Aufgrund der guten Rezession und meine Leidenschaft für Märchen habe ich mir dieses Buch gegönnt, um mich damit nett unterhalten zu lassen. - Nun, der Schuss ging leider nach hinten los.
Worum es geht: Die Schwestern Sabrina und Daphne Grimm haben ihre Eltern verloren und werden nun vom Waisenhaus von Pflegefamilie zu Pflegefamilie geschoben. Nirgendwo sind sie glücklich, sie reißen stets wieder aus. Ihre humorlose Sozialarbeiterin Miss Smirt ist nun mehr als erfreut, die lästigen Schwestern endlich ein für allemal loszuwerden - denn Verwandtschaft ist unverhofft aufgetaucht, die tot geglaubte Oma Relda Grimm. Relda Grimm haust in einem verschrobenen Haus außerhalb eines verschlafenen Örtchens im Bundesstaat New York, gemeinsam mit dem hageren Mr Canis mit den wässrigen Augen und der riesigen Dänischen Dogge Elvis. Das verschlafene Örtchen Ferryport Landing birgt ein Geheimnis, dort leben nämlich Wareinmale - eie andere Bezeichnung für Märchenfiguren. Und als Nachfahre der Märchensammler Grimm muss Relda dort aufgrund eines auferlegten Fluchs nach Recht und Ordnung schauen und kann den Ort niemals verlassen.
So weit, so gut. Bis hierhin kann man ja noch sagen "Klingt nach Stoff, aus dem man ein nettes Kinderbuch machen kann". Es klingt leider nur danach...
Die Vorstellung der Brüder Grimm erfolgt sehr abwertend (beschrieben werden sie als "Hässliche Männer" mit großer Hakennase, winzigen Schweinsaugen und langen Zottelhaaren") und ihre Lebensgeschichte an den Haaren herbei gezogen. So ist Ur-Ur-Ur-Uropa Grimm seinerzeit nach Amerika ausgewandert, wo ja alles schöner und besser war, um dort die Märchenfiguren unterzubringen, die in Europa ja nur für Unfrieden sorgten. Diese Märchenfiguren wollte er in Ferryport Landing bannen, damit sie nicht durch das ganze Land reisten und neuen Ärger suchten, wofür er seine eigene Freiheit als Pfand für den Bannzauber (der nicht von einer Grimm'schen Hexe sondern von Baba Jaga durchgeführt wurde) aufgeben musste und er und all seine Nachfahren bei den Märchenfiguren in Ferryport Landing leben mussten und müssen.
Das ist schon mal starker Tobak, der mit der Behauptung, "Jack und die Bohnenstange" sei ein Märchen der Brüder Grimm und Astrid Lindgren eine ebensolche Märchensammlerin wie diese und Hans Christian Andersen gewesen noch weiter getrieben wird.
Das Buch ist ein Paradebeispiel für amerikanische Ignoranz in Sachen europäischen Kulturgutes, dass es schon peinlich ist. So was noch ins Deutsche zu übersetzen und hier in die Buchläden zu bringen und eventuell noch neben die Originale der Gebrüder Grimm zu stellen, die dieses Machwerk Lügen strafen, ist noch peinlicher.
So wenig Ahnung der Autor von den Brüdern Grimm und ihren Märchen hat, so wenig überzeugend kann er seine Figuren gestalten. Daphne ist leichtgläubig und trotzig, ihre ältere Schwester Sabrina ist hysterisch, trotzig und im Verhalten so dumm, dass selbst Kinder fassungslos die Köpfe über ihre Aktionen schütteln dürften, und allgemein sämtliche Figuren dermaßen eindimensional, dass man an keiner wirklich Gefallen finden kann. Die Dialoge sind platt und gestelzt und in ihrer Gesamtheit mehr als unglaubwürdig. Von gekonntem Humor keine Spur.
Eigentlich wollte ich das Buch nach Beendigung der Schulbibliothek geben. Aber in Anbetracht des inhaltlichen Schrotts, die jede Bildung ab absurdum führt, werde ich es lieber der Altpapiertonne spenden. Wenigstens kann man Papier recyclen, dann wird doch noch was Anständiges aus dieser Lächerlichkeit zwischen Pappdeckeln.