Annemarie Schwarzenbach ist erst seit einigen Jahren wieder bekannter geworden. Sie hat als Modell fungiert, ihren Doktor in Philosophie gemacht, zahlreiche Artikel und literarische Werke verfasst, geheiratet und war doch stark Frauen verbunden. Ihre Bekanntschaft mit Familie Mann wirkte auf die Mutter befremdlich und diese unterband so manche Begegnungen.
Annemarie Schwarzenbach starb - nach Jahren wechselnder Stimmungen und Reisen in ferne Länder - plötzlich nach einem tragischen Fahrradunfall. Ihre Herkunft aus einer Fabrikantenfamilie und das konfliktreiche Verhältnis zur Mutter werden in diesem Band vortrefflich beschrieben so wie auch ihre Sucht und ihr Lesbisch-Sein.
Man hat das Gefühl, dass hier mit dem Enkel einer Schwester von Annemarie Schwarzenbach der wahre Kenner ihrer Biographie in beeindruckender Präzision ein umfassendes Bild dieser faszinierenden Person aufzeigt.
Auf über 400 Seiten kombiniert Alexis Schwarzenbach in ausgewogenem Verhältnis eigene Texte und Berichte von seiner Großtante Annemarie Schwarzenbach mit dem vortrefflichen Bildmaterial. Neben den beeindruckenden Textbeiträgen bieten die Photographien einen überwältigenden Einblick in Annemarie Schwarzenbachs Leben und im besonderen in die damalige Welt. Dabei kommen großartige und zum Teil -formatige Aufnahmen zum Tragen, die beispielsweise Menschen, Gebäude und Gegenden zeigen, welche so wahrscheinlich fast einzigartig sein dürften. Sie erinnern zum Teil an die Reisebilder von Gräfin Marion Dönhoff, gehen aber noch mehr in den Alltag der Menschen des Orients, Südeuropas, Ostpreussens, Nord- und Mitteleuropas, Asiens, Amerikas und Afrikas hinein.
Es mutet fast schon unglaublich an, wie weit Annemarie Schwarzenbach herumgekommen ist und Aufnahmen von berauschender Qualität und Modernität gemacht hat bzw. von ihren Begleiterinnen anfertigen ließ. Sie fertigte dabei oftmals Momentaufnahmen an, welche die unterschiedlichen Gesichter der Länder portraitierten. Damit zeichnet sich diese talentierte Reiseberichterstatterin auch als exellente Zeugnisgeberin einer vergangenen Zeit aus.
Aufnahmen von Dokumenten, Erstausgaben ihrer Schriften, Briefen, Postkarten, medizinischen Berichten, Plakaten, Pässen machen dieses einzigartige Buch zu einem abwechslungsreichen "Lebenswerkband", wo man sich immer wieder in faszinierende, tragische, aufrüttelnde Anekdoten und Einzelheiten "festbeißt". In so beeindruckender, erfüllender Weise ist das Leben dieser Photographin, Schriftstellerin, Reporterin noch nie beschrieben und bebildert worden! Auch wenn es natürlich noch gut gewesen wäre, eine tabellarische Kurzbiographie mit prägnanten Lebensstationen aufzunehmen.
Ausführliche Bild- und Quellennachweise fehlen ebenso wenig wie auch eine Bibliographie und ein Personenverzeichnis.
Alles in allem ist dieser aufwendig und sorgfältig produzierte Band eine große Verneigung vor dieser beeindruckenden Persönlichkeit!
Eine zusätzliche Gabe ist eine CD mit dem Text "Eine Frau zu sehen", welcher angemessen gesprochen noch einmal eine weitere Facette des leider so kurzen Lebens Annemarie Schwarzenbachs beleuchtet.
Mögen nicht nur literatur- und schweizliebhabende Interessierte diesen Band gebiessen, sondern vor allem auch diejenigen, welche sich mit in Vergessenheit geratenen Charakteren ausführlich und ausgesprochen intensiv beschäftigen mögen.
Ein gelungener, neugierig machender Geschenkband, der "auf der Schwelle des Fremden" - nämlich Annemarie Schwarzenbach - einlädt, neue Räume des Verstehens dieser Persönlichkeit zu betreten.