Neue Zürcher Zeitung
Empfindsame Ästhetik
upj. Unter dem etwas erklärungsbedürftigen Titel «Atmosphäre» verhandelt Gernot Böhme, Professor für Philosophie in Darmstadt, die gegenwärtig zu beobachtende Re-Ästhetisierung der Natur, die den (wieder empfindsam gewordenen) Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts in allen Lebensbereichen begleitet: Ökologie, Landschaftsbetrachtung, Umwelt, Körper . . . die «Natur» schlechthin wird nicht durch eine neue Ethik, sondern durch das Wiedererstarken einer ästhetischen Aura vor drohender Verletzung bewahrt. Das «Schauen» selbst wird zu einer Form des Bewahrens; das «Atmosphärische» einer ruhigen Abendstimmung zu einem Paradigma für die «Prävalenz des Seienden» vor jeder zerstörenden Invasion. In zwei weiteren Teilen wendet sich Böhme der Physiognomie und schliesslich den «Ekstasen» zu: Damit sind neue «Dingmodelle», neue Konzeptionen des Seins von Dingen, gemeint, die nicht mehr einfach «ausserhalb» des menschlichen Körpers stehen (etwa wie ein «toter» Flügel auf einem Konzertpodium), sondern zu einem «ekstatischen» Teil des menschlichen Körpers selbst werden man denke etwa an eine Violine, die beim Spiel zum Klang«körper» und schliesslich zum «Körper»teil des Violinisten selbst wird.
Kurzbeschreibung
Das primäre Thema von Sinnlichkeit sind nicht die Dinge, die man wahrnimmt, sondern das, was man empfindet: die Atmosphären. Neben diesem Begriff behandelt Gernot Böhme jene der Physiognomie und der Ekstase. Sie werden hier in ihrer Leistungsfähigkeit in unterschiedlichen Gebieten vorgeführt: Landschaft, menschliche Erscheinung, Design.