...das wusste Billy Wilder. Und das meine ich gar nicht despektierlich, sondern voller Bewunderung. Meines Erachtens am besten kann man das studieren anhand der Romanze "Sabrina", die hier in schöner Qualität vorliegt. Wie auch bei Wilders "Ariane" (1957) ist es ein schwieriges Unterfangen, jemandem den Zauber dieses Filmes nahezubringen, wenn man von ihm nur erzählt, denn die Einwände scheinen offensichtlich: Gnadenlos stereotyper und unglaubwürdiger Kitsch. Mauerblümchen Sabrina sehnt sich nach dem Leben in der Upper Class, das ihr als Chauffeurstochter nicht bestimmt ist? Platt! Donald Spoto bemerkt zu Recht, dass die Umkehrung dieser Konstellation in "Ein Herz und eine Krone" eigentlich origineller ist. Mauerblümchen Sabrina kommt in ein Kitsch-Paris mit einem klischeefranzösischen Koch und einem Klischeeblick auf den - natürlich - Eiffelturm direkt vom Arbeitsplatz aus? Oweh... Mauerblümchen Sabrina ist auf einmal gar kein Mauerblümchen mehr, weil sie knapp sechs Monate dem unerreichbaren Schwarm nachtrauert und nichts zustande bringt, um sich dann kurz von einem älteren Herrn aushalten zu lassen, der ihr - wie auch immer - neues Selbstbewusstsein und den Chic der Modeikone Hepburn verpasst??? Wie viel nuancenreicher ist da Bette Davis, die in "Reise aus der Vergangenheit" eine ähnliche, deutlich schwierigere Metamorphose durchmachen musste!!! Also, Sabrina alias Audrey Hepburn in einer Aschenputtelgeschichte, die das Prinzessinnenhafte nicht mal ansatzweise hinterfragt, der Frosch kann kommen, und es gibt nichts Schöneres für sie, als den zu küssen und voll und ganz Schwan statt Entlein zu sein. Und was das auch noch für ein Frosch ist, eher ein kalter Fisch, nach Ansicht einiger ein völlig fehlbesetzter Humphrey Bogart (der Hallodri William Holden, den Sabrina sich eigentlich auserkoren hat, hatte lediglich hinter den Kulissen die Nase vorn).
So lassen sich Vorbehalte ohne Ende gegen "Sabrina" finden, und wenn ich den Film eine Weile nicht mehr gesehen habe, denke ich mir, er ist vielleicht etwas überschätzt. Und dann lege ich die DVD wieder ein, zehn, zwanzig Minuten (egal, welche) reichen völlig, und ich weiß: Alles, alles Gesagte ist mir schnurzpiepegal. "Sabrina" ist Liebe. Es gibt wohl niemanden sonst, der eine im Grunde abgedroschene und teilweise unglaubwürdige Aschenputtelgeschichte so charmant und voller witziger Bonmots servieren kann wie Billy Wilder. Man kauft ihm diesen ganzen Murks mit Freuden und sofort ab. Der Film ist von einer strotzenden Fülle nonchalanter Bemerkungen, running gags, herrlich verschrobener Nebenfiguren - hier sitzt jedes Bonmot, jedes Detail, jeder Gag, jede romantische Regung, jedes elegante Accessoire des noblen Settings und jedes der exquisiten Kleidungsstücke (Edith Head und Givenchy). Man muss sich auf Beispiele beschränken: Allein, dass Sabrina sich immer wünscht (und man weiß: es auch erreichen wird), dass nicht sie sich nach dem Mond ausstreckt, sondern der Mond sich nach ihr, wird schon zu Beginn visualisiert: Bei den Credits bildet der Vollmond den I-Punkt von "Sabrina". Das ist natürlich kitschig, aber der Film ist der Kitsch-Konkurrenz wegen solcher Spielereien ständig um Längen voraus. Auch Bogey habe ich keinesfalls als Fehlbesetzung empfunden, eher als Bereicherung gegenüber dem, was der gewohnt elegant-charmante Cary Grant (ursprünglich die Wunschbesetzung) wohl daraus gemacht hätte: Bogey ist eben die "harte Nuß", das Arbeitstier, das sich einen Gefühlspanzer angelegt hat, und das kann er als Oberschichten-Industrieller genauso gut spielen wie als zwielichtiger Gossen-Detektiv. Man sieht gerne dabei zu, wie die Hepburn diese Nuss knackt und diesen Panzer mit ihrem Charme aufbricht. Bei dem Grant hätte sie dazu vermutlich weit weniger tun müssen, der Schwerpunkt hätte sich von der Frau zum Mann verlagert, aber so ist das halt in den allermeister Audrey-Hepburn-Filmen: SIE ist das Zentrum, die Kamera liebt sie, die Zuschauer lieben sie, die Protagonisten lieben sie, und sie zaubert mindestens genauso viel, wie sie sich verzaubern lässt. Nirgendwo kann man das schöner sehen als in der Szene, in der sie in einem wirklich traumhaften Givenchy-Kleid von relativ schlichter Eleganz erstmals als schöner Schwan einen Ball der Familie betritt, die sie sechs Monate nicht gesehen und nur als unauffällige Chauffeurstochter in Erinnerung hat. Wie sie alle Blicke auf sich zieht (mir fällt aus "My Fair Lady" der Ausruf ein: "Wer ist sie??? Und die Aaahs und Ooohs...") und dann ganz langsam aus dem Schatten ins Rampenlicht tritt, mit einem Blick voller dezenter, aber intensiver, triumphierender Herausforderung: Da weiß man, sie hat sie alle im Sack, und sie weiß, dass sie das weiß. Das wird auch auf der Meta-Ebene gestimmt haben: Billy Wilder und Audrey Hepburn haben hier einen der schönsten Audrey-Momente geschaffen, sie wussten, wie das wirkt, und sie wollten es. Klar ist das eine übertriebene Ausnutzung von Star-Power in einem etwas unglaubwürdigen Kontext. Aber wenn man wissen will, warum die Hepburn mit Recht ein Star geworden und noch immer eine Ikone ist, dann kann man das sehr gut an dieser einen Szene studieren. Und das ist doch wohl auch eine Kunst: Zu wissen, was da für Potenziale vorhanden sind, und sie perfekt zum Einsatz zu bringen. Daher ist Sabrina letztlich nicht nur wunderschön, sondern trotz des platten Plots auf einer Meta-Ebene auch unsagbar kluges Kino.