Am 10. November 2008 hat sich der Todestag von Kemal Atatürk, der Gründerfigur der modernen Türkei, zum 70. Mal gejährt. Aus diesem Anlass publiziert der C.H.Beck Verlag eine Biographie des emeritierten Professors für Turkologie an der Universität Bamberg, Klaus Kreiser, der schon mit einer Kleinen Geschichte der Türkei und einem historisch-literarischen Stadtführer von Istanbul im Verlagsprogramm von Beck vertreten ist.
Kemal Atatürk ( 1881-1938) wird der "Vater der Türken" genannt, und tatsächlich ist ohne seine Person und vor allen Dingen ohne seine Politik die Entstehung einer modernen Türkei nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches nicht denkbar. Klaus Kreiser leistet mit seiner Biographie einen unverzichtbaren Beitrag dazu, im Nachvollziehen dessen, was durch Kemal Atatürk in der Türkei sich verändert hat, die heutigen Probleme und Spannungen eines Landes zu verstehen. Denn nach wie vor ist Atatürk in der Türkei quasi allgegenwärtig. Seine nationalistischen und autoritären Reformen, die auch den Islam und seinen Klerus in seine Schranken wiesen, haben das Land geprägt bis auf den heutigen Tag.
Indem Kreiser den Weg Atatürks vom frühen Militärschüler und Verteidiger des osmanischen Erbes bis zum autoritären Reformer, der ohne Rücksicht seinen Weg durchsetzte, nachzeichnet, gelingt es ihm, dem heutigen Leser ein Verständnis dessen zu vermitteln, was damals in der Türkei geschehen ist, und was dieses Land bis heute beschäftigt und manches mal auseinander zu reißen droht. Denn alles, was damals unter einem historisch beispiellosen Traditionsbruch ohne Rücksicht auf Verluste dem Land verordnet wurde und nach dem Zweiten Weltkrieg vom Militär mit verschiedenen Putschs und Zeiten der Militärdiktatur brutal verteidigt wurde, hat zugrundelegende Traditionen und religiöse und kulturelle Prägungen eben nicht zum Verschwinden gebracht. In den aktuellen innenpolitischen Auseinandersetzungen innerhalb der Türkei, die vom jetzigen Ministerpräsidenten auch schon mal bis nach Deutschland getragen werden, wo er in Köln vor Zehntausenden von Türken spricht und die "Heimat und das Türkentum verteidigt", bricht sich das brutal Unterdrückte historisch wieder Bahn.
Atatürk fegte mit einem eisernen Besen durch die türkische Innenpolitik, das zeigt Kreiser gut auf. Das ehrwürdige Sultanat und das Kalifat schaffte er ab, Turbane, Fese und Schleicher wurden aus der Öffentlichkeit verbannt, die Hauptstadt verlegt, die arabische Schrift durch die lateinische ersetzt und das islamische Bildungswesen wurde brutal unterdrückt.
Klaus Kreiser zeichnet in dieser Biographie die historischen Umstände und Bedingungen nach, die zu diesem beispiellosen Aufstieg eines aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Berufssoldaten geführt haben.
Ich hätte mir gewünscht, dass der erfahrene Autor an das Ende seiner lesens- und empfehlenswerten Biographie ein Kapitel gesetzt hätte über die aktuelle Bedeutung Atatürks in der Türkei und eine Einschätzung geliefert hätte von den derzeitigen innenpolitischen Spannungen in der Türkei und der Spannungen der Türkei mit der EU etwa.
Das hätte dem Leser die Möglichkeit gegeben, aus den historischen Informationen aktuelle Schlüsse zu ziehen und sich eine fundierte Meinung zu gegenwärtigen Lage in der Türkei zu bilden, die ja gerade für unser Land nicht ganz unwesentlich ist, wie man an der Rede des türkischen Ministerpräsidenten in Köln gesehen hat.