"Das Buch geht von der Behauptung aus, dass die bürgerliche Aufklärung gescheitert ist." So lautet der Anfangssatz dieses literaturwissenschaftlichen Essays über die Außenseiter des bekannten deutschen Literaturwissenschaftlers Hans Mayer aus dem Jahre 1975.
In diesem interessanten und bedeutendem Buch, das eine Balance sucht zwischen essayistischem Erzählen und wissenschaftlicher Quellenforschung, analysiert Mayer die literarische Darstellung gesellschaftlicher Außenseiter wie Frauen, Juden und Homosexuelle. Jedem dieser drei Außenseiter ist ein Kapitel gewidmet.
Nach Mayer scheiterte die Aufklärung deswegen, weil sie die Ungleichheit im Menschlichen, nicht bloß im Gesellschaftlichen ignorierte. Während es im Christentum nur intentionelle Außenseiter gab und gibt, die durch ihre Taten und Meinungen sündhafte Menschen sind, vollzieht sich im Säkularisationsprozess die Erkenntnis, dass es auch Außenseiter gibt jenseits von Mythos und Dogma. Gemeinsam ist diesen existentiellen Außenseitern, dass sie Fremdheit in der bestehenden Gemeinschaft bedeuten. Verurteilt werden sie nicht durch eine strukturell und ideologisch feindliche Gegensicht, sondern durch Ihresgleichen. Obwohl die Aufklärung von der Gleichheit aller Menschen ausging, hat sich die bürgerliche Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts in diesem Punkt zurückentwickelt. Bürgerliche Aufklärung war nur solange harmonisch und konfliktlos, so lange die Bourgeosie von der politischen Machtergreifung ferngehalten war. Die neue bürgerliche Hierarchie verwandelte die Frau, im Rahmen allgemeiner Rechtsgleichheit, in eine parasitäre Sklavin, da sie kein Geld verdient und verdienen soll. Sie bekämpfte die jüdische Emanzipation durch Bildung und Besitz. Die sittenstolze Bürgertugend bekämpfte das aristokratische Laster Sodoms, das unter den Monarchen, Offizieren, Höflingen der Rokoko-Sozietät derartig verbreitet war, dass bloß Médisance denkbar blieb. Fremdenfeindlich von Anfang an, wurde die bürgerliche Gesellschaft zunehmend nationalistischer. In dieser gleichgeschalteten Gesellschaft wurde jeder Außenseiter zur Provokation. Diese Provokationen, diese Ärgernisse der Außenseiter erörtert Mayer an Einzellfällen, indem er einzelne Phänomene und Vorgänge erzählerisch analysiert.
Ein Ärgernis in der bürgerlichen Gesellschaft sind zum Beispiel Frauen, die ihrer "Weiblichkeit" entsagen. Frauen mit der Waffe, sowohl der realen wie der "geistigen" werden von den Männern, die sich mit Frauenfiguren wie der Johanna, Judith oder Penthesilea literarisch beschäftigen, denunziert, da sie aus diesen minoritäten Taten einer Judith oder Johanna die politische Entmündigung auch der weiblichen Majoritäten ableiten. Und obwohl die Frauen keine Minderheit sind, werden sie dennoch als solche behandelt, "als eine vom männlichen Bewußtsein pejorativ gedeutete Außenseiterexistenz." Das beweisen die zahlreichen Beispiele aus der Vergangenheit, wo Frauen, Neger und Juden als Außenseiter nebeneinander gestellt wurden. Nach Mayer sind auch die Frauen im 20. Jahrhundert jeder Möglichkeit zur Subjektivität und Identität beraubt, indem sie sich an die männliche Welt anpassen und die von ihr auferlegte Rollenverteilung. Besonders durch die Werbung und durch ihr Bild von der Frau, die sich an junge Mädchen und Frauen wendet, wird die Frau zum (Sexual-)Objekt gemacht. Darin unterscheiden sich bestimmte "Frauenzeitungen" von einem Männermagazin wie dem "Playboy" durchaus nicht. "Die Rollen müssen gespielt werden; die Bilderwelt der durch Werbung manipulierten Frau wurde zum Rollenklischee. Die Selbstentfremdung wird als Wert angepriesen und gekauft."
Das zweite Kapitel "Sodom" ist der Homosexualität in der Literatur gewidmet, eine bis heute grundlegende Arbeit zu diesem Thema. Mayer entwirft darin zunächst einen literaturhistorischen Überblick zum Thema, die Chronik der Morde und Skandale, die von der griechischen Antike bis ins 20. Jahrhundert reicht. In den weiteren Teilkapiteln führt er dann an ausgewählten Autoren bzw. Literaturfällen exemplarisch spezielle Ausprägungen der literarischen Darstellung der Homosexualität. Für die homosexuellen Literaten und für die literarische Darstellung der Homosexualität im 19. Jahrhundert gab es nach Mayer drei Alternativen: das Streben nach "Gleichschaltung" mit den Normen und Erwartungen der Gesellschaft, oder der Bruch mit diesen Normen durch die bewusste Provokation von Skandalen oder "eine rare, dritte Möglichkeit der homosexuellen Existenz" - der Todesrausch. Zugegeben eine etwas plakative Trias, aber sie zeigt dass der Homosexuelle letztlich in der bürgerlichen Gesellschaft immer ein Außenseiter bleiben wird und zwischen Gleichschaltung, Skandal oder Tod (Selbstmord) wählen wird.
Im dritten Kapitel "Shylock" beschäftigt sich Hans Mayer mit der literarischen Darstellung des Juden seit Shakespeare und Marlowe. Auch bei der Judenfrage ist die bürgerliche Aufklärung trotz eines Lessing gescheitert. Sie musste scheitern, weil die Theorie und Praxis der Aufklärung, das Problem dadurch zu lösen versuchte, dass man "die Forderung der jüdischen Assimilation stellte, nämlich als Verzicht auf den Ursprung zugunsten der Umwandlung, als Reduzierung eines Volkes schlimmstenfalls auf eine Glaubensgemeinschaft, möglichst jedoch auf eine totale Amalgamierung". Bereits in Lessings Lustspiel "Die Juden" findet sich diese erstaunliche Vorwegnahme für die nachfolgenden Jahre: "die nüchterne Präsentation der gesellschaftlichen Bedingungen, unter welchem das Postulat der Judenemanzipation einzig realisiert werden könnte. Nämlich durch Bildung und Besitz." So gab es auch eine von den assimilierten Juden selbst übernommene Diskriminierung: "jene nämlich nach den deutschen Juden, die (virtuell) zur Bildung und zum Besitz qualifiziert schienen, und den verachteten "Ostjuden"." Hans Mayer macht deutlich, dass trotz des hochherzigen Optimismus der Judenhass und der Antisemitismus auch nach Auschwitz nicht abgenommen hat, sondern weiterhin unter einem neuen Deckmantel grassiert. "Aus dem bisherigen isolierten jüdischen Außenseiter inmitten einer nichtjüdischen Bevölkerung wurde eine jüdischer Außenseiterstaat inmitten einer nichtjüdischen Staatengemeinschaft." Da der Staat Israel nach Mayer ein Judenstaat ist, betreibt eine Politik, die diesen Staat nicht anerkannt und zerstören möchte, "den Judenhaß von einst und von jeder."
Im "Offenen Schluss" hält Mayer ein leidenschaftliches Plädoyer für die Außenseiter. Er wendet sich gegen die marxistische und faschistische Praxis, die Interessen des Kollektivs über die Individualrechte des einzelnen zu stellen. "Eine Denkrichtung, die eine jede so genannte Personalisierung verachtet, um allein die Kollektivitäten anzuerkennen, die quantitativ erheblichen Regelfälle, statt der qualitativen Einzelfälle, fördert das fetischisierte Denken und damit eine unmenschliche Praxis." Man sollte aber zweierlei nicht vergessen. Selbst in einer liberalen Gesellschaft ist die Frau in einer führenden Position von Parlamenten. Regierungen und Parteien, ist der homosexuelle Bürgermeister oder Außenminister, ist der jüdische Bürgermeister in Deutschland die Ausnahme und macht nicht vergessen, dass zum Beispiel solche Proklamationen wie das "Jahr der Frau" insgeheim voraussetzen, dass alle anderen Jahre solche des Mannes sind, oder dass die erwiesenen Homosexuellen in allen Ländern nach wie vor als "Sicherheitsrisiko" behandelt werden. Zum zweiten darf man auf keine Solidarität zwischen den Außenseitern hoffen, was zu bedauern ist. Die angeführten Beispiele aus der Literaturgeschichte zeigen nach Mayer keine Gemeinschaft der Außenseiter. Der Jude Heine steht gegen den Homosexuellen Platen, Lulu gegen die Gräfin Geschwitz, Rosa Luxemburg gegen die den jüdischen Offizier.
Das Phänomen Auschwitz hatte deswegen nach Adorno und Horkheimer, denen Mayer in diesem Fall zustimmt, nur in vordergründigen Weise mit Judenhass zu tun. "Es meinte, weit über die Existenz von Juden hinausreichend, ein globales Vernichtungsdenken, das nur noch Mehrheiten zulassen will, und Minderheit gleichzusetzen strebt mit "lebensunwertem Leben"." Die Kategorien Jude, Neger oder Homosexueller sind somit in einer solchen faschistischen Betrachtungsweise, die dezidierte Gegenaufklärung betreibt, austauschbar.
Ein wichtiges Buch, für jeden der sich mit dieser Thematik auseinandersetzen möchte.