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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
214 von 236 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
eine einzigartige Sprachmanifestation,
Von Turmspitze "wolkenkratzer" (Frankfurt) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Atemschaukel: Roman (Gebundene Ausgabe)
Herta Müllers Atemschaukel" ist ein beeindruckendes Buch. Die aus dem heute rumänischen Banat stammende Autorin schildert darin die Erlebnisse eines bei der Deportation 17-jährigen siebenbürgisch-sächsischen Jungen. Als Vorbild für die literarische Figur dürfte der ebenfalls aus Siebenbürgen stammende Oskar Pastior gestanden haben, mit dem zusammen Müller diesen Roman eigentlich schreiben wollte. Doch verstarb der als Sprachakrobat deutschlandweit sehr geschätzte Pastior 2006. Immerhin reisten beide vorher noch in die Ukraine und besuchten das Lager, in dem Pastior fünf Jahre zwischen 1946-51 verbrachte.Ausgehend von den gemeinsamen Gesprächen, von ihren Notizen und wohl auch von einigen Aufzeichnungen Pastiors, verfasste Müller diesen Roman, der vor kurzem für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. In etwa 60 Kapiteln schildert Müller Erlebnisse, Ereignisse und Personen im und um das Lager. Aus der Erzählperspektive des jungen Leo Auberg werden der Hunger, die Kälte, die Arbeit, die Müdigkeit usw. sehr eindrücklich geschildert. Die Bedeutung einer Geste, einer Handlung wird im Miteinander der Insassen verdeutlicht. Im Vordergrund steht dabei nicht nur, was die Menschen einander absichtlich oder gerade durch Passivität antun, sondern auch, was die Verhältnisse, die Arbeitsbedingungen, die Erniedrigungen für eine Gewalt der einzelnen Person aufzwingen. Mutig ist dabei bereits der Einstieg in das Sujet. Müllers Protagonist scheint sich über die Deportation beinahe gefreut haben, denn er konnte so der bedrückenden Enge der sächsischen Diasporagemeinschaft entkommen, in der er seine Homosexualität verbergen musste. Der Roman ist letztlich eine einzigartige Sprachmanifestation in dem Herta Müller eigenen Stil. Die außerordentlichen Erlebnisse des zähen, langen, monotonen, pausenlosen Hungers, des Egoismus, der Niedertracht und der Einsamkeit verlangten nach einer einzigartigen Sprache, die das Besondere der Situation adäquat beschreiben kann. Herta Müller gelingt es, meiner Meinung nach, diese Sprache zu entwickeln und in einem unverwechselbaren, von Bildern, Metaphern, Anspielungen und Allegorien gesättigten (fast übersättigten) Stil und Sprache die inhumane und trostlose Lage der Insassen wiederzugeben (Hungerengel", Atemschaukel" usw.). Die Erlebnisse im Lager sind keine vorübergehenden Events", sondern das gesamte restliche Leben kennzeichnende tiefgehende Erfahrungen. Es gibt im Leben keinen Ausweg, keine Fluchtmöglichkeit vor ihnen, so das Fazit des Romans. So wie es unmöglich war, dem Lager lebendig vorzeitig zu entkommen (die Entflohenen sind gefasst worden oder umgekommen, der Himmel (die Transzendenz) bot auch keine Lösung und keinen Trost), genauso quälten die Erinnerungen die Lagerinsassen jahrzehntelang. Diese primären und sekundären Qualen in einer meisterhaften Sprache von großer Eindringlichkeit und Kraft eingefangen zu haben, ist das große Verdienst von Herta Müller. Sie soll für den Nobelpreis vorgeschlagen worden sein. Dieser Roman beweist, dass sie des Preises würdig ist. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Mal Klartext,
Von
Rezension bezieht sich auf: Atemschaukel: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich sage vor allem was zu den Anmerkungen, das Buch sei kein Roman, habe keine Handlung, und die Sprache sei egoistisch, kuenstlich, entrueckt, ueberfrachtet, plakativ, monoton, zu distanziert, sprunghaft, bleischwer, Bemerkungen wie "Deshalb ist es für einen Autor auf Weltklasseniveau ganz, ganz wichtig, dass er das gesunde Mittelmaß zwischen sich und dem Leser findet."Es ist das Recht des Lesers, dergleichen Meinungen zu sagen, aber "Rezensionen" verlangen doch einwenig mehr... Es ist einfach nicht Aufgabe der Literatur, Leser zu befriedigen, und unegoistisch, natuerlich, unentrueckt, nicht ueberfrachtet usw. zu sein, oder gar ein "gesundes Mittelmass" zu finden. Literatur von Weltklasse hat sich nicht mit Lesern zu befassen, sondern mit Sprache. Zudem ist ein "Roman" heute nurmehr eine relativ langer Text, und genauer ist er, in der Weiterentwicklung der modernen Literatur, nicht mehr definierbar. Auch die alte aristotelische "Einheit der Handlung" ist seit 200 Jahren kein allgueltiges Diktum mehr. Die von Mueller verwendete Sprache und Strukturierung halte ich fuer eine moegliche, und passende, und wahrscheinlich (sofern ihre andere Texte ein aehnliches Niveau haben) nobelpreiswuerdige. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Wir waren anders als wir sind.,
Von
Rezension bezieht sich auf: Atemschaukel: Roman (Gebundene Ausgabe)
Müller erzählt in 'Atemschaukel' die Geschichte der Deportation aller Rumäniendeutschen zwischen 17 und 45 Jahren in sowjetische Arbeitslager nach 1945. Auch ihre eigene Mutter war 5 Jahre im Arbeitslager.2001 begann Herta Müller Gespräche mit ehemals Deportierten aus ihrem Dorf aufzuzeichnen. Unterstützt wurde sie in ihrer Arbeit von dem Dichter Oskar Pastior, der ihr von seinen Erinnerungen erzählte. 2006 starb Pastior überraschend, Herta Müller schrieb das gemeinsam geplante Buch nun allein, in Erinnerung an Oskar Pastior. Das Buch stellt sich als autobiografisches Tagebuch des Leo Auberg aus Hermannstadt dar, der den Aufenthalt im ukrainischen Konzentrationslager Nowo-Gorlowka überlebt hat. Erzählt wird von Trudi Pelikan aus Hermannstadt, von Artur Prikulitsch und Beatrice Zakel aus Lugi, und vielen anderen. »Wir waren alle Deutsche und wurden von zu Hause abgeholt. Wir waren alle in keinem Krieg, aber für die Russen waren wir als Deutsche Schuld an Hitlers Verbrechen.« Schon hier wird vorsichtig ein Bild der Verhältnisse im faschistischen Rumänien gezeichnet, das von geringer Toleranz und alten Traditionen geprägt ist. Der 17-jährige Leo Auberg muss seine Homosexualität verbergen; man macht auch sonst gerne die Augen zu: »der kleine Ferdi Reich und seine Mutter, die bei uns unten im Hof wohnten, waren nicht mehr da. Mehr wollte man nicht wissen.« Eindringlich wird der Horror im sowjetischen Lager geschildert, der zunehmend nur noch bestimmt wird vom omnipräsenten Hunger, manifestiert durch den in den ausgemergelten Körpern versteckten 'Hungerengel'. Ein allgegenwärtigen Begleiter, der Leo und seine Leidensgefährten in einem fast vernichtenden Würgegriff hält. Das Leben, falls das Dasein im Lager so genannt werden kann, wird dominiert von existenziellen Gefahren, Tod und Abstumpfung. Die Abspaltung der Menschen spiegelt sich in der konträr prosaischen Sprache, die Entrückung durch Faszination reflektiert, manche Gedanken verloren verwoben. Leo träumt immer wieder vom »Ritt auf dem weißen Schwein durch die Luft«, vom Weg zurück nach Hause. »Meine Beziehung zur Welt ist das Essen«, so stellt sich die brutale und von Egoismus geprägte Realität dar. Oder vom Selbsterhaltungstrieb: »wie der Anwalt Paul Gast seiner Frau so anhaltend ihre Essensration stiehlt, dass sie am Ende verhungert«. Müller versteht es, teilweise extrem sachlich und detailliert, die Schrecken des Alltags fast ohne Zukunft zu beschreiben. Und die Veränderungen über die Jahre in der gewählten Sprache zu manifestieren. Die Welt des Leo und der anderen Leidenden wird immer verrückter, die Worte der Herta Müller immer gemalter. Ab Mitte des Romans spiegelt sich der monotone, wiederkehrende Alltag, die Entrückung des Protagonisten, verstärkt in Metaphern reichen, aber auch verwickelten Sätzen der Autorin. Intensiv wird die Geschichte nochmals am Ende, als Leo nach 5 Jahren Lager nach Hause kommt. Als die eigene Vergangenheit und die neue, unveränderte Wirklichkeit aufeinander prallen. Leo heiratet, zieht nach Bukarest, treibt sich wieder wie früher im Park herum, flüchtet schließlich allein nach Graz. Es bleiben wenige Fragezeichen. Die Hauptperson wirkt zu Beginn so extrem weiblich, fast unrealistisch. So, als ob Herta Müller die Geschichte Pastiors und die ihrer Mutter aus eigenem Blickwinkel verflochten hätte. Wie ist sonst Leos eigenwillige Aufmerksamkeit für Handarbeiten zu erklären? Die Chronologie der Leidensgeschichte wirkt insgesamt ein wenig konstruiert. Manche Bilder und Metaphern erscheinen überzeichnet und sind nicht leicht zu verstehen. Es geht im Roman darum, in der »Erniedrigung aller die Würde des einzelnen« zu finden. Das ist eindrucksvoll und nachhaltig gelungen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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