"Auf der Flucht" ist einer der ganz seltenen Fälle in der Kino-Geschichte: Zum einen handelt es sich bei dem Film um eine mehr als gelungene Adaption einer immens populären TV-Serie. Zum anderen bildet "Auf der Flucht" den absoluten Höhepunkt eines Regisseurs, der nie annähernd so gute Arbeit geliefert hat. Andrew Davis gilt als kompetenter Filmemacher, der über viele Jahre absolut solide Genrekost inszeniert hat, darunter "Alarmstufe: Rot", "Ein perfekter Mord" 0der "Above the Law". Jedoch kommt keiner seiner anderen Filme annähernd an den Level der Perfektion heran, den er mit "Auf der Flucht" erreicht hat.
Die Story um den zu Unrecht zum Tode verurteilten Doktor Richard Kimble, der fortan Jagd nach dem Einarmigen macht, der seine Frau ermordet hat, dürfte allseits bekannt sein. Parallel dazu verfolgt der Zuschauer das Team um US-Marshall Samuel Gerard, der wie ein Bluthund Jagd auf den ungemein cleveren Doktor macht. Dabei ist er immer einen Schritt zu spät und zieht ein um andere Mal den kürzeren in diesem perfiden Katz-und-Maus-Spiel.
So weit, so genreüblich. Die Grundzutaten dieses auch nach vielen Jahren immer noch unglaublich aufregenden Streifens sind durchaus nichts ungewohntes. Doch was die Filmemacher daraus zaubern, gehört zur absoluten Elite des Action/Thriller Genres.
Regisseur Davis unterschätzt das Publikum nicht, der Film ist intelligent, realistisch und nachvollziehbar aufgebaut. Der Hintergrund des ganzen Komplotts ist komplex, jedoch ohne den Zuschauer zu überfordern. Die Thrills liefert er en masse. "Auf der Flucht" ist in einem perfekten Rhythmus und Tempo geschnitten, und zwar auf eine enorm kompakte Weise. Man erfährt genau soviel über die Charaktere, wie man wissen muss. Es werden nicht viele Hintergründe erklärt, es erschließt sich alles für den Zuschauer über die Laufzeit von knapp über 120 Minuten. Das Verständnis für die Charaktere ist jedoch immer absolut gegeben.
Dank Harrison Fords großartigem Schauspiel und seinem immensen Star-Appeals wird der Zuschauer von Beginn an bei der Stange gehalten. Er erfüllt seine Rolle mit viel Lebendigkeit, Sympathie und Intelligenz. Unterstützt von der herausragenden Regie, dem hervorragend aufgebauten Drehbuch und natürlich auch von den anderen genialen Darstellern, allen voran Tommy Lee Jones als Gerard, gelingt es, dass man sich als Zuschauer konstant die Frage stellen muss, 'wie würde ich in dieser scheinbar ausweglosen Situation handeln'.
Tommy Lee Jones, der für seine Rolle mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, ist natürlich ein Highlight des Films. Man erfährt praktisch gar nichts über den Hintergrund seines Charakters, keine Details über Familie oder Privatleben. Dennoch versteht man ihn als Zuschauer. Er scheint zwar prinzipiell der Antagonist zu sein, jedoch ist er einfach ein erbitterter Profi, der keine Fehler zulässt und seinen Job erledigen will. Das man Sympathie für diesen Charakter aufbaut, gehört zu den Meisterleistungen des Films.
Die Action ist überragend. "Auf der Flucht" bietet gleich mehrer Szenen, die mittlerweile schon legendären Status haben, allen voran die Szene mit dem Gefängnisbus zu Beginn, die absolut spektakulär und aufregend ist. Zudem fällt auch hier der perfekt abgestimmte Schnitt ins Auge.
Dazu kommt noch James Newton Howards brilliante Filmmusik, die die auf der Leinwand gebotene Spannung perfekt untermauert. Sein Score ist abwechslungsreich, bietet einige Stellen, die mittlerweile jeder kennt und ist zudem experimentierfreudig. Zurecht gab es dafür eine Oscar-Nominierung.
"Auf der Flucht" wurde im Jahre 1994 mit insgesamt 7 Oscar-Nominierungen geadelt, darunter auch für den besten Film. Auch diese Tatsache drückt aus, dass "Auf der Flucht" kein gewöhnlicher Action-Thriller ist, sondern etwas ganz Besonderes. Ein atemlos inszenierter, virtuos gespielter und intelligenter Kracher, der mehr Suspense und Aufregung bietet als die meisten anderen Hollywood-Standard-Thriller, die in einem Jahr erscheinen, zusammen genommen. Hut ab vor dieser Leistung.