Das Sprechen über Verbrechen ist auch immer ein Sprechen über Medien.
Verbrechen geschehen und Medien berichten darüber. Doch diese Beziehung ist keine Einbahnstraße. Immer gibt es auch Rückkopplungen - reißerische Überschriften und Berichte dem Verbrechen mehr Bedeutung zuweisen, als angemessen.
Es entsteht ein Wechselspiel der Informationen zwischen der Polizei, den Medien und der nach der Sensation des Verbrechens heischende Bevölkerung.
Der Historiker Philipp Müller untersucht dieses Mediensystem am Beispiel zweier spektakulärer Verbrechen in Berlin zur Zeit des Kaiserreiches. Bekanntestes Beispiel im Buch ist hier sicherlich der Fall des »Hauptmanns von Köpenick«.
Müllers Verdienst ist es - neben einer bestechenden Analyse der sich zum Massenmarkt entwickelnden Berliner Zeitungslandschaft und der Darstellung der darauf hin zur Reaktion genötigten Exekutive - den Blick auf die Vielen, der ansonsten schweigenden Mehrheit der Bevölkerung zu richten.
Müllers Untersuchung zeigt auf, dass die Bevölkerung Berlins aktiv am Medienereignis 'Verbrechen' partizipierte. Als Grund für diese Faszination an dem Vergehen arbeitet Müller die Suche der Vielen nach unterhaltender Zerstreuung heraus, die diese in den sensationellen Berichten über die Verbrechen schließlich finden:
Der Alltag der Vielen in der Moderne ist durch eine Entzauberung der Welt (Max Weber) gekennzeichnet. Die Anteilnahme der Vielen an der in der Lokalzeitung angepriesenen Sensation führt zu einer Verzauberung der Moderne. - Medienkonsum dient hier also zur Aufwertung des Alltags.
Sehr lesenswert!