So gibt es nun endlich die Größe Zero bzw. 0. Größe 32! Größe für ein zwölfjähriges Mädchen! Größe für ein Laufstegschönheitsideal? Größe für Magersüchtige! Lena ist magersüchtig. Aber was heißt das?
Sehr eindringlich, in einem atemlosen Telegrammstil, oft auf Zwei- gar Einwortsätze reduziert, beschreibt Lena die zwanghaft panisch anmutende Umtriebigkeit in der Krankheit zwischen Nahrungsverweigerung, Sport und Selbstverletzung und damit die immer wieder drohende Vernichtung ihres Körpers, die es aufzuhalten gilt.
Sehr präzise zeichnet sie ein Bild ihrer nach außen intakt scheinenden Familie, in der bis ins Detail alles perfekt geregelt ist (Salzkartoffeln werden zerdrückt, Pellkartoffeln geschnitten).
Natürlich geben Regeln Sicherheit, natürlich ist eine verbindliche Ordnung im familiären Miteinander notwendig, um das Zusammenspiel unterschiedlichster Charaktere, die unter einem Dach wohnen, zu ermöglichen. Doch bei Lenas Eltern sind die Regeln nicht Grundlage für ein gutes Zusammenspiel der Familienmitglieder, sondern sie werden befolgt, um ihrer selbst willen. Die Eltern hinterfragen das Ordnungsgefüge nicht auf seine Sinnhaftigkeit, und Lena konnte als Kind die Regeln nicht in Frage stellen.
Noch tragischer stellt sich die Kommunikation zwischen Mutter und Tochter dar. Will Lena etwas tun oder haben, das gegen den Willen der Mutter ist, so argumentiert diese gegen die kindlichen Wünsche mit den Worten »Du willst doch auch nicht '!«
Die Mutter zwingt der Tochter ihren Willen auf und verkauft ihn dem Kind gleichzeitig als den eigenen. Das verwirrt Lena. Sie kann nicht mehr entscheiden, ob sie selbst etwas will oder ob es der Wille der Mutter ist. Derart verunsichert durch die permanent parallel verlaufenden, sich gegenseitig ausschließenden Botschaften der Mutter (Du sollst dich frei entscheiden, solange deine Entscheidung der meinen entspricht!), sucht sich Lena eine Nische, über die sie die alleinige Kontrolle besitzt. Sie findet sie in der Macht über ihren Körper. Sie kann entscheiden, sie hat die Kontrolle darüber, ob und wie viel sie isst.
Und so beginnt sie ihre Mahlzeiten aufzuteilen. Lena zerstückelt sie in kleinste Essensportionen, wirft sie teilweise in den Müll oder verneint sie ganz und erkennt lange nicht, dass sie sich selbst zerstückelt, verneint und ihr Leben fortwirft.
Der Weg führt in die Magersucht und sehr schnell wird Lena von der Krankheit kontrolliert. Sehr eindringlich berichtet sie darüber, wie ihre Wahrnehmung und die Realität immer stärker auseinanderfallen. Sie fühlt sich fett, obwohl sie nur noch aus Haut und Knochen besteht, sie findet ihre Essensportionen in der Klinik riesig, die für Gesunde vermutlich nicht mehr als eine Zwischenmahlzeit wären usw.
Als sie mit ansehen muss, wie ihr Freund, den sie in der Klinik kennengelernt hat, langsam an derselben Krankheit zu sterben beginnt, da spürt sie, dass sie leben will. Sein Tod ist schrecklich konkret und nicht nur Teil einer statistischen 10-%-Mortalitätsrate im virtuellen Raum.
Jede Sucht bestimmt den Alltag und so kämpft Lena Tag für Tag gegen die Anorexie und um ihr Überleben über den Zeitpunkt hinaus, an dem ihre sehr gut geschriebene Geschichte endet.
Eigentlich sollten sich jene Modemacher und Medienverantwortliche mit dieser gelungenen Lektüre befassen, die mit entsprechenden Bildern und Trends junge Menschen auch noch zu krankhafter Gewichtsabnahme animieren. Doch leider lesen solche Bücher meist nur Menschen, die mit den Gefahren der Magersucht bereits in Berührung gekommen sind ' so wie ich.