Der Vorteil des NETTER sind die idealisiert-realistischen Darstellungen mit klarer Struktur und eher buntem Gesamtbild. Für manchen Geschmack ist das eben zu bunt, andere sehen das als große Hilfe beim visuellen Einprägen von Strukturen.
Der bewährte Atlas hat mit der vierten Auflage sein Äußeres gewechselt: jetzt erscheint er, wie das englischsprachige Original, im Elsevier Verlag und präsentiert sich mit grünem Umschlag und Softcover (die Produktabbildung hier bei Amazon täuscht!). Schade, dass der robuste Hardcover-Umschlag nicht beibehalten wurde. Dafür glänzt die Neuaflage mit noch hochwertigerer Papierqualität. Das erlesene Papier und die ersklassige Druckqualität (Printer Trento, Italien) lassen die Netter-Bilder in ihrer Brillanz voll zur Geltung kommen. Ein weiteres Plus: mit dieser Auflage bekommt man erstmals einen Zugangcode für www.netteranatomy.com, das Online-Bonusmaterial der englischsprachigen Version.
Inhaltlich ist dieser Atlas im Goßen und Ganzen unverändert geblieben und das ist auch gut so! Eine klare Gliederung der Kapitel durch Farbkodierung, deutliche Seitenüberschriften und eine, meiner Meinung nach, noch besser gelungene Zusammenstellung von Seitenpaaren ("so dass man auf einen Blick die verschiedenen Ansichten der illustrierten Strukturen vergleichen kann" Zitat aus dem Vorwort) machen die Orientierung einfach. Auf fast allen Seiten findet man oben Verweise auf korresponierende Farbtafeln, die z.B. den aktuellen Situs aus einer anderen Perspektive zeigen. Hier spielt der NETTER seine Stärke aus, die komplette Anatomie in einem einzigen Band zusammen zu fassen. Des weiteren sind, für einen modernen Atlas üblich, radiologische Bilder, z.B Röntgen Thorax und CT-Schnitte eingestreut und geben so, einen kleinen Vorgeschmack auf die praktische Anwendung der Anatomie.
Von den, wie erwähnt, nur vereinzelten inhaltlichen Änderungen profitiert die Neuausgabe nur zum Teil. Positiv ist: Aus dem Fundus der original Netter-Werke wurden Abbildungen zur Lumbalpunktion, Thoraxdrainage und zu Varianten des Truncus Coeliacus hinzugefügt. Die von C. Machado neu gezeichneten Transversalschnitte (Querschnitte durch den Oberkörper, wie beim CT-Bild) findet man jetzt, gut einsortiert, in den jeweligen Kapiteln. Neu ist auch eine schöne Tafel zum Bandapparat des Beckens (Tafel 372). - Weniger gelungen hingegen, dass einige Netter-Abbildungen durch gänzlich neue Tafeln ersetzt wurden. Die Originale von Netter fand ich besser, weil übersichtlicher, das gilt insbesondere für die Übersicht zum Sympathischen und Parasympathischen Nervensystem (Tafel 165 und 166) und für die Darstellung der Äste der Arteria subclavia (Tafel 33).
Eine kleine Schwäche des NETTER bleibt die Neuroanatomie, z.B. zu wenige Gehirnschnitte. Unverständlich daher, dass die Tafel zu Rückenmarks-Querschnitten und Leitungsbahnen (Tafel 158 der dritten Auflage) in der vierten Auflage nicht mehr vorhanden ist. Für den Hirnkurs habe ich übrigens auf das empfehlenswerte Buch
Neuroanatomie von Martin Trepel mit seinen zahlreichen Abbildungen, zurückgegriffen.
Aber trotz all der kleinen Kritikpunkte stufe ich den NETTER als besten einbändigen Anatomie-Atlas ein. Ich kam während meines Anatomiekurses mit ihm sehr gut zurecht. Gerade was Anschaulichkeit angeht, ist der NETTER z.B. dem
SOBOTTA oder
TILLMANN oft voraus. Der Netter hilft oft, das Wesentliche auf einen Blick zu erfassen! Gerade im unübersichtlichen Situs im Präpariersaal ist der NETTER oft "schneller" als andere Atlanen. In der Handhabung ist er angenehmer, als der mächtige SOBOTTA-Gesamtband. Einige sehr wenige, marginale Strukturen wird man im NETTER nicht finden und übrigens auch die
PROMETHEUS-, SOBOTTA- und TILLMANN-Anhänger waren mit ihrem Rat manchmal am Ende. Kein Atlas ersetzt eben das Studium an der Leiche im Präp-Kurs und einen erfahrenen Tisch-Assisteneten. Summa sumarum empfehle ich den Netter als didaktisch ausgereiften Lern-Atlas!
(c) 8/2008 Peter Poradisch | Medizinlehrbuecher.de