Atemschaukel" ist ein Buch, das zu lesen ich zweimal angefangen habe. Der Einstieg ist nicht einfach, obwohl (oder gerade weil?) die Sparche sehr poetisch und intellektuell herausfordernd ist. Also keinesfalls eine leichte Lektüre zum Entspannen. Hat man jedoch einmal den Anfang und die dazu notwendige Konzentration gefunden, fasziniert dieses Buch mit seiner wunderschön mitreißenden und auch sehr traurigen Geschichte, die traurig stimmt, ohne falsche Betroffenheit zu erzeugen. Im Kopf entsteht ein genaues Bild von den Vorkommnissen und man lernt vieles darüber, wie das Leben in den Lagern nach dem zweiten Weltkrieg gewesen ist und verspürt tatsächliche Trauer, wie schwer es den Überlebenden fällt und/oder fiel, den Einstieg in das Leben danach zu schaffen, das bezüglich ihrer Erfahrungen bitter, einsam und schweigsam war. Die Sprache, die Herta Müller nutzt, ist wunderbar und wenn man drinnen" ist, beschwingt sie und besticht durch eigene Neologismen, z.B. der titelgebende Neologismus Atemschaukel", die vieles aussagen. Herta Müller gibt zudem Anstöße, sich mit Themen zu beschäftigen, v.a. mit der Frage, was Heimat" darstellt. Am schönsten ist- finde ich- der Satz, Heimat ist die Sehnsucht nach dem Ort, an dem man satt war". Hertha Müller schafft wunderschöne Metapher, die sie unglaublich geschickt mit einer schweren und harten, realen und historischen Geschichte verbindet, die lyrisch wirkt, den Menschen und sein Denken in den Mittelpunkt stellt, ohne dabei den zeitgenössischen Rahmen und die Tradition des Vergessens auszusparen. Interessant ist auch, wie dieses Buch entstanden ist, nämlich auf Basis von Aufzeichnungen und Notizen, die Hertha Müller in Gesprächen mit dem (tatsächlich) Überlebenden, Oskar Pastior, geführt hat, der leider 2006 verstarb und dieses Werk nicht mehr mit ihr gemeinsam schreiben konnte. Dennoch liest sich Atemschaukel" wie eine sehr traurige, anrührende, lyrisch und sprachlich ausgefeilte Autobiographie, die nicht zuletzt dadurch beeindruckt, weil Hertha Müller nicht nur in die Gedankenwelt eines Gefangenen in einem sowjetischen Lager, sondern auch eines Mitglieds des anderen Geschlechts einzusteigen versteht. Der Roman ist eine Sprachmanifestation ohnegleichen und sicherlich sehr typisch und eigen, was den Schreib- und Erzählstil von Hertha Müller anbelangt. Ein unvergessliches Buch, das fesselt und nach dem man noch lange Zeit gedanklich in dieser Erzählung lebt. Hertha Müller hat sich mit Atemschaukel" ihren Nobelpreis tatsächlich verdient- wer sich schon immer einmal gefragt hat, nach welchen inhaltlichen und sprachlichen Kriterien ein Literaturnobelpreis verliehen wird, sollte dieses Buch lesen und wird es verstehen!