Wollte ich böswillig sein, würde ich folgendes schreiben: "Dieses Buch berichtet von ausgedehnten Forschungsreisen zweier ständig angetrunkener New Yorker Museumsangestellter durch den fernen Osten." Doch das greift zu kurz. Zwar findet das Wort "Bier" tatsächlich sehr oft Eingang in Norells Erlebnisberichte, die sich lesen wie eine bunte Mischung aus beinharter wissenschaftlicher Arbeit und skurriler Entdeckungsreise. Immer wieder aber ist dabei auch interessant, wie Norell sein gegenwärtiges Empfinden, beispielsweise in einer Kneipe oder auf einem Markt in Peking, mit dem Stand der Wissenschaft auf dem Gebiet der Vogelpaläontologie verknüpft. Das Buch wird zu keinem Zeitpunkt langweilig, doch bisweilen fehlt ein roter Faden. Letztlich geht es um die Suche Norells nach frühen Vögeln und "Nichtvogel-Dinosauriern" in China, das sehr reich an derartigen Versteinerungen ist. Begleitet wird Norell dabei stets von seinem kongenialen Fotografen und Künstler Mick Ellison. Auch dieser trinkt übrigens gerne mal einen über den Durst. Derartige Zechgelage werden oft geschildert, und daraus gewinnt das Buch dann auch seinen authentischen Reiz: Hier sind keine sterilen wissenschaftler im Elfenbeinturm unterwegs, um in hermetisch abgeriegelten Laboren nach den Ursprüngen der Vögel zu suchen, sondern Menschen wie Du und ich, denen auf der Suche nach Dinosaurierfossilien im fernen Osten allerlei interessante Dinge widerfahren. Bärbeißige Amerikaner treffen auf einen Kultutkreis, in dem Hunde, Frösche und Seesterne verspeist werden. Wissenschaftler aus New York brauchen auf Gedeih und Verderb die Kooperation mit dem Reich der Mitte, dem "schlafenden Riesen", um Fortschritte in ihrer Forschung zu verzeichnen. Daher istb der englische und auf jeden Fall dem Deutschen vorzuziehende Originaltitel "Unearthing the Dragon" sowohl wörtlich als auch metaphorisch zu verstehen. China, selbst oft genug als Drache bezeichnet, beherbergt selbst wieder "Drachen", die aus der Gesteinsmatrix befreit werden müssen.
Selten hatte ich ein so kurzweiliges Lesevergnügen! Einziges Manko: Es fehlt ein wirklicher "roter Faden". Aber vielleicht ist das auch gut so, denn der wie ein Sammelsurium aus Fragmenten und Sinneseindrücken wirkende Text spiegelt vermutlich am besten die Erfahrungen des Autoren wider, die ebenfalls episodischer Natur, rückblickend verzerrt, immer allerdings unglaublich unterhaltsam sind. Fünf Sterne!