Zwei Jahre lang hing Jürgen Wollinas Stadt- und Umgebungsplan von Entenhausen in meiner Küche. Und wäre er nicht völlig vergilbt, hinge er noch heute dort. Auch weil ich Karten von fiktiven Orten schon immer liebte. Für diesen Atlas von Werner Nell und den Illustrationen von Steffen Hendel bin ich also das ideale Zielpublikum. Und da man mich nicht von der Idee überzeugen musste, konnte ich mich beim Schmökern voll auf die Texte und das Kartenmaterial konzentrieren. Für alle anderen steht im Vorwort klipp und klar, wozu ein solcher Atlas gut sein soll. Aber wer das nicht schon selber ahnt, wird kaum die Freude haben, wie sie den Wissenden eigen ist. Trotzdem: Dieser Atlas ruft unsere Einbildungskraft ab, erinnert an den Unterschied zwischen Sehen und Schauen, gibt einen Einblick in die Werke der Weltenbastler und erzählt vor allem unzählige Geschichten.
Die dreißig Orte menschlicher Fantasien sind alphabetisch geordnet, beginnend mit Ardistan und Dschinnistan von Karl May und endend mit dem Zauberberg von Thomas Mann. Dazwischen treffen wir auf Atlantis, Avalon, Gondor, Lilliput, Mittelerde, Nimmerland, Phantásien, Robinson Crusoes Insel, Utopia oder Walhall. Und zu jedem dieser Sehnsuchtsorte liefert der literarische Weltenbummler, Soziologe und Komparatist Werner Nell spannende Texte. Steffen Hendel, der unter anderem auch Bäcker und Kellner war, beherrscht heut das grafische Handwerk so gut, dass seine Illustrationen einfach bombig sind.
Dem ebenso funktionalen wie schönen Layout ist es zu verdanken, dass wir die überreichten Informationspakete gerne öffnen und uns Dinge merken, die wir bisher kaum wahrnahmen. Und wer sich zwar an einzelne Namen von Ortschaften, Personen, Landschaften oder Gebäuden erinnern, diese aber nicht einordnen kann, wird das ausführliche Register am Schluss schätzen. Dort erfährt man, dass Paris nicht nach Frankreich, sondern in den Olymp gehört oder Pelennor mit Gondor, dem Reich der Mitte, zu tun hat.
Mein Fazit: Ein wunderschöner Atlas, der sehr viel mehr als die Spielerei zweier Weltenerforscher ist. Bildungshungrige können auf äußerst angenehme Weise ihren Appetit stillen, Fantasten dürfen sich ganz offiziell auf den verschiedensten Gebieten austoben, Hobbykartographen erhalten bestes Anschauungsmaterial für neue Varianten und Literaturfreunde können ihre eigenen Vorstellungswelten mit denen anderer Geschichtenliebhaber vergleichen. Kluge Texte, tolle Auswahl und faszinierende Illustrationen. Kurz: ein ganz heißer Tipp.