Wir haben es hier also mit einem weiteren Vertreter der wieder aktuell gewordenen Sandalenfilme zu tun. Sämtliche Filme der neueren Machart dieses Genres haben dabei ganz bestimmte Elemente und Probleme gemein: 1) Eine starke Zurückdrängung der Handlung zugunsten der Actionszenen. 2)Die Zuspitzung des Plots auf zwei Charaktere (der eine ist furchtbar nobel, der andere entsetzlich böse) 3) Die kulissenhafte Verwendung des Topos "Antike", um eine banale Geschichte mit der nötigen Atmosphäre zu würzen.
Alle diese Probleme haben der "Gladiator", der jüngst erschienene "Julius Caesar" (ein besonderes Negativbeispiel) und auch in Ansätzen "Attila". Alle Filme benutzen einige Elemente aus der griechisch-römischen Antike, werfen sie in einen Mixer und oft kommt ein Gesamtbild heraus, in welchem nichts zusammenpasst. Wenn man sich die Legionäre im "Attila" anschaut, fühlt man sich direkt in eine Zeitmaschine versetzt, die einen ca. 450 Jahre weiter in die Vergangenheit führt, nämlich in die augusteische zeit. Tatsache ist, dass in der Mitte des 5. Jhs. die römische Armee fast nur noch aus Söldnertruppen bestand, die sich aus Germanen, Hunnen usw. zusammensetzte. Und diese Armee kämpfte dementsprechend nicht mehr viel anders als die einfallenden Heere der Barbaren, wenn man von den römischen (noch nicht einmal das war noch Regel) Generälen absieht, die diese Haufen befehligten.
Einen weiteren üblen Lapsus stellt die Darstellung des Kaisers und der Senatoren dar. Mal abgesehen davon, dass die Charakterisierung Valentinians III. eigentlich nur als albern zu bezeichnen ist (Peter Ustinov bleibt unerreicht!), fragt man sich, warum dieser Kaiser auf Biegen und Brechen den Standardwahnsinnscaesaren hergeben musste. Wie langweilig! Es kommt noch hinzu, dass die Produktion die Chance vertan hat, bei noch stehenden Originalmonumenten zu drehen! Schließlich residierte der weströmische Kaiser seit 408 nicht mehr in Rom (das war mittlerweile ein Risiko geworden), sondern in Ravenna!
Das sind alles peinliche Fehler, die durch einen kurzen Blick in ein gutes Buch hätten vermieden werden können. Erstaunlicher ist dies umso mehr, als dass dieser Film in so manchem Detail echte historische Kompetenz erkennen läßt. 1) Der Film thematisiert den Konflikt zwischen Galla Placidia und Aetius (übrigens sehr gut gespielt von Powers Boothe) sehr glaubhaft, der tatsächlich in jener Zeit besonders stark schwelte. Das inszenierte Attentat auf Valentinian III.(wenngleich erfunden) durch den Heermeister verdeutlicht die schwierigen innenpolitischen Verhältnisse in Rom und das Phänomen des Schattenkaisertums im 5. Jh. im Westen. 2) Der Kniff mit dem (fiktiven) frühen Treffen des jungen Attila und Aetius ist ebenfalls durchaus interessant, zumal es einerseits die beiden Hauptcharaktere antagonistisch gegenüberstellt, andererseits auf das historische Faktum anspielt, dass Aetius einst tatsächlich Geisel bei den Hunnen war und auch vor 450 freundschaftliche Beziehungen mit ihnen unterhielt.
3) Spannend erklärt ist die (definitiv historisch belegte) Motivation des Heermeisters, die Westgoten, und vor allem Theoderich, nicht als Verbündete anerkennen zu wollen. Durch die hinzugefügte Geschichte, dass Aetius einst die Tochter des Gotenkönigs entführte, wird auch hier auf clevere Weise eine historische Situation glaubhaft mit dramaturgischer Tiefe versehen.
4) Das genialste jedoch ist der (auch sicher fiktive) Auftrag des Aetius am Ende der Schlacht, deren Entscheidung tatsächlich lange nicht klar war, Theoderich umzubringen, da die historische Überlieferung nur berichtet, dass der König am Morgen nach der Schlacht tod aufgefunden worden sei. Damit wird noch einmal auf die tiefen persönlichen Motive des "letzen Römers" (E. Gibbon)hingewiesen und die Historie "drumherumgebaut".
Alle diese Stellen beweisen (man könnte noch einige andere aufzählen), dass man sich in der kreativen Abteilung wirklich Gedanken gemacht hat, die Lücken der Überlieferung so zu schließen, dass das Handeln der Charaktere einerseits Tiefe und andererseits eine historische Plausibilität gewinnt nach dem Motto "Es könnte ja so gewesen sein ...". Exakt diese geschichtliche Stimmigkeit (sei sie auch spekulativ, was aber einem Spielfilm aber auch gestattet sei) fehlt einem Gladiator oder einem Caesar, wodurch "Attila" von der Anlage eher an solche Klassiker wie Spartacus oder Fall of the Roman Empire erinnert, die ihrerseits versuchten, eine GESCHICHTE mit einem Inhalt aus der Antike zu erzählen, und nicht den bloßen zweidimensionalen Abklatsch von Klischees dem Zuschauer zu präsentieren.
Bedauerlich an dem Film ist jedoch die billige Produktion, welche jedoch der Tatsache geschuldet ist, dass es sich um einen Fernsehfilm handelt. Die Schlacht auf den katalaunischen Feldern (man weiß übrigens NICHT, wo sie stattgefunden hat, die Nähe von Orleans ist dabei eine Möglichkeit) ist leider sehr mikrig ausgefallen, wenn man bedenkt, dass in jener etwa 500000 Menschen getötet worden sein sollen.
Fazit: Es handelt sich um einen durchaus interessanten Streifen, der mit der Historie nicht ganz so fahrlässig umgeht wie Caesar oder Gladiator, sondern mit einem Gespür für die Spekulation Lücken in der Geschichte sinnig füllen kann. Ferner sind aber üble Schnitzer und etwaige Römer- und Barbarenklischees unübersehbar, die dann dann doch relativ ärgerlich sind, während die teilweise billige Ausstattung die Glaubwürdigkeit ebenfalls leicht beschädigt. Ein Schwachpunkt ist ebenfalls, dass die Qualität der Darsteller ebenfalls sehr fluktuiert (Gerard Butler alias Attila nervt, Alice Krige (Galla Placidia) ist schön eisig und Powers Boothe reist es raus!). ***