Wenn ein Niederländer etwas haben möchte, was sein eigenes Land nicht hervorbringt, kommt er nicht auf die Idee, dem Mangel selbst abzuhelfen, sondern er sucht das, was ihm fehlt, in der Fremde.
Und unter den Bewohnern der Provinz Seeland ist diese Haltung vielleicht noch mehr verbreitet als anderswo.
Das war recht passend in der Kolonialzeit; aber die ist nun vorbei.
Die Neigung, das Land zu verlassen, existiert freilich immer noch.
Paulina beschloß bereits vor ihrer Versetzung in die Abiturklasse, nach Paris zu gehen und dort Französisch und Kunstgeschichte zu studieren.
Sie war in Vlissingen geboren und hatte dort auch ihre Kindheit und Jugend verbracht, denn ihr Vater bekleidete ein ziemlich hohes Amt in der Stadtverwaltung.
Ihre Eltern waren nicht wirklich reich, besaßen jedoch seit langem ein Ferienhaus in Frankreich. Von klein auf verbrachte Paulina dort den Sommer, zusammen mit den Eltern und dem vier Jahre jüngeren Bruder. So hatte sie ausreichend Gelegenheit, die französische Sprache recht ordentlich zu lernen.
Paris? Zuerst waren die Eltern mit Paulinas Plan überhaupt nicht einverstanden. So weit weg? Gab es nicht auch in den Niederlanden ausgezeichnete Universitäten, an denen man Französisch und Kunstgeschichte studieren konnte?
Wäre es nicht besser, du würdest dich zuerst bei Klara schlau machen?
Klara war eine ältere Cousine Paulinas und hatte kürzlich in Amsterdam nach sechs Studienjahren die erste Prüfung im Fach Französisch bestanden. Mit ihrem Freund Rudolf, der ebenfalls studierte, wohnte sie in einem besetzten Haus. Paulina willigte ein, sich zuerst einmal bei Klara schlau zu machen.
Wie sich herausstellte, war es längst aus zwischen Rudolf und Klara, die zwar von Rudolf schwanger war, nun jedoch mit Bart-Bram zusammenlebte, einem vierzigjährigen Linguisten, der seine Frau verlassen hatte. Von morgens bis abends übte er auf dem Schlagzeug, denn er hatte beschlossen, ein ganz neues, fetziges Leben als Musiker anzufangen.
Seine Stelle an der Universität hatte er selbstverständlich nicht gekündigt. Auf das Gehalt konnte er nicht verzichten. Bereits vor Monaten hatte er sich krank gemeldet (nervöse Überreiztheit). Er leitete deshalb auch nicht mehr die Übungen in der Sprachwissenschaft, in denen sich die beiden kennengelernt hatten und gemeinsam zu der Überzeugung gelangt waren, daß es zwischen ihnen gewaltig funkte.
Das besetzte Haus war alles andere als komfortabel. Der Strom war gesperrt. Über Verlängerungskabel bezogen sie ihn aus einem Nachbarhaus, das noch ans Netz angeschlossen war. Sie wohnten im dritten Stock, und im ganzen Gebäude gab es nur einen Wasserhahn, unten im Erdgeschoß, an dem alle Bewohner das Wasser mit Eimern holen mußten. Es gab auch kein Klosett mit Wasserspülung. Die simpelsten, alltäglichsten Handlungen waren in so einem besetzten Haus zeitraubend und ermüdend. Zudem gingen die Bewohner ständig beieinander ein und aus, hielten einen von der Arbeit ab, liehen sich, auch wenn man nicht zu Hause war, Bücher und Vorlesungsmitschriften, Schallplatten und Videokassetten aus, ohne die Sachen jemals zurückzubringen.
Und überhaupt, was stellte das Studium schon dar? Nicht mal der Professor war in der Lage, fließend Französisch zu sprechen.
Das Französisch von Klara und ihrem wissenschaftlichen Mitarbeiter war unter aller Kritik, das hörte Paulina sofort, als Bart-Bram und Klara sich zum Scherz fünf Minuten lang auf französisch unterhielten. Sie gaben allerdings selbst zu, daß es zu wünschen übrig ließ. Es ist eine Sprache, sagte Bart-Bram, die man irgendwann haßt, mit dieser exakten, archaischen Grammatik. Dies ist falsch, und jenes darf nicht sein. Kein Franzose spricht so, wie er dem Lehrbuch zufolge sprechen müßte. Aber wehe, ein Ausländer macht einen Fehler. Sie lachen ihn aus, oder sie tun so, als ob sie kein Wort kapieren. Sie behandeln einen sofort wie einen Schwachsinnigen.
Diese Sprache perfekt zu lernen, dürfte fast unmöglich sein, wenn man in den Niederlanden geboren war, wo in den Schulen die eine Generation von Französischlehrern ihr Unvermögen in die nächste weitertrage, so daß sich der Murks perpetuiere. Holländer, die behaupteten, perfekt Französisch zu sprechen, beherrschten die Sprache in Wirklichkeit so schlecht, daß sie das nicht einmal bemerkten.
Versehen mit dieser Information verabschiedete sich Paulina und trat die Heimreise nach Vlissingen an.
In der Straße, in der Klara wohnte, war bereits die Hälfte der Häuser abgerissen worden. Die unteren Fenster jener Gebäude, die noch standen, hatten die Behörden mit Brettern vernageln oder mit Steinbrocken aus Schutthaufen schlampig zumauern lassen. Nicht einmal Hausbesetzer konnten dort noch einziehen. Vor langer Zeit an den Hauswänden angebrachte Protestlosungen oder einfach nur hirnverbrannte Sprüche, meist in schlechtem Englisch, waren größtenteils schon unleserlich geworden. (...)