"...dann sag ich dir, du Widersacher:
Ich bin nun mal ein Liedermacher!"
Alexander X. Gwerder
"Keine Posaune zuhand, keine Verkündigungen,
der Himmel abgespeckt,
wenn der Abend mit siebenfarbener Zunge
am Fenster leckt."
Peter Rühmkorf, 2008 leider verstorben, gehörte zu den populärsten und wichtigsten Lyrikern im Nachkriegsdeutschland; und gleichermaßen, finde ich, zu den interessantesten Humanisten der Weltgeschichte. Reich Ranicki nannte ihn (bewundernd) einen glänzenden Ironiker, "nie ganz seriös", dies wohl ebenfalls als Kompliment. Seine lyrischen Vorbildern Brecht und Heine hat er in seinen Gedichten zusammengeführt und verschmolzen - auf ganz eigene Weise natürlich. Und doch trifft es irgendwie zu wenn man sagt, dass seine Poesie so ist, als hätten Heine und Brecht zusammen ein recht aberwitziges Liederbuch verfasst.
"Ein Loch zu graben, eine Wand zu kalken,
vom Mais gefressen und ein Glas geleert -
Schwachsinn des Sommers über dem Donnerbalken,
wenn mir der warme Wind ins Schlappohr fährt."
Rühmkorfs wirksamstes Mittel (und quasi sein Markenzeichen) ist die lässige, überraschende, lustige, verblüffende Art wie er zu reimen versteht. Auch wie er fast schon absonderliche, sonst fern liegende Worte und Bilder miteinander verknüpft ist bemerkenswert - dies eine Fähigkeit, die die besten Poeten ausmacht, so Rilke oder den diesjährigen Nobelpreisträger Tranströmer. Doch vertieft Rühmkorf sie im Gegensatz zu diesen nicht und bei ihm geschieht dies Verknüpfen auch nicht mit deren Demut, stattdessen lässt er alles mit einer an Heine erinnernden Eingängigkeit vom Stapel, dass man fast versucht ist, ihn bloß einen Liedermacher zu nennen.
"Bin ich der Nachtmann, schwinge den Kris,
wende behende mein Weltbild am Spieß.
Du vergewisserst dich noch deines Glücks -
Ich gebe alles um nichts für die Nix."
Doch man tut diesem Dichter sicherlich Unrecht, wenn man ihm jeden Ernst und vor allem jeden ernsten Inhalt abspräche. Es ist nur so, dass Rühmkorf gerne konterkariert - wenn man also nach ein zwei legeren, eingängigen Strophen schon nichts mehr erwartet, werden plötzlich, ohne das die Form geändert würde, Inhalt und Ton ernst/er.
"Gut ist das Lied wieder-den-Strich-
zügelnder Seladone.
Wie schön reflektiert es sich
in kernwaffenfreier Zone!"
"Wenn Herbst die Blätter refft
geh und vergess ich.
Misch mich ins Windgeschäft
liebe- und luftdurchlässig."
Um noch kurz auf das Thema dieses Bandes einzugehen: Der Begriff "Liebesgedichte" umfasst in diesem Band vieles, von erotischen Versen, über Gedichte an die Liebste, bis zum Lied über einen alternden Mann in einem Bordell, das meiste gereimt. Richtige Liebesgedichte, die man jemandem vorsagen könnte, sind nicht wirklich dabei; Rühmkorf ist ein Liedermacher - sein Interesse gilt dem möglichst aussagekräftigen Vers, der Pointe und dem Spiel mit Wörtern und Begriffen.
"Hocke blöd und Sitting-Bull,
auf zwei stumpfen Schinken.
Lass den Kopf, die schwarze Null
auf die Hemdbrust sinken."
Wer gereimte Poesie vorzieht, kann mit Rühmkorf kaum etwas falsch machen; er ist amüsant, spaßig und vielseitig - und immer für ein Zitat gut, wie ich merken durfte
"Und dann bet schön zum Himmelgott, er möge mir Gnade vergönnen.
Ich habe von meinen Sünden nie leben können."