Ich weiß, es ist unfair, aber: Vielleicht liegt es am Kokain. Stuckrad-Barre war jahrelang Kokser. Es ist bekannt, dass regelmäßiger Kokainkonsum die Dopamin-Rezeptoren abstumpfen lässt und dadurch die Fähigkeit zerstört, ohne Drogen Glück zu empfinden. Kein Koks - keine Euphorie.
Und genau das fehlt diesem Buch: Euphorie. Barres Frühwerk ("Soloalbum", "Livealbum" und "Remix") lebte ja davon, dass der Autor klare Freund- und Feindbilder hatte. Man musste Oasis nicht lieben und Westernhagen nicht hassen, um Gefallen daran zu finden, wie Barre die Welt in Gut und Böse teilte. Seine vorbehaltlose Fürsprache oder Ablehnung wurde damals oft als Arroganz missverstanden, dabei war es nur ehrliche Begeisterung (und ehrlicher Ekel), die Barre zu apodiktischen Urteilen trieb.
Heute, elf, zwölf Jahre später, ist von dieser Radikalität nichts mehr übriggeblieben. Mit dem Enthusiasmus verschwand auch die rhetorische Schärfe. Selbst Westernhagen, seine Hassfigur von einst, lässt ihn kalt. Zwar mag Barre ihn immer noch nicht, doch er regt sich nicht mehr auf.
Weil ihn überhaupt nichts mehr aufregt, nichts mehr erregt. Durch das ganze Buch zieht sich ein Ton chronischer Gelangweilt- und Genervtheit. Natürlich sieht und hört Barre wie eh und je alles - jeden verrutschten Gesichtsausdruck, jede verlogene Geste, jedes falsche Wort -, aber er fühlt nichts mehr. Beobachtungen lösen keine Emotionen mehr in ihm aus. Hier wird nicht abgerockt, sondern nur noch beschrieben. Aus einem berauschten POP-Literaten ist ein cleaner Chronist geworden. Und das ist das Schlimmste, was sich über Benjamin von Stuckrad-Barre im Jahr 2010 sagen lässt.