Rezension
zu Siegmar von Schnurbein (Hg.): Atlas der Vorgeschichte: Europa von den ersten Menschen bis Christi Geburt. Mit Beiträgen von Bernhard Hänsel, Carola Metzner-Nebelsick, Rosemarie Müller, Johannes Müller, Thomas Terberger und Susanne Sievers. Stuttgart, Theiss 2009.
Von Hans J. Holm
Mit diesem eindrucksvollen Werk liegt nun ein aktueller deutscher Geschichtsatlas der Vorgeschichte vor, der endlich mit dem - durch die sich bereits über mehrere Jahrzehnte zäh hinziehenden Datierungsfortschritte bedingten ' bisherigen Datenwirrwar aufräumt.
Der "Atlas" ist in die üblichen Hauptabschnitte gegliedert, nämlich
- Alt- und Mittelsteinzeit (1,3 Mio. Jahre - 4000 v. Chr.)
- Jungsteinzeit (6000 - 2000 v. Chr.)
- Bronzezeit (2200 - 800 v. Chr.)
- Eisenzeit (800 v.Chr. - Christi Geburt).
Dabei behandelt er diese Zeitabschnitte weniger konsequent chronologisch, vielmehr beleuchtet er die unter den Bedingungen dieser Epochen herrschenden Lebensverhältnisse schlaglichtartig in vielen thematischen Einzelabschnitten.
Für den Anspruch, ein Standardwerk vorzulegen, das "sowohl interessierte Laien ansprechen soll und sich für den Schulunterricht eignen als auch in der universitären Ausbildung dienen" soll (S.8), müssen jedoch die leider noch zu vielen Fehler dieser ersten Auflage berichtigt werden. Aus über 20 Seiten Fehlerauflistung können hier nur beispielhaft einige wenige angeführt werden.
Sucht man z.B. an Hand des Inhaltsverzeichnisses ein interessierendes Unterkapitel und will es im Text aufschlagen, fühlt man sich nach kurzer Zeit an der Nase herumgeführt, denn man findet es entweder gar nicht oder auf anderen Seiten. Dafür gibt es im Text völlig andere Überschriften, die wiederum nicht im Inhaltsverzeichnis stehen. Das durfte nicht passieren!
Hinsichtlich der Schreibweisen v.a. fremdsprachlicher Kulturregionen haben sich die Lektorinnen in Vielem zu sehr auf die Sachkenntnis der Autoren verlassen. Solche Namen werden völlig uneinheitlich, allzu oft sogar falsch geschrieben. Als Mindeststandard für ein populärwissenschaftliches Buch ist die sogenannte "aussprachenahe Umschrift" des Dudens zu fordern, noch besser wäre - wegen seiner Eindeutigkeit - der höhere Standard einer wissenschaftlichen Transliteration nach ISO. In Klammern sollten dann in der Literatur häufig verwendete (oft englische) Umschriften dazugesetzt werden, was die Quellenrecherche oft erst möglich macht.
Die Forderung nach Konsequenz betrifft auch alle Fachtermini: Da bereits weitgehend so gehandhabt, sollten alle zunächst in Deutsch notiert werden, mit dem Fachausdruck in Klammern dahinter. Teilweise haben sich völlig untragbare Manuskriptabkürzungen wie ME für Mitteleuropa unkorrigiert erhalten.
Mit diesem Stichwort kommen wir zum beanspruchten Geltungsbereich des Buches, nämlich "Europa von den ersten Menschen bis Christi Geburt". "Europa" wird nun leider nur segmental erfasst, was weniger für den deutschen Leser, als für mögliche spätere Übersetzungen negativ ins Gewicht fällt. Dabei kommt vor allem Osteuropa zu kurz. Auch hinsichtlich der Zeitangaben wird der europäische Horizont oft aus den Augen verloren und Zeiten verallgemeinert, die sich gerade noch auf Süddeutschland beziehen, wie z.B. die Bronzezeit. Bei den Zeituntergliederungen hat man sich an den forschungsgeschichtlich gewachsenen uneinheitlichen Flickenteppich von Bezeichnungen gehalten: Alt, jung, früh, spät und neu gehen wild durcheinander, zum Beispiel im End-Paläolithikum oder Mesolithikum. Hier wäre einmal die Chance, ein sprachlich konsequentes Konzept zu etablieren.
Ein erheblicher Nachteil hat sich durch die Zeitnot ergeben, unter der sich anscheinend die Autoren gefühlt haben. Zu Vieles wirkt hastig und unkontrolliert formuliert. Ohne die Zeit zu nötigen Recherchen flüchten sich die Autoren allzu oft in schwammige, nichtssagende, uninformative Oberbegriffe, die an die bewährte Taktik vieler Meteorologen und Astrologen erinnern: Möglichst allgemein ausdrücken, dann bleibt man unangreifbar.
Vor allem muss eine saubere Trennung zwischen Information und der v.a. in den beiden ersten Kapiteln oft auswuchernden Interpretation gezogen werden, die dort leider hin und wieder die Grenze zur Esoterik überschreitet.
Diesem bedauerlichen Streben nach populistischen Klischees begegnen wir noch auf zwei weiteren Feldern: Erstens der Klimadebatte. Hier kann es der Autor nicht lassen, bar jeglicher Fachkompetenz eine einzelne Zeitschriftenveröffentlichung zu kolportieren, wonach schon unsere Vorfahren vor 7000 Jahren die sog. Klimakatastrophe heraufbeschworen hätten. Zweitens der ach so verkannte Neandertaler, der schon auf dem Deckblatt mit völlig falscher hoher Stirn und filmreif geschminkt sein Steinwerkzeug bearbeitet und im Text - wiederum bar jeglicher Sachkenntnis - zu unserem Vorfahren hochstilisiert wird. Derartig dümmliche Desinformationen sind in einem Buch dieses Anspruchs absolut nicht tolerierbar!
Wir können davon ausgehen, dass Verlag und Herausgeber die oben genannte Zielgruppe deutlich formuliert und vorgegeben hat, doch vermisst man v.a. im letzten Kapitel (Eisenzeit) die Fähigkeit oder den Willen, sich hierauf einzustellen. Hier schlägt oftmals völlig unangemessener Fachjargon durch, der einen großen Teil der Leser überfordert - Fachkompetenz kann sich auch anders beweisen.
Technisch ist der Band weitgehend ansprechend gelungen, soweit es die optische Gestaltung betrifft. Die Graphiken an sich sind sehr ordentlich, mit weitgehend adäquater Legende. Allerdings sind in den Karten generell die Doggerbank und Ankara falsch eingetragen. Ein durchgehender technischer Mangel ist der zu geringe Bundsteg bei doppelseitigen Graphiken, wodurch oft wesentliche Bildteile verloren gingen - schade.
So ist das Fazit: Im Hinblick auf die vorbildliche Darstellung auch funktionaler und chronologischer Zusammenhänge bleiben bestehende Werke, die wiederum entweder veraltetet sind oder andere Schwerpunkte setzen, unerreicht. Der "Atlas der Vorgeschichte" ist jedoch wegen der enthaltenen derzeit einzigartig aktuellen Datierungen für alle unverzichtbar, die in der Lage sind, die vielen Schreib- und Ausdrucksfehler "auszublenden". Ich habe mir den Atlas gekauft und - trotz allem - viel davon profitiert. Für Schüler und Anfangssemester ist er wegen dieser Fehler in der augenblicklichen Form nicht geeignet.
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