Kaum zu glauben, dass ich von Attwenger bisher nur eine Handvoll Lieder ("Sunnseit'n", "Kreuzpolka", "Sun" ...) kannte, diese zwar exzellent fand, mich aber nie mit ihrem Gesamtwerk beschäftigt habe. Einen hervorragenden Einstieg bieten die beiden Filme "Attwengerfilm" und "Attwenger Adventure", in der DVD-Edition der Wiener Zeitung "Der Standart" im Doppelpack.
Attwenger, das sind zwei optisch völlig unauffällige Männer aus Linz an Schlagzeug bzw. Quetsche - Markus Binder und Hans-Peter Falkner - die sich 1990 unter diesem einem Gstanzl entnommenen Nachnamen zusammengetan haben. Anfangs reichte es den beiden, Volksmusik beschleunigt, härter, rhythmischer zu spielen und mit frechen Texten zu versehen. Im Laufe der `90er-Jahre experimentierten sie dann zunehmend mit Versatzstücken aus Hip-Hop, Elektronik, Drum & Bass usf. Attribute der Kritiker für die beiden und ihre Musik reichen laut DVD-Hülle von "Quentschnpunkdadaisten", "Folkloreelektronikrocker" , "Mentalitätskritiker" bis hin zu "räudige Sounds", "radikal ratternde Zieharmonika", "brutales Schlagzeug" und "großartige Texte".
Alles richtig, aber unvollständig. "Attwengerfilm" folgt Markus Binder und Hans-Peter Falkner auf einer langen Autofahrt, bei der sie sich so witzig, philosophisch, normal über die Fragen des Daseins und die Banalitäten des Alltags unterhalten, wie man es von geistreichen Österreichern kennt. Dazwischen sieht man Konzertausschnitte, bei denen die beiden mit furiosem Trommelspiel bzw. steirisch-ska-artigen Quetschenlauten das Publikum zum Hüpfen bringen. Daneben gibt es grellbunte, hektische Animationsvideos, die den Sound des Duos schön untermalen und die Kommentarstimmen einiger Branchengrößen. Erstaunlich, dass bei dem Film von 1995 mehrere Regisseure um Wolfgang Murnberger (später durch die Verfilmung der Wolf-Haas-Krimis bekannt geworden) am Werk waren, so stimmig ist die Komposition aus schnödem Alltag und Ekstase auf der Bühne.
Für "Attwenger Adventure" von 2007 zeichnet alleine der Linzer Regisseur Markus Kaiser-Mühlecker verantwortlich. Es ist ein weitaus uneinheitlicheres, nicht mehr chronologisches Puzzle, bei dem auch familiäre Eindrücke (z.B. Falkners Mutter, die die Hoffnung auf einen bürgerlichen Beruf für ihren Sohn noch nicht aufgegeben zu haben scheint) und seltenes Archivmaterial (z.B. ein Auftritt in einer RTL-Sendung, bei der sie erstmal den Unterschied zwischen Volksmusik und volkstümlicher Verblödung erklären mussten) hinzukommen. So uneinheitlich die Form, so klar die Aussage: Hier sind zwei Musiker am Werk, die sich nie vom Mainstream haben vereinnahmen lassen, nicht am Anfang, wo Hubert von Goisern wesentlich mehr Platten verkauft haben dürfte, nicht später, wo sie bei Preisverleihungen die Musikauswahl des Fernsehens geißelten. In "Attwenger Adventure" wird auch Binders Sprachtalent ausreichend gewürdigt, wie reduktionistisch und lautmalerisch er den Dialekt kanalisiert, Wörter einwirft, verdreht und Botschaften vermittelt, die irgendwo zwischen Haltung demonstrieren, Ironie und Dadaismus liegen.
Beide Filme zeigen, wie die beiden dauerhaften Erfolg - wenn auch nur im mittleren Bereich - hatten, weil sie sich immer selbst hinterfragt haben und nie, was vielen Musikern nicht gelingt, für etwas oder irgendwen soz. instrumentalisieren ließen. Und wie normal ein Leben sein kann, wenn man es schafft, 16- bis 60jährige mit seiner Energie auf der Bühne mitzureißen. Inspirierende, begeisternde Dokumente einer sensationell guten Band.