dass er sein Buch für Leser geschrieben hat, die ohne jedwede Vorkenntnisse eine Einführung in die Naturwissenschaft des Geistes suchen. Das hat er insofern geschafft, als dass er Fachbegriffe erklärt und überhaupt sehr verständlich und leidenschaftlich schreibt. Die Fülle an Informationen zu Versuchsaufbauten und Untersuchungsdesigns, zur Biochemie und Bioelektrizität macht dieses Buch zwar sehr detailreich und damit informativ, aber auch unüberschaubar. Und so werden wohl einige Leser am Ende weniger wissen beziehungsweise behalten, als sie erhofft haben. Andererseits vermittelt Kandel einen tiefen Einblick in die Forschung und die reduktionistische Sichtweise der Neurobiologie, so dass der Leser am Ende vielleicht nicht "weiß", so doch immerhin ein Gefühl für die Bedeutung der Forschung und die Arbeitsweise Kandels und seiner Kollegen hat.
Mit einer gewissen kritischen Distanz gelesen, bietet Kandels "Auf der Suche nach dem Gedächtnis" eine spannende und tiefgehende Reise in die Neurowissenschaften. Manchmal ist sie etwas anstrengend und kann den Leser angesichts der Detailfülle und Tiefe überfordern, aber immer schafft sie es, die Begeisterung und Leidenschaft des Autors für sein Fach und das Leben überhaupt zu vermitteln. Zudem lernt man einen großen Wissenschaftler unserer Zeit kennen. Für alle, die Interesse an den Neurowissenschaften haben, ist das Buch also, trotz einiger Kritikpunkte, absolut zu empfehlen.
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76 von 92 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
faszinierende Neurobiologie - leider mit Mängeln, 14. Mai 2006
Eric Kandel ist sicherlich einer der bedeutendsten Neurowissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Das vorliegende Buch ist eine Mischung aus Autobiographie und Beschreibung der Geschichte der Neurowissenschaften, wobei naturgemäß die eigenen Beiträge des Autors zur Gedächtnisforschung den Schwerpunkt bilden. Kandel gelingt es, die komplexen molekularen Mechanismen neuronaler Plastizität (=Umstrukturierung neuronaler Bahnen durch Lernen) einfach und auch für interessierte Laien verständlich darzustellen. Dazwischen berichtet Kandel auch über das Leben vieler WissenschaftlerInnen, die seinen Lebensweg gekreuzt haben und erzählt kleine Anekdoten, alles abgerundet mit Fotos der wichtigsten Persönlichkeiten.
Kandel wurde von den Nazis als Kind mit seiner Familie aus Wien vertrieben. Die Schilderung seiner Erlebnisse ist berührend und beschämt mich als Österreicher. Auch Kandels Schilderung seiner kürzlichen Besuche in Wien, v.a. sein Eindruck von derzeit noch aktiven Politkern und noch immer existierendem Antisemitismus ist aufschlußreich und regt zum Nachdenken an.
Jetzt zum Inhalt:
Kandel erläutert die Grundlagen der Erregung von Nervenzellen auf möglichst einfachem Niveau bevor er ausführlich auf die Mechanismen der Langzeitverstärkung synaptischer Verbindungen durch Konditionierung in der Meeresschnecke Aplysia eingeht. Als Pionier der Gedächtnisforschung hat Kandel mit diesem Organismus bahnbrechende Entdeckungen gemacht, die wie wir heute wissen, für die Ausbildung von Gedächtnis im gesamten Tierreich und auch im Menschen relevant sind. Im Jahr 2000 hat Kandel für diese Entdeckungen den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie bekommen.
Nach der sehr detaillierten Darstellung der von ihm entdeckten, relativ einfachen Mechanismen der neuronalen Plastizität in der Meeresschnecke Aplysia widmet sich Kandel der Ausbildung von Gedächtnis in Säugetieren und beschreibt dazu vor allem seine Arbeiten mit genetisch veränderten Mäusen. Zuletzt beschreibt er den aktuellen Stand der Forschung über die Rolle von Neurotransmittern bei psychischen Erkrankungen (Schizophrenie, endogene Depression) und mögliche neue therapeutische Ansätze in der Psychiatrie. Es ist ein wesentliches Ziel von Kandel deutlich zu machen, dass Gehirnfunktionen biochemisch/zellbiologisch erklärt werden können und dass psychische Erkrankungen solide biologische Ursachen haben, deren Aufklärung ein zentrales Anliegen der Neurobiologie im 21. Jahrhundert sein wird.
Vom sachlich-wissenschaftlichen Standpunkt ist das Buch vorbehaltlos zu empfehlen. Allerdings wird die Freude an der Lektüre durch mehrere Mängel etwas getrübt:
1. Das Buch enthält zahlreiche Fehler, die das Verständnis der Zusammenhänge für Nichtfachleute manchmal deutlich erschweren (z.B. die plötzliche Verwechslung der Proteine CREB und CPEB).
2. Kandel beschreibt seine wissenschaftliche Karriere als durchgehende Erfolgsstory. Jede seiner Überlegungen war zielführend, jeder experimentelle Ansatz hatte Erfolg. Wenn ausnahmsweise nicht er selbst sondern ein Postdoc eine bahnbrechende Idee hatte (z. B. die Rolle von Prion-artigen Proteinen bei der Ausbildung von Lanzeitgedächtnis), hat er das früher auch schon einmal gedacht usw. Es wäre schön und für die breite Leserschaft lehrreich gewesen, hätte Kandel den Prozeß wissenschaftlicher Erkenntnis mit mehr Realitätsbezug und weniger Selbstverliebtheit dargestellt. Gerade die vielen Irrtümer und Sackgassen machen das Leben als Wissenschaftler so spannend. Kandel wäre der Erste, der nur auf der Autobahn gereist ist.
3. Nach der naturgemäß traumatischen Vertreibung aus Wien lebte Kandel sein privates Leben wie wir alle, also ohne besondere Vorkommnisse. Die eingestreuten Geschichten und Anekdoten aus seinem Leben sind trivial und peinlich. Alle gehen wir gerne gut essen, hören Musik, schlafen manchmal auf dem Boden und bekommen von unseren Kindern selbst verfaßte Gedichte zum Geburtstag. Das Buch wäre ohne diese Trivialitäten wesentlich besser und auch ein bißchen kürzer geworden.
Aufgrund der erwähnten Mängel nur drei Sterne, aber dennoch eine ausdrückliche Empfehlung für alle an der Entwicklung der modernen Neurowissenschaften interessierten Leser.
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