Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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139 von 154 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
eine einzigartige Sprachmanifestation, 24. September 2009
Herta Müllers Atemschaukel" ist ein beeindruckendes Buch. Die aus dem heute rumänischen Banat stammende Autorin schildert darin die Erlebnisse eines bei der Deportation 17-jährigen siebenbürgisch-sächsischen Jungen. Als Vorbild für die literarische Figur dürfte der ebenfalls aus Siebenbürgen stammende Oskar Pastior gestanden haben, mit dem zusammen Müller diesen Roman eigentlich schreiben wollte. Doch verstarb der als Sprachakrobat deutschlandweit sehr geschätzte Pastior 2006. Immerhin reisten beide vorher noch in die Ukraine und besuchten das Lager, in dem Pastior fünf Jahre zwischen 1946-51 verbrachte.
Ausgehend von den gemeinsamen Gesprächen, von ihren Notizen und wohl auch von einigen Aufzeichnungen Pastiors, verfasste Müller diesen Roman, der vor kurzem für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. In etwa 60 Kapiteln schildert Müller Erlebnisse, Ereignisse und Personen im und um das Lager. Aus der Erzählperspektive des jungen Leo Auberg werden der Hunger, die Kälte, die Arbeit, die Müdigkeit usw. sehr eindrücklich geschildert. Die Bedeutung einer Geste, einer Handlung wird im Miteinander der Insassen verdeutlicht. Im Vordergrund steht dabei nicht nur, was die Menschen einander absichtlich oder gerade durch Passivität antun, sondern auch, was die Verhältnisse, die Arbeitsbedingungen, die Erniedrigungen für eine Gewalt der einzelnen Person aufzwingen. Mutig ist dabei bereits der Einstieg in das Sujet. Müllers Protagonist scheint sich über die Deportation beinahe gefreut haben, denn er konnte so der bedrückenden Enge der sächsischen Diasporagemeinschaft entkommen, in der er seine Homosexualität verbergen musste.
Der Roman ist letztlich eine einzigartige Sprachmanifestation in dem Herta Müller eigenen Stil. Die außerordentlichen Erlebnisse des zähen, langen, monotonen, pausenlosen Hungers, des Egoismus, der Niedertracht und der Einsamkeit verlangten nach einer einzigartigen Sprache, die das Besondere der Situation adäquat beschreiben kann. Herta Müller gelingt es, meiner Meinung nach, diese Sprache zu entwickeln und in einem unverwechselbaren, von Bildern, Metaphern, Anspielungen und Allegorien gesättigten (fast übersättigten) Stil und Sprache die inhumane und trostlose Lage der Insassen wiederzugeben (Hungerengel", Atemschaukel" usw.). Die Erlebnisse im Lager sind keine vorübergehenden Events", sondern das gesamte restliche Leben kennzeichnende tiefgehende Erfahrungen. Es gibt im Leben keinen Ausweg, keine Fluchtmöglichkeit vor ihnen, so das Fazit des Romans. So wie es unmöglich war, dem Lager lebendig vorzeitig zu entkommen (die Entflohenen sind gefasst worden oder umgekommen, der Himmel (die Transzendenz) bot auch keine Lösung und keinen Trost), genauso quälten die Erinnerungen die Lagerinsassen jahrzehntelang. Diese primären und sekundären Qualen in einer meisterhaften Sprache von großer Eindringlichkeit und Kraft eingefangen zu haben, ist das große Verdienst von Herta Müller. Sie soll für den Nobelpreis vorgeschlagen worden sein. Dieser Roman beweist, dass sie des Preises würdig ist.
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23 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Die literarische Aufarbeitung eines vergessenen Massenverbrechens, 15. November 2009
Noch vor dem Ende des Zweiten Weltkrieg begann die rumänische Regierung damit, alle im Land ansässigen Deutschen zwischen 17 bis 45 Jahre als Zwangsarbeiter nach Russland zu verschicken. Die russische Führung hatte dies gefordert, die rumänischen Kommunisten entsprachen diesem Wunsch, verboten aber später jede öffentliche Erörterung über diese Ungeheuerlichkeit. Wie viele deutschstämmige Frauen und Kinder aus dem rumänischen Siebenbürgen in den eisigen Ebenen Osteuropas umkamen, ist bis heute unbekannt. In einer Zeit, in der Vertreibung und Entrechtung der Deutschen in Mittel- und Osteuropa den deutschen Feuilletoneliten als eine gerechte Strafe für deutsche Missetaten galt, hat es auch niemanden interessiert. Erst jetzt, über 60 Jahre nach diesen Ereignissen, beginnt mit dem vorliegenden Buch die literarische Aufarbeitung dieser moralischen und menschlichen Katastrophe.
Der Roman beginnt mit der Deportierung der Siebenbürger Sachsen und ihre Verschickung in die Kohle- und Zementregionen der totalitären Sowjetunion. Die weit überwiegende Zahl der 64 kleinen Kapitel beschäftigt sich mit dem Lageralltag, gespiegelt aus der Perspektive des 17jährigen Leopold, der sich in den fünf Jahren seines Lageraufenthaltes in eine Hungerwelt eingekapselt sieht, in der alles Essbare eine existentielle Bedeutung erhält. Alles unterliegt den Imperativen der Nahrungsaufnahme, sogar die Sprache wird zu einem elastischen Weltsensor, mit dem die verschiedenen Erscheinungsformen des Hungers ausdifferenziert werden. Über allem herrscht der "Hungerengel", der Herr der Nacht und des Tages, der Stimulator des Gaumenzäpfchens", dass in der Hungerwelt des Lagers zum vermeintlich größten und transparentesten Organ wird. 800 Gramm Brot und zwei dünne Suppen erhalten die Lagerinsassen als Tagesration, die dafür bei eisiger und von Läusen aller Art geplagt, Zement transportieren, Kohlen schippen oder Kartoffeln mit bloßen Händen aus steinharter Erde ausgraben müssen. Über ihnen thronen der russische Lagerkommandant, der Kapo Tur Prikulitsch, seine geliebte Bea Zakel und die stumpfsinnige Brotausgeberin Fenja, die ihre Tage in relativ geheizten Stuben verbringen, während draußen die Menschen verhungern, verzweifeln oder sich umbringen. Wer überleben will, muss mit dem Wenigen, was er besitzt, einen möglichst ertragreichen Handel betrieben, muss in den umgebenden Dörfern betteln oder sich auf Kosten der Mitgefangenen bereichern. Manche stehlen das Brot, das sich die Mitgefangenen morgens für die kommende Nacht zurücklegen, ein Ehemann isst seiner Ehefrau solange die karge Suppenration weg, bis diese stirbt, und der Kapo verkauft einen Grossteil der die Lagerkleidung auf dem Schwarzen Markt und gibt damit die Gefangenen dem langsamen Kältetod preis.
Dergleichen Geschichten vom Hunger, vom "Brotkriminal", dem "Mörteltod", der "Abendliebe" oder der "Jackenentlausung" bilden den erzählerischen Schwerpunkt des Buches. Die Psychologie der handelnden Personen erfährt keine sonderliche Vertiefung, weil sich alles nur um den Hunger dreht. Mehr noch, wenn es überhaupt eine nennenswerte charakterliche Eigenart der Protagonisten gegeben hat, so scheint sie im Lager immer mehr zu verschwinden, je mehr sich die persönlichen Verhältnisse dem Nullzustand" annähern. Auch nach der Entlassung aus der fünfjährigen Lagerhaft bleiben die Insassen für ihr Leben gezeichnet, zur Heimatsattheit" ihrer Familien führt keine Brücke mehr, viele verfallen in Apathie, verlassen das Land oder versuchen wie Leopold ihre Erinnerungen literarisch zu bearbeiten.
Die Deutsch-Rumänin Herta Müller, deren Mutter selbst in ein Lager verschleppt wurde, hat in der Zusammenarbeit mit dem Büchner-Preisträge Oskar Pastor für diesen Roman recherchiert und ihn nach dem plötzlichen Tod Pastiors im Jahre 2006 alleine zuende geschrieben. Es ist ein bewegendes und notwendiges Buch, das zu recht auf der Shortlist des deutschen Buchpreises stand. Es vermittelt die poetisch überformte Vorstellung einer gnadenlosen Hungerwelt und zugleich auch einen Eindruck davon, wie brutal und folgenlos ein ganzer Volksteil entrechtet wurde. Die Sprachschöpfungen zur Beschreibung der Lagerwelt, zahlreiche literarischen Miniaturen und die düstere Stimmung des gesamten Buches machen das vorliegende Werk zu einem bedrückenden Monument vergessenen Verbrechens. Ich habe es mit großer Anteilnahme und Gewinn gelesen, wenngleich man auch nicht verschweigen sollte, dass das nahezu vollkommen Fehlen von Handlungsführung und Psychologierung der Figuren die Lektüre ab etwa der Mitte des Werkes ein wenig mühsam macht. So faszinierend die Hungerthematik in der ersten Hälfte des Buches auch eingeführt wird, irgendwann ist sie literarisch erschöpft, ohne dass etwas Neues und Konzeptionelles geschieht. Passagenweise verwandelt sich der Roman fast in eine Art Hunger-Essay, dessen immer neue Neologismen das Werk ins Abstrakte führen. Manchmal hat man auch das Gefühl, dass die poetisch etwas überhöhte Sprache zum Thema nicht recht passen will - da ist der Sprachduktus einer Agota Kritof überzeugender.
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56 von 65 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Wunderbar geschrieben, dennoch nicht ganz überzeugend..., 12. Oktober 2009
Während der ersten Seiten von "Atemschaukel" erfuhr ich, dass Herta Müller die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin ist. Erste Seiten, die auf großartige Art und Weise Stimmung machen, die Bühne für den restlichen Roman vorbereiten.
Der Ich-Erzähler Leo wartet darauf, von den Sowjets abgeholt zu werden um die nächsten Jahre in einem Arbeitslager zu verbringen und lässt den Leser auf den folgenden knapp dreihundert Seiten an seinem Leben im Arbeitslager und dem zerstörten Leben danach teilnehmen.
Großartige Prosa, wunderbar zu lesen. Herbststimmung, wie ich sie bis jetzt noch nie gefühlt hatte. "Atemschaukel" ist ein Roman, den ich von der ersten Seite wegen seines Stils, seiner Instrumentierung, seiner fein ausgehörten Klänge und seinen großartigen Sätzen geliebt habe.
Dennoch haben sich bei mir mit Verlauf des Romans immer mehr Zweifel aufgedrängt. Erstens werden die Sowjets immer als Russen bezeichnet, es wird auch um Mitternacht die russische Hymne gespielt. Das ist meiner Meinung nach ein Problem der Wahrnehmung, da um 1945 garantiert in keinem sowjetischen Lager von einer "russischen Hymne" gesprochen wurde. Gerade damals, mit dem Sieg im Rücken, existierte nur die Sowjetunion. Auch ist davon die Rede, dass das Lager, in dem Leo ist, in der Ukraine ist, trotzdem wird immer nur von "den Russen" gesprochen, während Herta Müller (bzw. der erzählende Leo) klare Unterschiede zwischen den aus Rumänien stammenden Deutschen und den aus Deutschland stammenden Deutschen im Lager macht.
Zweitens werden russische Wörter schlichtweg falsch wiedergegeben, was nicht an einer Übersetzung liegt. Ich Ich-Erzähler, der fünf Jahre seines Lebens in einem sowjetischen Arbeitslager verbracht hat, verwechselt nicht die Worte und gibt sie auch nicht verstümmelt weiter, einfach weil er sie täglich gehört hat und sich genau diese Worte in sein Gedächtnis eingebrannt haben. Drittens hatte ich Probleme mit dem Ich-Erzähler, dem ich nicht ganz abnehme, dass er männlich ist. Egal ob homosexuell, bisexuell oder heterosexuell.
Daher ergab sich für mich eine ganz eigenartige Ambivalenz dieses Romans, einerseits beeindruckend und atemberaubend schön zu lesen, auch hartes Lagerleben mit eindringlichen und unvergesslichen Szenen, wie das Kapitel mit dem Brotraub. Andererseits aber Momente, die ich Herta Müller so nicht abnehme, egal wie ich ihre Worte drehe. Vielleicht auch deshalb, weil die schiere Schönheit ihrer Sprache in manchem Moment zu einer Art Selbstzweck wird?
Herta Müller ist definitiv eine große Schriftstellerin und würdige Nobelpreisträgerin, ihre Stimme unverkennbar in der heutigen deutschsprachigen Literatur, "Atemschaukel" aber ein Roman, der für mich leider nicht ganz funktioniert.
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