Von 1928 bis zu seinem Unfalltod 1952 arbeitete der Münchener Herman Sörgel an seinem Lebenswerk Atlantropa, der Trockenlegung weiter Teile des überschwemmten Mittelmeertales. Mittel zum Zweck sollte ein Damm sein, der Gibraltar verschließt. Plus weitere an den jeweiligen Flüssen und der Straße von Istanbul (Bosporus). Diese Dämme sollten gleichzeitig in gigantischem Ausmaß Strom durch Wasserkraft gewinnen. Auf diese Weise sollte der Wasserspiegel des Mittelmeeres im Westen um 100m, im Osten gar um 200m abgesenkt werden. Damit nicht genug: Überschüssiges Wasser sollte nun die Sahara fruchtbar machen. Drei riesige Stauseen sollten auch in Afrika für Strom und Bewässerung sorgen: Ein Tschad-Meer, ein Kongomeer und ein überdimensionaler Viktoria-Stausee.
Sörgel reihte sich damit in die zeitgenössische Reihe der visionären Weltbaumeister ein. Teilweise schreckten diese Architekten der Superlative nicht davor zurück, Atombomben anwenden zu wollen, um z.B. lästige Berge für ihre Macroobjekte wegszusprengen. Die Naivität der Zeit spiegelt sich auch in Atlantropa wider: Das gewonnene Neuland würde nicht wirklich Platz für Kornkammern und Wohngebiete bieten, denn es wären Salzwüsten. Wenn der Warmwasserstrom AUS dem Mittelmeer in den Atlantik versiegt, würde der Golfstrom umgeleitet werden und Nordeuropa in eine Eiszeit fallen. Erdbeben dagegen waren bekannt, wurden aber ignoriert. Im Gegenteil: Messinas 91%ige Zerstörung durch ein selbiges wurde zum Anlass genommen, die Stadt völlig neu zu entwerfen, unter dem derzeitigen Meeresspiegel und an einer Location für einen weiteren Staudamm innerhalb des Mittelmeeres. Dass ein weiteres Erdbeben eine noch größere Gefahr bedeuten würde war ersteinmal egal.
Für die südeuropäischen Hafenstädte, die allesamt verlanden würden, stellte das immer weiter anwachsende Team namhafter Architekten gigantische Lösungsvorschläge zur Schau, besonders natürlich für den Erhalt von Venedig. Dennoch konnte sich niemand im Europa südlich der Alpen für das Projekt erwärmen. Im Norden dagegen schon. Die DDR z.B. zeigte sich noch eine Generation nach Sörgels Tod von dem Projekt begeistert.
Sörgel war ein Chamäleon. Um seinen "bizarren deutschen Traum" (italienische Zeitung) zu verwirklichen, verkaufte er es an Zionisten, Sozialisten, Faschisten, Kommunisten, Pazifisten, Demokraten, Kolonialherren und Anti-Kolonialisten, von den USA bis zur UdSSR. Selbst der spätere erste freie Präsident Senegals war Kuratoriumsmitglied des Atlantropa-Instituts.
Zwar war Sörgel mit seinen Ambitionen eines universalistisch-humanistischen Ideals eines Friedenskultes der internationalen Brüderlichkeit den Nazis suspekt, so hatte er aber durchaus kolonialistische und rassistische Prägungen. Er kümmerte sich nicht weiter darum, die innerafrikanischen betroffenen Bevölkerungen seiner Land-unter-Projekte mit visionären Ausgleichsplanungen zu besänftigen, wie er es bei den Franzosen und Italienern für die Meer-unter-Situation für nötig hielt. Interessanterweise befasst sich das Buch am Rande damit, die ca. einstündige Dokumentation auf der DVD, die auf dem Buch beruht, dagegen begeht genau den gleichen Patzer wie Sörgel selbst.
Diese DVD wurde 2007 in das Buch eingegliedert, welches selbst neu gestaltet und erweitert wurde. Ursprünglich ist das Buch von 1998. Es ist reich bebildert und nähert sich dem Thema überaus umfassend. Die Doku hat die Architektenträume aufwendig mit CGI realisiert und liefert zudem auch Ausschnitte aus Filmen (pro und kontra) zu dem Thema.
Interessant, dass die neue Hauptstadt des "neuen Kontinents" Tunis/Karthago werden sollte; dass bereits 1932 plakatiert wurde, dass Afrika und Europa EIN Erdteil sind, und zwar NICHT zusammen mit Asien, welches politisch abgetrennt wurde. Wobei die arabische Halbinsel und die Türkei übrigens zu Atlantropa gezählt wurden, also richtig zu Afrika bzw. Europa, während man heute aus anderen politischen Gründen so tut, als wäre beides Asien. Nicht weniger interessant, dass Sörgel postulierte, ein israelischer Staat könne auf dem Neuland vor Palästina entstehen, damit es keine Reibereien um bestehendes (trockenes) Land gibt.
Allerdings ist dem Sörgel-Team etwas entgangen, was sowohl dem Buch als auch der DVD ebenfalls entgangen ist, obwohl es zu allen Zeiten bekannt war, besonders natürlich heutzutage: Wenn man das Schwarze Meer vom Mittelmeer mit einem Damm abtrennt und den Meeresspiegel des Mittelmeeres senkt, passiert automatisch dasselbe mit dem Schwarzen Meer. Denn während Frischwasser oberirdisch vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer fließt, fließen ungeheure Mengen Salzwasser unterirdisch in die andere Richtung. Der Neuzugang von Wasser aus den Flüssen kann die Verdunstung nur zu einem begrenzten Teil kompensieren. Auch das Schwarze Meer würde einstmals überschwemmtes Land wieder hergeben, ein Staudamm und Wasserkraftwerk am Bosporus wäre unnütz. Mit dem Unterschied, dass das Neuland in diesem Falle bereits von Menschen bewohnt gewesen ist. Mehr dazu ist nachzulesen in "Sintflut. Ein Rätsel wird entschlüsselt". Wer lesen möchte, wann und weshalb das Mittelmeer vor 5,3 Millionen Jahren eine komplette Wüste war, sollte sich "Das Mittelmeer war eine Wüste. Auf Forschungsreisen mit der Glomar Challenger" holen.