... und genau so kommt auch dieses Atlan-Zeitabenteuer daher, das die Reihe der bei FanPro veröffentlichten USO-Abenteuer des unsterblichen Arkoniden um die schon aus den "Perry Rhodan-Planetenromanen" bekannten Abenteuer in der irdischen Vergangenheit ergänzt. Darüber, dass Hans Kneifel diesen Roman schon einige Jahre in der Schublade hatte, hat ein Vorrezensent bereits berichtet. Welche Überarbeitungen der Autor anlässlich der anstehenden Veröffentlichung als "Atlan X"-Roman vorgenommen haben mag, wäre sicher interessant zu erfahren. Das geschieht jedoch nicht, und ich finde auch das in Ordnung, denn der Roman kommt bei mir als Gebilde "aus einem Guss" an - in sich schlüssig, rund... und ruhig!
Wer also Action-geladenes Abenteuer, womöglich eine von Atlan im Alleingang abgewehrte Alien-Invasion oder große Schlachten wie in den Monumentalschinken des frühen Hollywood erwartet, wird bei "Lotse im Sandmeer" sicher enttäuscht. Der Roman ist eher so etwas wie Geschichtsunterricht zum Anfassen, wobei der Arkonide stellvertretend für uns Leser aus dem 21. Jahrhundert im alten Ägypten unterwegs ist und uns häppchenweise den Stand der Technik, die Ordnung der Gesellschaft unter den Pharaonen und das Weltbild dieser alten Kultur näher bringt. Und das war's dann im Prinzip auch schon. Wären da nicht Transmitter, Gleiter, Satelliten, Robotsonden und Bildsprechgeräte, es könnte sich bei diesem Buch genauso gut um eines von Noah Gordon oder Ken Follett handeln.
Ich kann zwar die Richtigkeit der von Hans Kneifel geschilderten Rituale, Gegenstände, Techniken oder zeitgenössichen Religion nicht nachvollziehen, aber mit dem Wissen, dass er sich in seiner späten Schaffensphase mit Leidenschaft dem Historischen Roman gewidmet hat (auch ganz losgelöst vom Perryversum), nehme ich ihm einfach mal ab, dass das, was er mir da auf rund 320 Seiten präsentiert, fundiert und richtig ist.
Wieso dann keine fünf Sterne?
Die Schilderungen der Aktivität Atlans, die - wie immer - das Ziel haben, stabile Gesellschaften zu fördern, technische Entwicklungen anzustoßen und vernichtende Kriege zu vermeiden, sind umfassend. Ich lese von Schmugglern, deren Geschäftsmodell modifiziert wird und von Herrschern, denen ein verlockendes Ziel vor Augen geführt wird (Handel mit Kreta). Ich erfahre etwas über die Familienverhältnisse bei Pharaonens und lerne die Volksstämme kennen, die am Oberlauf des Nil und mitten in der Wüste leben. Und ich erlebe Atlan in seiner Paraderolle als edler Fürst, geschickter Unterhändler, geheimnisvoller Berater des Pharao und Lehrer einer künftigen "Quellnymphe", einer jungen Frau, die als Inkarnation eines mythischen Wesens der Kreter vermittelnd in die demnächst stattfindenden Kontakte zwischen diesen und den Ägyptern eingreifen soll.
Das alles ist eine schöne Abwechslung zu meinen sonstigen Literaturgenüssen und sehr aufschlussreich... aber insgesamt doch etwas dünn für 300 Seiten Text. Dazu die Häufung von Gelegenheiten, bei denen im Hause da Gonozal Bier und Wein gereicht werden, die mich ernsthaft darüber nachdenken ließen, ob ES im Folgeband wohl einen Botschafter der Anonymen Alkoholiker bei Atlan vorsprechen lassen könnte - und die Höchstwertung war für mich nicht mehr möglich.
Wenn ich andererseits daran denke, dass ich mich vor Kurzem erst durch den Monolith-Zyklus der selben Buchreihe gekämpft habe, war dieses Abenteuer für mich dennoch eine echte Wohltat, und ich bin gespannt, wie Altmeister Kneifel die Handlungsfäden dieser inzwischen schon recht gut abgehangenen Geschichte aufnimmt und im Band 2 der Trilogie ("Insel der Winde") fortspinnt. Dieser und Band 3 sind ja 2009 neu geschrieben worden.
Ich freue mich darauf!