6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
detaillierte Karten für Fans!, 1. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Atlas Maior 1665 - Germania, Austria & Helvetia: Germania, Austria Et Helvetia: 2 Bände (Joan Blaeu Atlas Maior 1665) (Gebundene Ausgabe)
Zwischen 1662 und 1665 brachte Joan Blaeu, zu seiner Zeit einer der führenden holländischen Kartografen und Verleger, den Atlas Maior heraus. Das Kartenwerk umfasste vierundsechzig Karten von Frankreich, achtundfünfzig Karten von England, fünfundfünfzig Karten von Schottland und Irland, siebenundneunzig Karten von Germanien, zwanzig Karten von Österreich, sieben Karten der Schweiz, sechzig Karten von Italien, dreiundsechzig Karten von Belgien und den Niederlanden, achtundzwanzig Karten von Spanien und Portugal, dreizehn Karten von Afrika und dreiundzwanzig Karten von Amerika.
In elf Bänden umfasste die Gesamtausgabe fünfhundertvierundneunzig Karten und war das umfangreichste und teuerste Buch, das im 17. Jahrhundert veröffentlicht wurde. In heutige Preise umgerechnet musste man etwa 20.000 Euro dafür bezahlen.
In der Neuauflage aus dem Jahre 2004 führt Peter van der Krogt in die frühneuzeitliche Kartografie ein und erläutert einige Kartenelemente und deren historische und kulturelle Zusammenhänge.
Im Taschen-Verlag erschien nun die zweibändige Ausgabe des Atlas Maior mit den deutschen, österreichischen und den schweizerischen Karten in einem Pappschuber.
Die einführenden Texte von van der Krogt sind in deutscher Sprache, die originalen Texte von Joan Blaeu in deutscher, englischer und französischer Sprache abgedruckt. Die ausführlichen Erläuterungen sind sehr interessant und lesenswert, erfährt man doch viel über die Entstehungsgeschichte der Karten, die damaligen Verfahren der Kartografie und zahlreiche Einzelheiten über wichtige Details der Karten und ihre Bedeutung in der damaligen Zeit.
Wichtigster Grund dieses zweibändige Werk zu kaufen, sind die fantastischen Abbildungen der dreihundertfünfzig Jahre alten Karten. In beeindruckender Qualität sind sämtliche Karten der Originalausgabe in voller Größe abgedruckt und bieten viele Stunden höchstes Vergnügen. Die Zeichentechnik der Kartografen, die wundervollen Abbildungen, die der Illustration der Karten dienten, die tausenden Details sind wundervoll anzusehen.
Jede einzelne Karte ist auch heute noch in punkto Genauigkeit und Exaktheit ein Musterbeispiel für die Fähigkeiten der Kartografen des 17. Jahrhunderts. Dem damaligen Stand der Technik und der kartografischen Grundregeln folgend, finden sich in den handkolorierten Karten alle Orte, die Flüsse, der genaue Küstenverlauf und Untiefen und Sandbänke im Bereich der Flüsse und des Meeres. Besonders hervorgehoben sind Grenzen, freie Handelsstädte und Bischofssitze, Landschaftsbezeichnungen, Höhenzüge und Bewaldungen. Des Weiteren finden sich größere Landstraßen und schiffbare Wasserwege und in zahlreichen Detailzeichnungen die Befestigungen und Wehranlagen der Städte sowie auf jeder Karte der gewählte Maßstab und am Rand die geografische Länge und Breite.
Die einzigen Symbole, die verwendet wurden, sind verwaltungstechischer Art und zeigen die Größe der Orte, ihre Bedeutung und ihre politische Zuordnung an.
Die abgebildeten Loxodrome - Linien, die auf Seekarten die Route und Ortsbestimmung des Schiffes ermöglichen - sind rein dekorativer Natur. Die meisten Karten sind eingenordet, dies erfolgt aber - wie damals üblich - nicht zwingend und wird nicht gesondert ausgewiesen.
Insgesamt betrachtet ist die "Taschen-Ausgabe" eine sehr gelungene Neuauflage des wichtigsten Atlanten des 17. Jahrhunderts. In Anbetracht der Qualität des Druckes, des Layouts und des gewählten Formates dieses Atlanten ist der zunächst recht hoch wirkende Preis für diesen Doppelband durchaus angemessen. Für Liebhaber alter Karten ist der Atlas Maior ein unbedingtes Muss. Kaum ein anderes Buch wartet mit einer derartigen Fülle an wundervollen Karten auf und gibt so fundiert über deren Inhalt Auskunft. Ganz besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die vollständige Abbildung aller Karten des Originals, ein durchaus nicht selbstverständliches Vorgehen bei der Reproduktion alter Atlanten.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Wo, bitte, liegt "Germanien"?, 26. März 2008
Rezension bezieht sich auf: Atlas Maior 1665 - Germania, Austria & Helvetia: Germania, Austria Et Helvetia: 2 Bände (Joan Blaeu Atlas Maior 1665) (Gebundene Ausgabe)
Ein Auschnitt aus dem aufwendigsten Kartenwerk des 17. Jahrhunderts wird in dieser Ausgabe dargeboten. Die kolorierten Karten werden in einem angemessen großen Format abgedruckt, längere Karten auch aufklappbar, von einigen gibt es Ausschnittvergrößerungen. Durch die Verteilung auf zwei Bände ist der Atlas handlich und läßt sich gut aufschlagen. Außer den Karten enthält er einen Teil der Einleitungen und Länderbeschreibungen Blaeus, sowie eine Einführung zur Geschichte der Kartographie und zur Entstehung dieses Atlanten und verschiedene Anmerkungen. Der Preis ist angemessen.
Trotzdem habe ich mich über diese Ausgabe geärgert. Zum einen, weil hier Geschichtsklitterung betrieben wird. Deutschland wird als "Germanien" bezeichnet; das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Der Begriff "Germanien" gehört in die Römerzeit, nicht ins 17. Jahrhundert. Sollen wir Heinrich Schütz und Paul Gerhardt künftig als "Germanen" bezeichnen? Wenn man so den Eindruck vermitteln möchte, es habe Deutschland damals noch nicht gegeben, so ist das recht dreist, denn Blaeu selbst schreibt "Germania vulgo Teutschland". Außerdem wollen die Herausgeber den Eindruck erwecken, er habe "Germanien", Österreich und die Schweiz als separate Nationen behandelt. Bei der Lektüre merkt man, daß er beides noch zu "Teutschland" rechnet - obwohl die Schweiz damals schon nicht mehr zum Heiligen Römischen Reich gehörte. Die damals unter österreichischer Herrschaft stehenden Länder (Schlesien, Böhmen, Lausitz) werden unter "Österreich" aufgeführt, obwohl Blaeu ganz offensichtlich unter Österreich nur das heutige Ober- und Niederösterreich versteht.
Beim Anschauen der Karten merkt man, daß auch Blaeu und seine Mitarbeiter selbst mit der Realität großzügig umgegangen sind, vor allem im Süden. So wird von den südwestdeutschen Territorien nur das Herzogtum Württemberg extra dargestellt, der Rest wird als "Suevia" zusammengefaßt, wobei einige Gebiete Württemberg zugeschlagen werden, die damals gar nicht zu ihm gehörten, dafür enthält "Suevia" auch württembergisches Land. Der Breisgau wird mal zum Elsaß geschlagen, mal auch nicht. Städte können als Dörfer, Dörfer als Städte erscheinen. Die Ortsnamen hat man wohl mündlich erhoben ("Tiefubronn" für "Tiefenbronn"), ihre Form kann von Karte zu Karte wechseln. Die Stadt Neckarsulm (Neckar-Sulm) heißt "Necker Ulm" (ein Fehler, der heute noch gern gemacht wird). Die Karten sind trotzdem hochinteressant und gut gemacht; nur als historische Quelle sollte man sie nicht heranziehen.
Aber - und das ist das andere, was mich an der Ausgabe ärgert - warum steht darüber nichts in den Anmerkungen? Ebenso wenig liest man etwas darüber, warum von bestimmten Gebieten (z.B. Lindau) besonders große und genaue Karten enthalten sind? Von Helgoland gibt es im Buch eine Karte, auf der die frühere Ausdehnung der Insel dargestellt ist. Dort, wo heute Meer ist, sind für das 9. Jahrhundert Flüsse und Ortschaften eingezeichnet und sogar heidnische Tempel ("templum Iovis", "templum Vestae"). Beruht das auf einer Überlieferung oder sind das reine Spekulationen? Auch darüber schreiben die Herausgeber nichts. Dafür steht neben der Karte von Frankfurt am Main ein Adorno-Zitat. Weil der in Frankfurt geboren wurde. Na ja.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein