"Edmund Goulding (der Regisseur des Films) kann zwar aus einem miesen Stoff nix Gescheites machen, aber aus einem guten Stoff sehr wohl", so heißt es im Audiokommentar des sehr sehenswerten Films "Opfer einer großen Liebe". Und im Fall von "Auf Messers Schneide" stimmt's. Ein großes Drama auf der Basis einer wirklich interessanten Geschichte von William Somerset Maugham mit einem fassettenreichen Plot und vielschichtigen Charakteren in der Haupthandlung und in den Nebenhandlungen. Nachdem ich vor ein paar Tagen von einem Gene-Tierney-Film bitter enttäuscht war (s. meine Rezension zu "Todsünde"), kann ich hier nur ins Schwärmen geraten, aus ganz ganz vielen Gründen. Da ist zum einen eine erstklassige Darstellerriege. Wer die 20th-Centuy-Fox-Filme dieser Zeit mag, wird neben Gene Tierney sicherlich auch Clifton Webb und Tyrone Power kennen, daneben beeindrucken Herbert Marshall und vor allem Anne Baxter. Und die können alle spielen, aus meiner Sicht am besten sind die Darstellungen von Gene Tierney, Anne Baxter und Clifton Webb (auf eine Rangfolge würde ich mich nicht festlegen wollen). Warum ist das so? Gerade Gene Tierney und Clifton Webb könnten böse Zungen ein, nun ja, etwas begrenztes Repertoire vorwerfen, nach dem Motto, die eine könne außer gut aussehen nicht besonders viel, und der andere sei halt immer der elegante, zynische Snob, aber mehr auch nicht. Nun, sie beide können mehr. Zum einen ist bei Clifton Webb bereits der elegante, zynische Snob derart herrlich (und mit süffisantem Dialog geschrieben), daß das schon reichen würde, zum anderen steckt aber auch eine Tragik in der Figur, die am Ende offenbar wird, und das hebt seine Darstellung wie auch die Rolle selbst deutlich über Schema F hinaus. Und Gene Tierney, bei der lohnt es sich durchaus, genau hinzusehen, und bitte, bitte, an alle Männer: Lasst Euch von der Schönheit zwar durchaus beeindrucken, achtet aber auch auf winzige Regungen im Gesicht, die Frau ist nicht nur gerissen, sondern auch hin- und hergerissen, zwar könnte man sie eventuell schlagwortartig als "Böse" bezeichnen, aber das Drehbuch und die Kamera verurteilen sie nicht vollständig, und ihr Text ist halt so gut, daß immer auch eine gewisse Ambiguität bleibt. Hervorzuheben ist allgemein, dass der Dialog (auch wenn ich es an einigen Stellen immer noch ein bißchen zu direkt finde) nicht sämtliche Gefühlsregungen der handelnden Personen sooo offen ausspricht, daß man sich als Zuschauer unterfordert fühlt. Man kann sich das Universum des W. S. Maugham ein Stück weit selbst erschließen, und das ist doch schön! Am meisten positiv überrascht war ich darstellermäßig von einer grandiosen Anne Baxter. Zwar kenne und schätze ich sie als Mordverdächtige in "The Blue Gardenia", als - sorry - intrigantes Schwein in "All about Eve", nicht so sehr als kalten Fisch in "The Magnificent Ambersons", aber in keinem dieser Streifen hatte sie eine so komplexe Rolle abzuliefern wie in "Auf Messers Schneide". Wenn sie als aufgedunsene Säuferin in einer Spelunke mit Doppelkinn herumläuft, hat man keinen Augenblick lang den Eindruck, dass da viel Maske mit im Spiel war, nein, die Glaubwürdigkeit dieser bewegenden und tragischen Figur geht allein von meisterhafter Schauspielkunst aus - Kompliment!
Desweiteren ist der Film auch ästhetisch nicht zu verachten. Die Kameraarbeit ist meisterhaft und dabei auf angenehme Art unauffällig. Oftmals ist sie von einer fließenden Eleganz, die dem Film Schmelz statt Schmalz verleiht. Es gibt lange Kameraeinstellungen, wenige Schnitte, viele Schwenks, mit denen sich die Kamera die manchmal imposanten Räume erschließt, die Szenerie durchmißt, die verschiedenen Personen abtastet, mal der einen, mal der anderen folgt in diesem an wichtigen Personen so reichen Film. Mit Schwenks weist die Kamera auch auf ungewöhnliche Orte hin, auf Orte, die fremdartig in der Umgebung wirken (gleich am Anfang der elegante Club in einer Gegend, wo man ihn nicht erwarten würde), auf Orte, in denen die Hauptpersonen sich fremdartig vorkommen (der Ausgehabend nach der gelösten Verlobung). Dieses ganze Abtasten trägt sehr viel zum Verständnis der Personen und ihres Verhältnisses zu ihrer Umgebung bei. Erfreulicherweise verzichtet der Film relativ häufig auf den üblichen Schuß-Gegenschuß-Wechsel bei Dialogen; so sehen wir z.B. in dem Schlußdialog zwischen Gene Tierney und Tyrone Power eine lange Zeit nur ihn und eine lange Zeit nur sie, denn deren Reaktionen sind so viel aussagekräftiger (und verlangen den Schauspielern so viel mehr ab), als wenn man immer denjenigen im Bild hätte, der gerade etwas sagt. Mit Bedacht setzt der Film auch Dekors ein, z.B. überreich ausgestattete Apartements, aber Gene Tierney, wenn sie besonders hübsch und verführerisch aussehen soll, vor einem ganz ganz kargen Hintergrund. Man muss das alles nicht goutieren, aber für mich hat dadurch der Film sehr gewonnen.
Natürlich ist er nicht perfekt. Die Musik von Alfred Newman ist gelegentlich etwas dick aufgetragen, die Szenen in Indien sind ersichtlich im Studio gedreht und gelegentlich neigt der Film ein bißchen zum Überdeutlichen, etwa wenn Tyrone Power seine "Erleuchtung" mit einem Sonnenaufgang beschreibt, und wir sehen eine Minute später einen solchen Sonnenaufgang als ein wie in Stein gemeißeltes Bild (und mit sehr schmalziger Filmmusik). Aber das sind seltene Momente, da gibt es, vor allem aus damaliger Zeit, viel schlimmere Filme. Das reicht nicht für den Abzug eines Sternes. Zumeist ist der Film, wie gesagt, halbwegs zurückhaltend und überläßt uns Zuschauern Luft zum Atmen - und hat eine Kraft, die einen den Atem anhalten läßt. Wundervoll!