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Geschichtsschreibung nicht für ein kleines, elitäres Publikum von Spezialisten, sondern für die breite Masse von Interessierten. Dieses Anliegen verdeutlicht der Autor in dem Nachwort seiner erstmals 1993 erschienenden Darstellung über die Entwicklung Athens im klassischen Zeitalter. Nur wer Geschichte auch als "literarisches Genus" begreiffe, so Meier, könne ein breites Publikum erreichen und begeistern.
Und wenn ein Historiker diese Fähigkeit hat, dann es ist Christian Meier. Er ist nicht nur Wissenschaftler, sondern auch ein sprachgewandter Schriftsteller, der es versteht, Ereignisse, Personen und Institutionen so darzustellen, dass sie den Leser unweigerlich in seinen Bann ziehen.
Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Darstellung von Meiers Kernthese des "Sonderwegs" Athens im fünften vorchristlichen Jahrhundert. Datiert wird der Beginn dieses Wegs mit der Schlacht bei Salamis 480 v.Chr., bei welcher es den Athenern gelang, die Flotte des persischen Großkönigs Xerxes zu besiegen. Die größte Bedrohung der griechischen Poleis, eben der Krieg mit den Persern, war somit gebannt. Als "Nadelöhr" der Weltgeschichte bezeichent Meier diese Schlacht, da die athenische Demokratie wohl niemals hätte entstehen können, wenn Griechenland unter persische Herrschaft, welche monarchisch organisiert war, gelangt wäre.
Dennoch beschränkt sich die Darstellung nicht auf die Darlegung der Ereignisse von Salamis bis zum Ende des Peloponnesischen Krieges 404, sondern beleuchtet auch sehr detailliert, die Vorgeschichte, die Voraussetzungen, des Sonderwegs der Polis Athen. Es beginnt mit Erläuterungen zur griechischen Kolonisation ab ungefähr 750, den Reformen Drakons (620) und Solons (wohl um 575), der Tyrannis unter Peisistratos (ab 560), dem Sturz der Tyrannis (510) und dem Beginn der Reformen des Kleisthenes (508/7), die als Vorstufe der Demokratie, der so genannten Isonomie, bewertet werden. Der Perserkrieg, beginnend mit den ionischen Kriegen 499, mit dem ersten Höhepunkt bei der Schlacht von Marathon 490 und dem Jahrzehnt bis zum Nadelöhr bei Salamis, geprägt durch das Wirken des Themistokles, runden die Vorgeschichte des "Sonderwegs" ab.
Die Gründung des delphisch-attischen Seebundes 477 begründete die Weltmachtstellung Athens im fünften Jahrhundert aus der sich das welthistorisch Neue, die Einführung der Demokratie unter Perikles 461, erklären lässt. Der beginnende Dualismus mit Sparta und der daraus resultierende peloponnesische Krieg ist Thema der letzten beiden Kapitel des Buches.
Meier beschränkt sich nicht nur auf einen Abriss der Ereignissgeschichte dieser Zeit, dazu hätte es wohl nicht mehr als 700 Seiten gebraucht, sondern analysiert auch eingehend den Wandel der Institutionen vor und während der Demokratie sowie die Kultur Athens. Dabei liegt sein Interesse vor allem auf der Bedeutung der griechischen Tragödie. Meiers Einordnung der Tragödien des Aischylos, Sophokles und Aristophanes in den gesellschaftlichen Kontext und ihre kaum zu unterschätzende Wirkung auf die Stabilität und das Funktionieren der Demokratie, gehören zu dem absoluten Höhepunkt der Darstellung.
Fazit: "Athen" ist ein Epos mit, wie erwähnt, mehr als 700 Seiten, wird aber niemals langweilig und liest sich leichter und spannender als so mancher Roman. Genau dies war ja auch Meiers Anliegen, wie das oben angeführte Zitat verdeutlicht. Meiner Ansicht nach verdient dieses Buch durchaus die Bezeichnung "Infotainment". Das wissenschaftliche Niveau ist jedoch um ein vielfaches höher als die große Anzahl populärhistorischer Beiträge mit einem (pseudo)-wissenschaftlichen Anspruch, die den deutschen Buch- und Fernsehmarkt dominieren.
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