Nach seinem faszinierenden Bildband "In 90 Minuten um die Erde" legt Ulrich Walter, Wissenschaftsastronaut der D-2 Mission, mit "Zivilisationen im All" sein neuestes Werk vor. Dieses Buch muß man gelesen haben, wenn man sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen will, ob es außerirdische Intelligenzen gibt. Walter führt den Leser mit einem Blick zurück in die Thematik ein. Dabei spannt er den Bogen von den alten Griechen über das Mittelalter bis zur Neuzeit, "würzt" seine Darstellung mit Zitaten großer Denker wie Demokrit, Thomas von Acquin, Kepler oder Kant. Auch die Legende von den Mond- und Marsmenschen findet Berücksichtigung, und natürlich darf die Marsianer-Hysterie nicht fehlen. Nach dem beschaulichen historischen Rückblick wendet sich Walter entscheidenden Fragen zu: Was ist Leben, was ist Intelligenz, woraus besteht Leben, wie sehen Außerirdische aus? Wir erfahren, daß es bereits kaum möglich ist, eine einheitliche Definition für "Leben" zu finden, ebenso wie für Intelligenz, die Walter in Anlehnung an Barrow und Tipler mit "Lebewesen, oder allgemeiner Systeme, die sich solche Fragen zur Intelligenz überhaupt stellen können" definiert. Wir erfahren, aus welchen chemischen Elementen sich das Leben zusammensetzt, und wie ein außerirdisches intelligentes Lebewesen aussehen könnte: Außerirdische sind wie wir aus einer Evolution hervorgegangen, bestehen wie wir aus "Fleisch" und "Blut", sind zwischen 0,1 und 10 m groß, haben ein entsprechend dimensioniertes körpertragendes Skelett, sowie Sinnesorgane. Das muß aber nicht notwendigerweise humanoid angeordnet sein - hier läßt Walter der Phantasie freien Spielraum. Im 3. Kapitel befaßt sich Walter mit der Frage, die uns alle bewegt: Sind wir allein? Er kommt zu dem Ergebnis, daß es eigentlich nur zwei Ansätze gibt: entweder gibt es einen ursächlich begründeten Auslösemechanismus, der die Entstehung von Leben an jedem ansatzweise günstigen Ort ermöglicht (dann wimmelt die Galaxie vor Leben) oder aber die Entstehung des Lebens ist die nahezu unwahrscheinliche Ausnahme von der Regel, daß aus organischen Molekülen Leben nicht entstehen kann (dann gibt es außer auf der Erde nirgendwo im Universum Leben). Walter weist ausdrücklich darauf hin, daß nicht überall dort, wo Leben entsteht, sich notgedrungen Intelligenz entwickeln muß, denn die Evolution folgt nicht dem Weg des Einfachen zum Komplexen mit dem Menschen als Krone der Schöpfung. Mit dem von Barrow und Tipler 1986 entwickelten kosmologischen anthropischen Prinzip wird die Unwahrscheinlichkeit menschlicher Existenz belegt. Dabei wird davon ausgegangen, daß sich intelligentes Leben nur auf Planeten entwickeln kann, die einen sonnenähnlichen Stern umkreisen. Diese Sterne haben eine Lebensdauer von etwa 10 Milliarden Jahren. Davon abhängig ist die Entwicklung intelligenten Lebens. Zwei Möglichkeiten gibt es: entweder, die Evolution der Intelligenz ist wesentlich kürzer als 10 Milliarden Jahre oder aber sie ist wesentlich länger als 10 Milliarden Jahre. Wendet man auf die erste Alternative das Prinzip der Mittelmäßigkeit an, dann müßte es bereits vor sehr langer Zeit auf der Erde Menschen gegeben haben - das ist aber nicht der Fall, der Mensch trat erst 3,8 Milliarden Jahren Evolution auf der Erde auf. Dieses Szenario wird von Walter verworfen, eben weil es so lange dauerte, bis der Mensch entstanden war. Das Problem dabei ist nur, daß hier unsere Evolution als Maßstab genommen wird, was, wie Carl Sagan bereits in "Cosmos" schrieb, aber überhaupt nicht der Fall sein muß. Warum soll es nicht Intelligenzen geben, deren Evolution viel gradliniger als unsere verlief und die bereits 2 Milliarden Jahre nach Bildung der ersten Lebensformen entstanden waren? Doch folgen wir dem Autor weiter und schauen wir uns die zweite Alternative an. Sie besagt, die Evolutionszeit der Intelligenz sei wesentlich länger als 10 Milliarden Jahre. Das hat nicht zu bedeuten, daß sich intelligente Lebensformen immer so lange entwickeln, es kann, je nach Evolution, auch schneller gehen - wir sind ein gutes Beispiel dafür. Nimmt man an, es gibt 5x107 Planeten in der Galaxie, auf denen Leben entstanden ist, dann wäre die Wahrscheinlichkeit, daß sich auf einem dieser Planeten Intelligenz entwickelt, geringer als 2x10-3. Das bedeutet: Außer uns gibt es in dieser Galaxie keine weiteren intelligenten Lebensformen. Walter schließt sich mit Tipler und Barrow dieser Alternative an, denn nur sie entspreche dem Anthropischen Prinzip, das hier in seiner schwachen Form angewandt wird. Das schwache Anthropische Prinzip ist unumstritten: Wenn wir in dieser Welt sind, um sie zu beobachten, muß sie so beschaffen sein, daß wir in ihr existieren können, d.h., alle Naturgesetze und Konstanten ermöglichen erst das Leben. Ändert man ein Naturgesetz oder eine Konstante, entsteht wahrscheinlich ein Universum, das völlig lebensfeindlich wäre. Soweit kann Tipler und Barrow noch gefolgt werden. Eigenartig mutet aber der Gedankengang an, wenn mit diesem richtigen und grundlegenden Prinzip argumentiert wird, außer uns könne es keine weitere Intelligenz in unserer Galaxie geben. Folgt man Tipler und Barrow, darf Intelligenz erst nach der mittleren Lebensdauer eines sonnenähnlichen Sterns auftreten, also nach etwa 5 Mrd. Jahren. Das, so wird argumentiert, sei die ntwort auf die Frage, warum der Mensch gerade jetzt, in der gegenwärtigen Evolutionsstufe des Universums entstanden ist. Und weil die Entstehung weiterer Intelligenzen rechnerisch nahezu unwahrscheinlich sei, gäbe es in unserer Galaxie keine weiteren Intelligenzen. Walter versteht diesen Gedankengang nicht als Glaubensdogma, sondern als Denkansatz. Immerhin will er nicht die Existenz Außerirdischer in anderern Galaxien ausschließen. Das Problem dabei ist aber, daß unsere Evolution als Maßstab für die Evolution auf anderen Planeten genommen wird, ja, man sogar von einer sehr viel längeren Evolution ausgeht. Wie gesagt - wir wissen derzeit nicht, ob es Lebensformen auf Planeten ferner Sonnensysteme gibt, wir kennen nur unsere Erde mit der Evolution ihrer Lebensformen. Doch ist es wohl nicht angebracht, diese als generelles Modell zu nehmen, denn die Evolution auf der Erde wurde nicht zuletzt auch durch diesen Planeten geprägt. Wenn uns die Erforschung des Universums etwas gezeigt hat, dann ist es der Umstand, daß es uns immer wieder überrascht hat und alte, liebgewonnene Theorien über den Haufen geworfen werden mußten. Hinzu kommt - und hier kann man es drehen und wenden, wie man will: Das anthropische Prinzip ist der Versuch, nach einer irgendwie privilegierten Stellung des Menschen in unserer Galaxie oder dem Universum zu suchen, ein Abglanz des menschlichen Bemühens, sich zur Krone der Schöpfung zu erklären, als Maßstab allen Seins. Nach der Diskussion des Anthropischen Prinzips wendet er sich dem Weg der Logik zu: wenn es "sie" gibt, dann müßten "sie" hier sein. Grundlage dieser Überlegung ist, daß irgendeine beliebige Zivilisation irgendwann vor der Entscheidung steht, die Galaxie zu kolonisieren. Nimmt man an, die Galaxie hat etwas mehr als 100 Milliarden Sterne und ein Raumschiff braucht 1000 Jahre zu einem 10 Lichtjahre entfernten Stern, dann wäre die Galaxie in etwa 50 Millionen Jahren kolonisiert. Gäbe es viele Zivilisationen, dann müßte die Galaxie durchweg kolonisiert sein und die Außerirdischen wären hier zwangsläufig aufgetaucht. Doch so logisch dieser Ansatz auch sein mag, überzeugend ist er nicht. Wer sagt denn, daß jede Zivilisation zwangsläufig die Galaxie durch und durch kolonisieren muß? Selbst wenn wir es uns für die Menschheit vorstellen könnten, heißt das noch nicht, daß andere Intelligenzen genauso denken.Den Abschluß dieses Kapitels macht die Frage "Wo sind sie?" Walter kommt zu dem Ergebnis, daß die Annahme, es gäbe sehr viele ETI-Kulturen in unserer Galaxie, falsch sei. Wäre sie richtig, müßte die Galaxie bereits vollständig besiedelt sein - doch das sei nicht der Fall. Wahrscheinlicher gebe es, wenn überhaupt, nur sehr wenige, höchstens eine Handvoll Zivilisationen in der Galaxie. Im vierten Teil des Buches beschäftigt sich Walter mit der Möglichkeit, Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen, wobei hier neben SETI auch die Voyager- und Pioneer-Raumsonden Erwähnung finden. Das fünfte Kapitel befaßt sich mit der Zukunft der Menschheit im Kosmos. Walter hält die Kolonisation der Galaxie, die Auswanderung für erforderlich, da die Menschheit durch kosmische Katastrophen ausgelöscht werden könnte und auch die Sonne nur ein begrenztes Alter hat. Insgesamt ist "Zivilisationen im All" ein gelungenes und sehr lesenswertes Buch, das jeder, der sich mit der Frage nach der Existenz Außerirdischer beschäftigt, gelesen haben muß und auch dem Einsteiger in die Materie reichhaltige Informationen bietet. Erfreulich ist besonders die wissenschaftlich fundierte Argumentation, die Spannung ohne jede wüste Spekulation erzeugen kann.