Ein weiteres, das mittlerweile vierte, Buch einer außergewöhnlichen Serie ist hier zu besprechen, ein Buch aus der Mitte eines der längsten und historisch tief reichendsten Konflikte dieser Welt. Ein Buch, dessen Hauptfigur lebt in einem Ort, der vor 2000 Jahren Geschichte schrieb, als dort der Überlieferung des Lukasevangeliums zufolge Jesus von Nazareth in einem Stall geboren wurde. Bethlehem ist aber auch ein Ort, der von den Muslimen hochgeschätzt wird und liegt heute mitten in palästinensischem Gebiet.
Matt Beynon Rees, der Autor dieser bemerkenswerte Kriminalreihe, die sich mit ihren ersten drei Bänden schon einen guten Ruf in der Welt der anspruchsvollen Krimis erworben hat, ist in Wales geboren und lebt seit langem in Jerusalem, wo er lange als Bürochef der "Time" gearbeitet hat. Er kennt sich also nicht nur mit der Geschichte des Konfliktes aus, der sich dort abspielt, sondern auch mit seinen aktuellen Ausformungen, Höhepunkten und all seinen Irrationalitäten.
Mit Omar Jussuf hat er einen Protagonisten erfunden, der auf mutige und sympathische Weise versucht, mitten in einem Strudel von Gewalt, Ideologie, Fanatismus und Korruption als Lehrer einer von den UNO unterhaltenen Schule seinen palästinensischen Schülern etwas beizubringen von der Geschichte des Konflikts, in dem sie aufgewachsen sind, wobei er immer bestrebt ist, die platten Freund-Feind-Bilder aufzubrechen und sich vehement gegen die Parole zur Wehr setzt, die Juden einfach ins Meer zu treiben.
In seinem neuen Buch führt Matt Beynon Rees seinen sympathischen Protagonisten nach New York, wo er auf einer UNO-Tagung zur Lage der Schulen und der Bevölkerung in den besetzten Gebieten sprechen soll. Und er führt ihn sehr schmerzhaft an die Grenzen seiner Möglichkeiten als Lehrer. Er muss erkennen, dass all seine Bemühungen bei etlichen seiner Schüler, die mittlerweile in "Little Palestine", einem Teil von Brooklyn wohnen, nichts gefruchtet haben, ganz im Gegenteil.
Kaum in New York angekommen, entdeckt Omar Jussuf in der Wohnung seines Sohnes Ala, die dieser mit anderen jungen Männern aus Bethlehem teilt, einen Toten. Er ist schrecklich zugerichtet, sein Kopf ist abgehackt. Natürlich wird Ala sofort der Tat verdächtigt. Jussuf versucht zusammen mit einem aus Palästina stammenden New Yorker Cop dem Fall nachzugehen, und er muss immer wieder feststellen, dass die unglaubliche Gewalt und die grassierende Korruption seines Heimatlandes von den palästinensischen Auswanderer in die USA mit genommen worden ist. Mehr noch als in den drei früheren Büchern schildert Matt Beynon Rees die Hoffnungslosigkeit einer Kultur, die sich immer selbst als Opfer sieht und insbesondere unter ihresgleichen die furchtbarsten Verbrechen anrichtet. Denn es bleibt nicht bei einem Toten. Weitere werden hinzu kommen, während Omars Ermittlungen.
Omar Jussuf schwebt während seiner Ermittlungen in großer Lebensgefahr, denn Mitglieder seiner eigenen Delegation wollen ihm ans Leben. Für sie ist er schon lange ein Verräter. Doch er macht weiter, und tritt auch trotz massiver Drohungen ans Rednerpult der UNO und hält dort eine Rede, die ich wegen ihrer realistischen Beschreibung der Zustände in einem langen Zitat wiedergeben möchte:
"Als Bewohner des Flüchtlingslagers Dehaischa bin ich aufgefordert worden, zu Ihnen über die Realität des Lebens in Palästina zu sprechen. Lasen Sie mich mit dem beginnen, was Sie bereits wissen - die Selbstmordbomben; die Kämpfe mit israelischen Soldaten; die Namen der Fraktionen, Hamas, PLO, PFLP,DFLP -, dies ist alles nur der Hintergrund." Und dann beschreibt er den Alltag der Menschen dort, die Düfte und Geräusche, um fortzufahren:
"Sie fragen sich, wie diese Menschen, die Ihrer Ansicht nach Opfer sind und deren Leben voller Verzweiflung ist, morgens aufstehen. Vielleicht werden Menschen neben ihnen getötet, vielleicht werden Häuser zerstört oder Verwandte ohne Grund monatelang inhaftiert (...) Diese Menschen verbringen ihre Tage nicht damit, sich nach einem unabhängigen Staat zu sehnen - sie wissen nämlich, dass ihre Politik zu korrupt und zerstritten ist, um das erreichen zu können. Sie sind auch nicht alle bereit, für diesen Kampf ihre Kinder zu opfern."
Seine Leute sehnten sich nach dem, was den Bürgern in den arabischen Staaten versagt ist: Freiheit und Wohlstand.
Und dann redet er sich fast um Kopf und Kragen: "Wie können Sie, die arabischen Länder, den Palästinensern eine Lösung diktieren, wenn Sie doch selbst unter vielen dieser Problem leiden? In Wirklichkeit profitieren Sie, die herrschende Klasse vom Mangel an Demokratie und der ungleichen Verteilung des Reichtums. Würde man die israelische Besatzung beenden, wären die Palästinenser der Freiheit und einer funktionierenden Wirtschaft näher als die meisten Ihrer Völker".
Man wird im fünften Band der Reihe, sehen, wie Jussufs Feinde, die durch diese Rede noch zahlreicher geworden sind, mit ihm umgehen werden. In der Realität würde ein Mann wie Omar Jussuf schon längst nicht mehr leben.
Mehr noch als in den ersten Büchern thematisiert Matt Beynon Rees die Symbiose von Korruption, Gewalt und islamistisch-religiösen Vorstellungen in den Terrornetzwerken, die sich rund um die Welt spannen und auch Jussufs Sohn Ala und seine Freunde, die Jussuf vor vielen Jahren in Bethlehem unterrichtete, in ihre Fänge bekommen wollen.
Ein tiefgehender und kritischer Kriminalroman einer außergewöhnlichen Serie.