"Ich wollte ein Buch schreiben, und es so gut schreiben, wie ich kann. Ich wollte dem, was ich von Literatur erwarte, so gut es geht gerecht werden. Das ist Alles. Und für andere Dinge hat Literatur sich nicht zu rechtfertigen."
Herta Müller
Die mehrfach ausgezeichnete Herta Müller, hat einen Trauma-Roman verfasst, der zum deutschen Buchpreis 2009 nominiert wurde, und der sich auf Gespräche von ehemaligen Deportierten Deutschen in Rumänien abstützt sowie mit dem ursprünglich deportierten Schriftsteller Oskar Pastior, mit dem ursprünglich der Wunsch entstand, den Roman zusammen zu schreiben, Oskar Pastior verstirbt jedoch im Oktober 2006, sodass Herta Müller diese Nachkriegsgeschichte alleine fertigstellen musste.
Erzählt wird die Geschichte des jungen siebzehnjährigen rumänendeutschen Leo Auberg, (neben vielen Einzelschicksalen, die nicht selten mit dem Tod endeten) der endlich weg wollte, aus dieser Stadt, "in der alle Steine Augen hatten", dem die Deportation gerade recht kommt. ("Ich wollte weg aus der Familie und sei es ins Lager".) Wir erleben den Protagonisten während Fünf Jahren Arbeitslager in der Ukraine, wo in einem isolierten Klima, die demütigenden Arbeitsbedingungen, die psychischen Belastungen, die erniedrigenden Verhältnissse, die Hölle in einem sowjetischen Arbeitslager, das idiotische Antreten zum Appell, und dem unendlichen Ausmass des Hungerns, "alles was ich tat, hatte Hunger", "mein Hunger und ich", eine traumatische Erfahrung, die sich in die Seele einbrennt, vom "Hungerengel" begleitet wird, ("denn man war sich nicht sicher, ob es einen Hungerengel für uns alle gibt oder jeder seinen eigenen hat.) und ein Leben lang eine Bedeutung haben sollte. "Ich esse seit meiner Heimkehr aus dem Lager, seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern."
Mit unglaublicher Sprachvirtuosität und konzentrierter Sprachgewalt, wo der Bogen vom traumatischen, zum Verspielten, bis hin zum Surrealen und Unverständlichen gehen kann, spüren wir etwas vom Potential und der Kraft und Ausdrucksmöglichkeit, dieser Autorin, die mit einer metapherartigen Sprache etwas zum Ausdruck bringt, das ich unglaublich und aussergewöhnlich halte. Sie erfindet Wörter und Satzstellungen, die wir noch nie gehört haben..."in der Früh nach dem Waschen löste sich ein Tropfen aus meinen Haaren und lief mir wie ein Tropfen Zeit in die Nase entlang in den Mund..", die Autorin schreibt selbst an einer Stelle: "Es gibt Wörter, die machen mit mir was sie wollen. Sie sind ganz anders als ich und denken anders, als sie sind. Sie fallen mir ein, damit ich denke, es gibt erst Dinge, die das zweite schon wollen, auch wenn ich das gar nicht will."
Man kann sich darüber streiten, inwiefern eine Nachkriegsverarbeitung, dessen Hintergrund, nämlich der Einmarsch der Russen in Rumänien, (Fünf Monate bevor der der Krieg beendet war) um Deutsche, die in Rumänien lebten, für den Wiederaufbau zu zwingen totgeschwiegen wurde, mit der unglaublichen Sprachvirtuosität und kunstvollen Verarbeitung dieser begabten Schriftstellerin, die übrigens in Rumänien geboren wurde, deren Mutter ,die selbst im Lager war, ihr die "Spuren des Krieges" vermacht hat, zusammenpasst oder eben nicht.
Für mich persönlich ist Herta Müller eine ausgezeichnete Schriftstellerin, die sich traut und etwas wagt, etwas riskiert. Auch wenn ihre Schrift Anstoss geben könnte, wo sich zwei Lager auftun könnten, nämlich der Literaten die die Kunst ihrer besonderen Sprachausdrucks darin sehen oder das Lager der politischen Seite, wo ein Stück deutsch-rumänische Nachkriegsgeschichte, und damit ein Stück Nachkriegsverarbeitung des zweiten Weltkriegs aufgezeigt wird.
Wer so wie ich, an der Schreibweise, der Art der Komposition und wiederholenden Schreibrhythmen, und Lust auf das literarische Neuland einer Herta Müller bekommt, wird sich nach Ihren anderen Werken umsehen, um sich von der Schreibkraft dieser für mich so aussergewöhnlichen Schriftstellerin inspirieren zu lassen, kann sich auf etwas freuen...
Für mich ist Herta Müller's Roman ein Stück Vergangenheitsbearbeitung, wo wir uns in einen Menschen hineinversetzen können, der die Brandmarkung eines Lageralltags erlebt hat, die "inneren Beschädigungen" nicht verhindern konnte, und deren Auswirkung auch viele Jahre danach nicht auszulöschen ist. Ein biographische Aufarbeitung, hinter der eine melancholische Trauer glüht, wo das Schreiben ein Schreibenmüssen, aus einer fundamentalen Ausweglosigkeit wird, wo das Sprachgenie Herta Müller genauso zu Wort kommt, wie eine gebranntmarkte Seele, die bis ins Alter an so einem Trauma leiden kann. Ein Werk das von grosser Subtilität, psychologischem Feingespür und einer Note von surrealem Anmut verfasst wurde, hinter dessen Stimme Oskar Pastior's hindurchzuschimmern scheint und massgeblich am Erfolg des neuen Buches von Herta Müller beteiligt ist...
Nachtrag:
Heute Nachmittag erfahre ich , dass Herta Müller den Literaturnobelpreis erhalten hat, heute Nacht erst, hatte ich meine Leseerfahrung verfasst, und stehe noch ganz beeindruckt vor diesem starken Buch, ich kann dieser unglaublichen Schriftstellerin zu ihrem Erfolg nur ausdrücklich mein grösstes Kompliment ausdrücken, deren Werk mich beim Lesen nachhaltig betroffen gemacht hat.