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Atlas des europäischen Romans
 
 
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Atlas des europäischen Romans [Gebundene Ausgabe]

Franco Moretti
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  • Gebundene Ausgabe
  • Verlag: DuMont Reiseverlag, Ostfildern (1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3770144724
  • ISBN-13: 978-3770144723
  • Größe und/oder Gewicht: 24,2 x 17,8 x 2,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 609.867 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Franco Moretti liest Romane wie Landkarten. Auf hundert ausführlich erläuterten Plänen folgt er hier den Wegen verschiedener Romanfiguren. Seine Karten und Kommentare untersuchen, in welchen Weltgegenden Schriftsteller das Schlechte ansiedeln oder welche Vorstellungen sich Dostojewski von Westeuropa macht. Franco Morettis Material bilden vor allem Romane des neunzehnten Jahrhunderts. Er zeigt, wie Literatur die Geschichte begleitet.

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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen Gute Idee, nachlässige Ausführung, 24. Juni 2005
Rezension bezieht sich auf: Atlas des europäischen Romans (Gebundene Ausgabe)
Die Idee ist so naheliegend, dass man erst einmal draufkommen muss: Literatur, Romane zumal, spielt nicht im luftleeren Raum, sondern sie hat ihren geschichtlichen und geographischen Hintergrund, den sie auf viele Arten widerspiegelt. Die Wechselwirkungen zwischen Geschichte und Literatur sind ein altehrwürdiger Forschungsgegenstand -- aber wie steht's mit der Wechselwirkung zwischen (realem) geographischem und (fiktivem) literarischen Raum? Es gibt einige faktenreiche, klug argumentierende und unbedingt lesenswerte Abhandlungen über die vielen künstlerischen Funktionen des realen Raumes in der Literatur, man denke nur etwa an Jurij Lotmans Untersuchung zu Petersburg. Der Nachteil: Meist findet man diese Abhandlungen nur in ausgewiesener Fachliteratur, man muss also schon vorher wissen, was man sucht, und man muss sich in eine Uni-Bibliothek wagen...
In Franco Morettis "Atlas des europäischen Romans" geht es, neben einem allzu langen Schlusskapitel über die Verbreitung des Romans im 19. Jahrhundert weltweit, um Fragen wie z.B.: Wie drückt sich in Jane Austens Romanen das Raumgefühl ihrer Zeit aus, was verstand man unter "Nachbarschaft", welche Spuren hinterließ das sich soeben formierende Kolonialreich in der Literatur? Wie empfand man die Millionenstädte Paris oder London, welche Rolle spielte ihre Topographie z.B. im Werk Dickens' oder Balzacs? Wie erweiterte, verengte oder verschob sich der Aktionsradius der Romanfiguren im Laufe des 19. Jahrhunderts?
Und, das Wichtigste: Lassen sich hier spezifische Muster erkennen? Muster vielleicht, die typisch für eine bestimmte Zeit, ein bestimmtes Genre oder einen bestimmten Autor sind?
Moretti nähert sich diesem Thema auf eine verblüffend radikale Weise: Er nimmt die Romane, zumal die des 19. Jahrhunderts, wörtlich, packt Generalstabskarten und Überblicksskizzen auf den Tisch und projiziert auf diese Flächen die jeweiligen Romanhandlungen. Seine Erkenntnisse daraus sind nicht nur trivial: Jane Austens England-Bild z.B. verdeutlicht sich, die Verengung der Perspektiven auf den jeweiligen eigenen Nationalstaat im Laufe des 19. Jahrhunderts lässt sich durch Vergleich gut erkennen, und wenn man anhand eines Londoner Stadtplanes die Roman-Schauplätze etwa von Dickens, Austen u.a. vergleicht, ergibt sich nicht immer nur das erwartete Resultat, sondern auch die ein oder andere Überraschung.
Moretti legt die Latte also etwas tiefer als die ausgewiesene Fachliteratur, aber dafür verlangt die Lektüre seines "Atlas des europäischen Romans" auch keine nennenswerten Vorkenntnisse. Interesse an der Sache genügt -- und das ist erst einmal erfreulich.
Im wesentlichen beschränkt sich der "Atlas des europäischen Romans" auf die berühmten Romane des Realismus in all seinen historischen und nationalen Ausprägungen -- das liegt nahe, denn hier ist der Bezug zwischen realer und dargestellter Welt klarer erkennbar als in anderen Epochen. Allerdings tut Moretti so, als gälten seine Aussagen generell für den Roman; nirgends findet man einen klaren Hinweis darauf, dass in jeder Epoche ein anderer Raumbegriff dominierte. Man kann z.B. nicht den Raum in Döblins "Berlin Alexanderplatz" nach denselben Methoden interpretieren wie den in Tolstojs "Krieg und Frieden" -- oder man denke an Epen wie z.B. die "Odyssee" oder den "Parzifal"! Deren Verfasser benutzten ihren (realen!) geographischen Hintergrund unter ganz anderen Aspekten und zu ganz anderen Zwecken. Moretti sollte das wissen, weiß es wahrwscheinlich auch. Aber er sollte eben auch darauf hinweisen, denn für Werke außerhalb des Realismus ist sein Ansatz nur teilweise sinnvoll anzuwenden.
Morettis Ansatz ist im Großen und Ganzen lesenswert und weckt auf jeden Fall Entdeckerfreuden beim Leser. Allerdings hebt er für meine Begriffe zu ausschließlich auf die geographische Interpretation ab -- sicher, sie ist ein schönes und auch ein wenig spektakuläres Hilfsmittel, aber eben nur ein Hilfsmittel unter vielen. Gerade in einem Buch, das sich vornehmlich an interessierte Laien wendet, sollte das etwas deutlicher zur Sprache kommen.
Was auch nicht zur Sprache kommt, bzw. einfach fehlt, das sind Orts- und Personenregister. Gerade angesichts dessen, dass Moretti sich hier mit der Wechselwirkung zwischen Raum und Literatur befasst, ist das eine unentschuldbare Nachlässigkeit -- mindestens. Ebenfalls fehlt ein systematisches Literaturverzeichnis; man muss sich das mühselig aus den Fußnoten zusammensuchen. Vielleicht ist dessen Fehlen ja Absicht, denn m.E. fehlen im "Atlas des europäischen Romans" Verweise auf literaturwissenschaftliche Standardwerke zum Thema. Moretti braucht sie ja nicht ausführlich diskutieren, das wäre in diesem Rahmen kontraproduktiv, aber er sollte wenigstens mitteilen, bei wem er ggf. abgeschrieben hat. Das ist Usus und gehört sich so.
Diese formalen Einwände sind schwerwiegend und lassen in mir den Verdacht gären, hier werde mit einem schön gemachten Buch Schaumschlägerei getrieben, viel Wirbel um Weniges gemacht. Das ist objektiv gesehen nicht unbedingt so, aber der fade Nachgeschmack bleibt. Schade um die gute Idee!
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