Ein beeindruckendes Buch. Einfühlsam, ausdrucksstark und doch einfach geschrieben. Nichts beschwörendes, sondern nur berührendes. "Auf der Spur des Morgensterns" ist der authentische Erlebnisbericht einer Frau, die als Neunzehnjährige erstmals als schizophren und unheilbar geisteskrank in eine psychiatrische Anstalt kam, danach mehrere Schübe mit erneuter Einweisung erlebte, schließlich aber aus eigener Kraft den Weg zur Heilung fand, indem sie ihre "Wahnvorstellungen" als symbolische Botschaften ihres Unterbewußtseins verstehen lernte. Heute lebt sie als bekannte bildende Künstlerin in Norddeutschland. "Schizophrenie wird in den Lexika als `Spaltungsirresein' erklärt; vom `zerrissenen und gespaltenen' Menschen ist in den psychiatrischen Lehrbüchern die Rede. In meinen fünf psychotischen Schüben von 1936 bis 1959 habe ich mich aber nie gespalten gefühlt, sondern ergriffen und manchmal überwältigt von Gewißheiten und Sinnzusammenhängen, geführt von einem Instinkt, den ich als spontane Impulse oder als innere Stimme erlebte. Ich fragte andere, die wie ich als `schizophren' diagnostiziert worden waren. Auch sie hatten sich nicht `gespalten' und `zerrissen' gefühlt." Sophie Zerchin wirbt in ihrer einfach unaufdringlichen Sprache vehement für das Verstehen der sog. unheilbaren "Geisteskrankheit". "Neben einem Verständnis des in der Psychose erlebten ist für die Heilung die Wiederherstellung des Selbstvertrauens notwendig, das durch die Entwertung als `geisteskrank' beschädigt wurde. Kindheit und Jugend von Sophie Zerchin im Norden Deutschlands der zwanziger Jahre erscheinen eher glücklich in einem offenen Haus mit großem Garten, finanziell unbeschwert mit Schwestern und Kontakt zu anderen Kindern, von einer kindlichen Aktivität zur anderen treibend. Mit 18 Jahren lernt sie Molt, den 30jährigen verheirateten Chorleiter während eines Gastspiels kennen, verliebt sich in ihn, sie machen Spaziergänge, auf denen er sie für Gott öffnet, aber sich selbst verschließt. Das war wohl sein Schutz gegen die eigenen verbotenen Liebesgefühle. Er reist ab und läßt eine verwirrte junge Frau zurück, die nicht weiß wohin mit ihren Gefühlen. Sie wird zur "Braut Christi" und immer noch beachtet sie niemand. "Daß meine Mutter die Hausarbeit, die damals meine Aufgabe war, wichtiger schien als das, was mich überwältigt hatte, entsprach wohl der allgemein üblichen Einstellung." Am 9.April 1936 schließlich treibt es sie in die Dünen hinaus. Am späten Nachmittag geht sie von zuhause fort. Seit einigen Wochen hatte sie diese starken inneren Impulse erlebt. "Ich folgte ihnen bedingungslos, denn ich empfand sie als Führung nach dem Paulus-Wort: `Die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.'" Es wird dunkel und sie wartet auf weitere Zeichen. Dann folgt sie dem Morgenstern ins Watt und wird irgendwann ohnmächtig. Arbeiter finden sie, bringen sie nach Hause, der Arzt ist da und schon bald auch die Einweisung in die Psychiatrie. Das Tempo der Abfolge ist rasant, niemand fragt sie, die Eltern vertrauen der ärztlichen Autorität. Bethel, die von Bodelschwingschen Anstalten 1936: "Alles war mir hier genommen, was mir zu Hause... selbstverständlich... war: die Freiheit mich zu bewegen und zu handeln, die Worte, die man dabei wechselt, und das Gefühl der Gleichberechtigung... Auch hier gab es kein Wort der Erklärung. Niemand sagte uns, wozu wir hier waren und warum man uns gefangen hielt." Das Schweigen zieht wie ein roter Faden durchs ganze Buch. Immer wieder das Schweigen der Psychiatrie bis in die jüngste Zeit hinein und das Grübeln darüber, was diese Schweigen wohl bedeutet. "Als ich 26 Jahre später zum erstenmal versuchte, meine Krankheitsgeschichte aufzuschreiben, mußte ich bald wieder aufgeben, weil der Zorn, der in mir aufstieg, der Zorn über die erlittene Entwertung und die verweigerte Hilfe, einfach zu groß war; er war mir in dieser Heftigkeit bis dahin gar nicht bewußt gewesen. Die Unterdrückung unserer Gefühle scheint mir neben dem Zwang unsere Psychose-Erfahrungen als sinnlos von uns abzuspalten, das Schlimmste zu sein, was uns die Psychiatrie antut." Trotz mehrerer Anläufe gelingt es ihr damals auch nicht mit den Eltern ins Gespräch über ihre Psychose zu kommen. Das psychiatrische Dogma von der "endogenen" unheilbaren Krankheit, deren Symptome sinnlos sind und die deshalb unterdrückt werden müssen, sitzt zu tief in ihnen. "Die Anteilnahme in Mutters Brief zeigt, daß nicht mangelnde Verständnisbereitschaft ein Verständnis verhinderte, sondern ihr unerschütterliches Vertrauen zu den Ärzten. Dadurch entstand unsere Entfremdung und meine innere Isolierung." "Auf der grünen Wand mir gegenüber war in großer Schrift das Jesus-Wort gemalt: `Kommet her zu mir, Alle, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will Euch erquicken.' Erquicken - mit Dauerbädern und nassen Packungen, mit Kaltwassergüssen auf den Kopf, mit Betäubungsspritzen und Paraldehyd." Es folgen die Zwangssterilisation durch die Nazis, ihre Ausbildung zur Künstlerin während des Krieges, weitere Schübe und Einweisungen und ihr langsames Wachstum aus der Psychose heraus. Nicht mit Hilfe der Psychiatrie, sondern trotz ihr. In den 50er Jahren schließlich: "Ich sah die Psychose als Entwicklungsprozeß und vertrat diese Auffassung hier auch gegenüber den Ärzten. Aber ihnen leuchtete das wenig ein. Sie konnten es nicht einsehen, denn sie führten keine Gespräche mit uns und nahmen uns nicht ernst." Von nun schon fast achtzig Jahren wurde von C.G.Jung entdeckt (Symbole der Wandlung, 1912), daß die psychotischen Inhalte als Einbruch des Unbewußten ins Bewußtsein einen Sinn enthalten, der verstanden werden kann und verstanden werden muß. In welchem anderen Bereich wäre es möglich, daß so fundamentale Erkenntnisse jahrzehntelang ignoriert werden? Sophie Zerchin ist nun seit drei Jahrzehnten gesund. Sie braucht keinen psychotischen Schub mehr, denn sie hat die Botschaften ihres Unbewußten angenommen und in ihr Leben integriert. "Mein psychotischen Erfahrungen haben mein Leben sehr bereichert. Der Schock aber, wegen dieser Erfahrungen bekämpft, entwertet und zwangssterilisiert zu werden, war einschneidend und wirkt bis heute nach." Unklar bleiben die tieferen Ursachen von Sophie Zerchins Schizophrenie. Oberflächlich könnte man sie auf Unterdrückung ihrer Sexualität in einem rigide-protestantischen Elternhaus zurückführen. Aber die Beschreibung ihrer Jugend deutet eher auf eine normal-moralische, konventionell-großbürgerliche Erziehung mit gewissen aufklärerischen Tendenzen hin. Vielleicht liegt in dieser vermutbaren Mittelstellung zwischen Zwang und Freiheit der äußere Nährboden für den Ausbruch ihrer Psychose. Der äußere Anlaß scheint offensichtlich die unglückliche, weil nicht zum Ausdruck und zur Erfüllung gelangende, pubertäre Liebe zu einem verheirateten Chorleiter zu sein, der sie mit Bibelsprüchen befriedigt, aber sonst recht wenig versteht. Der schizoide Zustand und die Schizophrenie sind körperliche Antworten auf Terror. Hauptmerkmale sind Gefühlsrückzug und Fragmentierung. Einer der charakteristischsten Züge schizoider Personen ist die verhältnismäßig leichte Zugänglichkeit des Materials und ihr Eifer mit dem sie daran arbeiten. Ich lernte in diesem Fall sehr früh, daß die konventionelle Charakteranalyse bei der Behandlung solcher Leute nur wenig nützt. Wir müssen keinen Charakterpanzer im Sinne rigider Abwehrstrukturen wie bei den zwanghaften Charakteren abbauen. Es gibt keinen. Das ihn zusammenhaltende Abwehrsystem ist sehr zerbrechlich und kann jederzeit kollabieren. Meistens geht es in den Therapien ja darum Energien zu mobilisieren. Die schizoide Energie ist jedoch schon fast immer in einem potentiell gefährlichen Zustand des Flutens. Die Abwehr bildet ihre Ufer. Nimmt man die Abwehr zu schnell weg, löst das höchstwahrscheinlich einen psychotischen Zusammenbruch aus. Gerade der schizoide Mensch braucht vor allem einen anderen Menschen, der seinen Geist öffnen und ihm für all seine bizarren Verhaltensformen, zu denen er fähig ist, Raum verschaffen kann. Und er braucht jemanden, dem es gelingt, sein eigenes Herz wahrhaft für die Leiden eines Patienten aufzuschließen, der angesichts jeglichen kalten und intellektuellen Versuchs ihm zu helfen, als einer der ersten wieder in die Krankheit zurückfällt. Der Therapeut muß tatsächlich seine Arme öffnen können, damit der Schizoide die ihm so lange geraubte und für seinen Zustand so grundlegende Erfahrung körperlicher Wärme und energetischen Hautkontakts machen kann. Genau das wurde Sophie Zerchin in der Psychiatrie verweigert. Ihr Buch ist auch ein beeindruckendes Dokument deutscher Psychiatriegeschichte. Bernhard Maul (Körperpsychotherapeut), Freiburg i.Br.