Ein schweres und dickes Buch mit beeindruckendem Titel, auch wenn die Bezeichnung Programm Delphin für das erste Bunkerbauprogramm der DDR vom 21.11.1968 bis heute nicht belegt ist. Als Vorschlag aus einem geheimen Arbeitsdokument ist die Bezeichnung bekannt. Sie fand keinen Eingang in die Sitzungsthemen des Nationalen Verteidigungsrates(NVR)der DDR. Keines der heute einsehbaren Sitzungsprotokolle weist eine Diskussion oder Beschlussfassung zu dem Vorschlag aus. Den Titel des Buches begründet demnach ein Vorschlag. Ein Faksimile (Seite 28) beweist es. Der vollständige Text des Faksimile bestätigt allerdings die Version eines Vorschlages. Programm Delphin bleibt ein Geheimnis des Autors !
Ungeachtet dieser Einleitung, Anerkennung ist dem Autor nicht zu verwehren, er hat sie verdient.Er hat ein Nachschlagewerk, ein Dokument für die Ewigkeit geschaffen, einmalig, umfassend, in verständlicher und lockerer Weise geschrieben. Zu schätzen ist die Objektivität, mit der er beide sich im Kalten Krieg gegenüberstehenden Seiten, insbesondere deren Schutzbedürfnisse, beleuchtet. Bergner vermittelt den Lesern einen Einblick in die Vielfalt der Unterwelten unterschiedlicher operativer Zweckbestimmung, Nutzung und Aufgaben, die als Reaktion der DDR auf Aktivitäten der anderen Seite (BRD/NATO) verstanden werden muss. Die militärpolitische Situation jener Zeit mit ihrem Wettlauf der Waffensysteme bildet den Hintergrund des Buches. Intensiv wird der Bunkerbau in der DDR behandelt, dem sich der Autor voll und ganz in seinem Werk zuwendet.
In ganzer Breite ist es ihm gelungen, ein Kapitel Militärgeschichte in den Mittelpunkt zu rücken, welches Aufmerksamkeit, Beachtung und Respekt der Leser verdient. Es ist einer enormen Fleißarbeit des Autors zu verdanken, das mit dem Buch eine einmalig umfassende Übersicht über Standorte von Bunkeranlagen, ihrer Planung und Entwicklung, Funktion, Wartung und Nutzung vorliegt. Interessierte und Insider begrüßen das Vorhandensein des Buches, auch wenn es in Fachkreisen nicht unumstritten ist.
Sein Inhalt wird bestimmt von umfangreichen Recherchen des Autors und den Berichten von Zeitzeugen. So unterstreicht er in seinem Vorwort, Aussagen von Anderen dokumentiert zu haben, um sie der Nachwelt zu erhalten. Eine lobenswerte, anerkennende und ehrende Absicht. Es ist ihm gelungen. Sein Hinweis allerdings an die Leser, nur das aufgeschrieben zu haben, was ihm Andere berichtet haben, gleicht ein Stück weit der Abwendung persönlicher Verantwortung und Entschuldigung für Fehlaussagen.
Bleibt die Frage, nach den richtigen Anderen und ob deren Berichte, sach- und fachkundig nachbereitet, aufgeschrieben wurden. Und hier sind Bedenken angesagt, nicht an der Funktion des Buches als Nachschlagewerk für Standorte von Bunkern, deren Projektierungsangaben, Größen und Funktion, vielmehr an Aussagen, die das Führungssystem, Führungsverbindungen, organisatorische Abläufe, sachbezogene und spezialfachliche Details betreffen. Es hätte dem Buch besser getan, wenn alle Aussagen um die zuletzt genannten Themenbereiche ausgeklammert oder stark eingegrenzt geblieben wären. Somit aber fallen einige spezifische Details unter den Wust der Verfälschung, die vom Autor im Vorwort angeprangert und nicht gewollt ist. Unbewusst wird der Wust der Verfälschung genährt durch unverstandene, falsch wiedergegebene Zusammenhänge und Fakten. Für eine objektive und wahrheitsgemäße Geschichtsaufarbeitung stellen sie einen Makel dar.
Nur wenige seien genannt. Mit der Indienststellung des Operativen Führungszentrum (OFZ) im Ministerium für Nationale Verteidigung (MfNV) wurde die Standhaftigkeit der Führungsverbindungen verbessert, oder, hier (auch OFZ) lief die zentrale Alarmierung der NVA auf. Beide Aussagen sind nicht nur unkorrekt, sie sind falsch. Unzutreffend ist, das OFZ hätte im Kriegsfall nach Harnekop verlegt, um von dort die NVA zu führen. Im MfNV gab es weder eine leicht geschützte Führungsstelle in den Häusern 7, noch fand am 25.05.1968 eine Sitzung des NVR statt. Und die Sitzungen dieses Gremiums wurden niemals im Haus 2 des MfNV (früher Stophs Block) durchgeführt. Einer Rekonstruktion der RS-18 (Hauptgefechtsstand der Volksmarine in Tessin)in der Mitte der 80er Jahre ist die Bauinvestitionsnummer eines Erweiterungsprojektes für die 90er Jahre zugeordnet. Auch spezifische Aussagen zu den Nachrichtenkräften- und Mitteln, z.B. zum Technikbestand der Funksende- und -empfangsgeräte in der Nachrichtenzentrale des MfNV, zum Troposphären- Nachrichtensystem, zu Funksendern für den SND (Spezialnachrichtendienst) und weitere sind falsch. Nur die wenigen Beispiele zeigen die komplizierte spezialfachliche Umgebung, in die sich der Autor als Außenstehender der Materie, begeben hat. Er hat sich der Thematik gestellt, das allein verdient Hochachtung ! Mehr wäre machbar gewesen!. Infolge zu unterstellen, der Autor hat schlecht oder oberflächlich recherchiert, wäre ungerecht und nicht angemessen. Vom Umfang des Stoffes war der Autor überfordert, der Umgang mit den Berichten Anderer seine Schwäche. Insider können damit leben. Das anderen Lesern damit aber ein verfälschtes Bild vermittelt wird, macht nachdenklich und mindert die Wertschätzung des Buches.
Lob und Verdienst bleiben dem Autor. Er hat einen umfassenden Überblick über Bunkeranlagen in Deutschland geschaffen, nicht mehr und nicht weniger. Andere werden das nicht wiederholen. Zu hoffen aber bleibt, das aus dem Dunkel der Geschichte, das heute noch Unsichtbare und Verborgene in naher Zukunft in das Blickfeld unseres Geschichtsinteresses gerückt wird. So wie es der Autor mit seinem Werk getan hat. Nur am Rande erwähnt wird die durch den Autor verlegte Kubakrise in das Jahr 1961 und der genannte falsche Todestag von Heinz Hoffmann am 05.Dezember 1985.
Die Leistung des Autors ist zu würdigen. Er hat hohe Ansprüche an sich und an das Buch gestellt. Aus objektiven Gesichtswinkeln betrachtet konnten diese nicht umfassend erfüllt werden. Der Kritik muss er sich stellen. Dem Autor gebührt der Dank von Insidern, Historikern, Zeitzeugen und an der Geschichte interessierter Leser, die mit dem Buch umfangreiche Inhalte zur Militärgeschichte in Deutschland vermittelt bekommen. Das Buch hat seinen Preis, ich empfehle es. Lesen, analysieren und bewerten muss es jeder Leser für sich allein. Die Wertungen werden so unterschiedlich sein wie die Beziehungen der Leser zur Thematik. Meine Wertung, befriedigend.