Morrow ist kein unbeschriebenes Blatt -- er hat im Gefängnis gesessen, war gewalttätig, hat Frau und Kinder verloren. Doch nun hat er seinen Namen geändert, wie schon häufiger übrigens. Er hat keinerlei Geldsorgen mehr, seine Tante Corky hat ihm ihr gesamtes Vermögen hinterlassen, nachdem er sie in den letzten Wochen bei sich aufgenommen hatte. Tante Corky -- sie war nicht seine richtige Tante, und eigentlich wusste er bis zum Schluss nicht, wer oder was sie nun wirklich war, welche ihrer Geschichten der Wahrheit entsprachen und welche nicht. Doch eigentlich drehen sich seine Gedanken nur noch um Eine: A., seine Geliebte, die er eines Tages kennen gelernt hatte, die ihn mitnahm in Mordens Haus. Eine Frau, der er mit jeder Faser verfallen war, und deren Geheimnis er nicht zu lüften vermag. Morden hatte ihn in dieses Haus geholt, um Gutachten abzugeben über einige Bilder niederländischer Maler zu klassifizieren -- Bilder, die gestohlen waren, wie er später erfährt. Er wird in einen Sumpf hineingezogen, aus dem er sich nicht befreien kann -- und er versucht nun, da alles zu spät ist, immer wieder zu rekapitulieren, was passiert war, und ist überall auf der Suche nach seiner A.. Schreib mir, hatte sie ihm beim Abschied gesagt, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Und er schreibt.
Ich denke, ich habe einiges aus diesem Buch nicht verstanden. Ich hätte es begrüßt, die Vorgängerbände dazu, Das Buch der Beweise sowie Geister auch gelesen zu haben. Denn die Anspielungen auf eine dunkle Vergangenheit, die wohl in einem der anderen Bücher behandelt wurde, sind sehr zahlreich. Anfangs habe ich dieses Buch nun auch schon bei der zweiten Lektüre atemlos verschlungen; atemlos, weil die Sprache so wunderbar bildhaft und prall war. Zwischendurch gab es aber auch wieder Phasen, die ich entweder nicht verstanden habe, oder die tatsächlich keinen Sinn ergaben -- ich weiß es nicht.
Aber es ist definitiv ein Autor, den ich weiter im Auge behalten werde, weil er unglaubliche Intensität erreichen kann. Wunderbar das Spiel mit der Erinnerung; Morrow erinnert sich, aber er gibt gleichzeitig auch zu, dass er genau weiß, manches kann sich nicht so zugetragen haben, wie er es vor seinem geistigen Auge noch vor sich sieht. --Daniela Ecker
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
«Ach, dieses Übermass . . .!»
John Banvilles Roman «Athena»
Von Alexandra Kedve
«Trust a murderer to have a fine prose style», heisst es bei Nabokov, und die Monologe des Mörders Frederick St. John Montgomery mehren die Sammlung der Musterbeispiele. Freddies metaphernreichen Mäander über Leben und Tod, Schuld und Sühne, Kunst und Wirklichkeit konnte man erstmals im «Buch der Beweise» (1989; deutsch 1991) verfolgen. Dort sucht Freddie in einer langen Beichte nach dem Motiv für seinen sinnlosen und monströsen Mord an einem Dienstmädchen, das ihn am Raub eines barocken flämischen Bildes hatte hindern wollen. Er muss erkennen, «dass ich sie mir nie lebhaft genug vorgestellt habe, [. . .] sie nicht genügend zum Leben erwachen liess. Ja, dieses Versagen meiner Vorstellungskraft ist mein wahres Verbrechen.»
Dem Schöpfer des philosophierenden Schwerverbrechers hingegen, dem irischen Schriftsteller John Banville, seines Zeichens Literaturredaktor bei der «Irish Times», gelang es, mit dieser bilderreichen Phantasie über den mörderischen Mangel an Imagination in die engere Wahl für den Booker Prize 1989 zu kommen. Bereits das erste Buch des 1945 in Wexford geborenen Autors, «Long Lankin» (1970), hatte breitere Beachtung erfahren, zwei Bände seiner Roman-Tetralogie über Kopernikus, Kepler, Newton und Einstein sind ausgezeichnet worden, und auch den dritten Teil der Freddie-Montgomery-Trilogie mit dem Titel «Athena» haben die englischen Blätter mit Begeisterung empfangen.
Fakes
Kann Freddies Faszination für flämisch-holländische Kunst, diese Verführerin zum Frevel, ihn durch die Belebung seiner Vorstellungskraft von der Schuld befreien? Anscheinend nicht: Nachdem der zweite Freddie-Roman («Ghosts», 1993) diese Frage in einer Atmosphäre der artifiziellen Verlorenheit einer Gruppe schiffbrüchiger und gestrandeter Gestalten verhandelt hat, zeigt «Athena» den Protagonisten anfangs erneut in einer seelischen Polio erstarrt. Doch diesmal geraten ihm die Bilderspiele zu einer Lebens- und Leidenserfahrung von unerwarteter Intensität. Verborgen hinter dem symbolischen Namen «Morrow», will F. sich seiner Vergangenheit entledigen, als er von einem zwielichtigen «Kunstliebhaber» namens Morden (!) zur Begutachtung acht holländischer Barockbilder in ein baufälliges Haus in einem düsteren Dubliner Viertel gebeten wird. Die Herkunft der alten Stücke bleibt bis zum Schluss ebenso geheimnisvoll wie jene der jungen Freundin des Hauses mit blauschwarzem Haar und blasser Haut «A. Mein Alpha; mein Omega». An sie, die er nur scheinbar gewinnt, richtet Morrow seine retrospektive Erzählung, einen wehmutsvollen und leidenschaftlichen Minnesang, der kaum einmal in Kitsch abgleitet. Morrow wird nie wissen, ob sie sich nur im Auftrag hingab, um ihn an seinen fragwürdigen Schätzungsjob zu fesseln. Für eine kurze Traumzeit kommt es zum täglichen, tabulosen Taumel auf der Chaiselongue.
Morrows Obsession macht ihn zum Opfer der masochistischen Spiele seiner Geliebten (für deren Schilderung der Autor wohl leider vereinzelt in Schundhefte hineinblinzelte). Er zwingt sich, seinen dunkelsten Trieben nachzugeben, sie zu schlagen oder sie im Bordell vor den Augen einer Hure zu nehmen obwohl ihn sein Hauptakteur bei letzterer Übung kläglich im Stich lässt. Das aber ist A., «meiner armen Justine», gleichgültig: Gerade «das Unauthentische, das zerbrechliche Theater der Illusion, das wir errichtet hatten, um unsere zusehends ausgefallener werdenden Aufführungen unterzubringen, verschaffte die [. . .] kostbarsten Ekstasen verhängnisvollen Genusses.» A. versteht, wie Morrow glaubt, die selbstgewählten Regeln für ihre Auftritte als Rhetorik der Authentizität, und eine Andeutung von Morrows eigener, teuer erkaufter Erlösung liegt hier schliesst sich der Kreis der Trilogie darin, A. im Raum dieser ihrer intimsten Vor-Stellungen zum Leben zu erwecken: Getreu dem Mythos, auf den der Titel verweist, schwindet Morrows chronischer Kopfschmerz mit A.s Auferstehung und verräterischem Abschied. Entsprechend entpuppt sich die «Geburt der Athena», das letzte der acht Bilder es stammt aus jener Sammlung, an der Morrow sich einst fatalerweise vergriff , als echt.
Alles andere jedoch ist fake: die groteske Tante Corky, die ihr Leben auf einer Lüge aufgebaut hat, der Pa, Pate aller kleinen Gangster, der seinen Sinn für Humor unter anderem in verrückte Verkleidungen umsetzt. Hackett, der hinterlistige Bulle, der seinen Beruf nur noch als burleske Schachpartie mit dem Pa betrachtet, und endlich die pausenfüllenden Pennergestalten wie «Quasimodo» und «Barbarossa».
Labyrinth des Minotaurus
Dass auch das anspielungsreiche Textsystem, in dem die beiden Henrys (James und Miller) ebenso auszumachen sind wie ein Hauch von Hitchcock, durch einen Akt der Täuschung entstanden ist, weiss unser postmoderner Polyphem durchaus. In gelegentlich plumb-penetranten selbstreflexiven Koketterien verweist Morrow auf die Weltfremdheit verbaler Konstruktionen («Ach, dieses Übermass an Metaphern! Ich bin wie alles, nur nicht wie ich selbst»).
Seine sieben im Galeriejargon gehaltenen Gutachten für die holländischen Werke brechen zwar den dionysischen Duktus seiner liebestollen Deklamation, verflechten dafür aber Bild, Autor und Erzähler in ein eschersches Vexierspiel voll subjektiver Dramatik. Die Maler, deren Namen mehr oder minder als Anagramme von «John Banville» funktionieren, greifen in einem der Erzählerrede ähnlichen Stil auf mythologische Szenen der Gewalt, Leidenschaft und Eifersucht zurück («Akis und Galatea» u. a.). Nichts bleibt dem Leser überlassen; Morrow definiert sich als «Akis und Polyphem in einem», der das «unbeholfene Lied» des Zyklopen singt. Die berühmte Lücke, die unvermeidliche différence , wird oft beschworen, zu selten aber ertragen. So fällt es nicht ganz leicht, aus der Flut der Metaphern und Vergleiche die Nuggets herauszufiltern, die in dem Text so selten gar nicht sind. Der wortreichen Überflutung ist auch mit Selbstreflexion nicht beizukommen: «Hier ist, was geschah. Das ist, was geschah, das erste Mal. Nicht das erste erste Mal, sondern das erste Mal, dass du, das ich, dass wir . . . Hier ist es. Und was ist eigentlich geschehen? Nichts, das der Rede wert wäre, von dem sich sprechen liesse, in Worten, hinlänglich.»
Länglich allerdings schon. Morrow, der Minotaurus des Umschlagmotivs, lässt den Leser gern im Labyrinth seines gelehrten Liebesbriefes zappeln; Humoreskes bringt nur kurz comic relief. Psychologisches Porträtieren, strenges Strukturieren, spielerisches Jonglieren mit dem Genre des Krimis, vor allem aber Zauberei mit Worten all das vermag der bildverliebte Erzähler auf dem Erlösungstrip in John Banvilles «Athena» zu leisten. Schade nur, dass der Autor dem dahintreibenden Monomanen nicht einfach ab und an den Mund verboten hat.