Einen Moment habe ich gezögert, diese Box zu erwerben. Gibt es nicht seit 2000 eine CD mit dem "kompletten" Konzert; damals wurde die LP aus dem Jahr 1969 etwa ums doppelte erweitert, die Songs nach dem Konzertablauf sortiert und San Quentin war seitdem für mich noch vor "Folsom Prison" die beste Konzert-CD. Ich habe die Re-Releases von Legacy immer geschätzt, weil sie nie nach kommerzieller "Abkoche" rochen. Nun also ein noch kompletteres Konzert, gleich um 13 Tracks erweitert?? Dazu muss man wissen, dass zu einer Cash-Show damals ein Tross von Begleitern gehörte, in diesem Falle Rock-Altmeister Carl Perkins, die Carter-Family sowie das Vocal-Quartett Statler Brothers (mit eigenen Country Hits sehr erfolgreich!). Zum Teil begleiteten sie Cash, hatten aber während der Show auch Raum für Soloauftritte. Das zusätzliche Material besteht nun hauptsächlich aus Material, auf dem Cash nicht zu hören ist, das aber gleichwohl zur Rekonstruktion eines Cash-Konzertes gehört und musikalisch von allererster Güte ist. Über Perkins und die Carter-Family muss man wohl keine Worte mehr verlieren; die hierzulande weniger bekannten Statler-Brothers mit ihren wunderbaren an klassischen Gospel-Quartett-Gesang angelehnten Vokalharmonien sind allemal eine Entdeckung wert. Sie sind hier mit ihrem Hit "Flowers on The Wall" und dem wunderschönen Glen-Campbell-Titel "Less Of Me" vertreten. Es gibt aber gegenüber der 2000er Edition auch weitere Cash-Titel (die man bis auf das kurze "Blistered" bisher schon auf dem Schwesteralbum "Folsom Prison" hören konnte). Die 2000er Edition behält wie die Original LP also ihre eigene Berechtigung, wenn man ein Cash-Konzert-Dokument kompakt haben möchte, während diese neue Edition nun die perfekte Dokumentation des Gefängnisauftritts darstellt. Die eigentliche Sensation ist dabei ja die 3. Scheibe, die DVD, die 1:1 die 1969 für Granada TV produzierte Konzertdokumentation wiedergibt. Soundtechnisch (Mono) und bildtechnisch wurde das ganze zwar nicht aufs bestmögliche Niveau gepusht, aber die technische Qualität ist akzeptabel und beeinträchtigt nicht die Freude daran, dieses unter die Haut gehende Dokument nun legal erwerben und nacherleben zu können.
Fast 2/3 des knapp 60minütigen Films bestehen aus Konzertaufnahmen, der Rest aus Bildern vom Gefängnisalltag und Interviews mit Wärtern und Insassen. Das Gespräch mit einem Gaskammern-Kandidaten geht besonders unter die Haut, eingebettet ist es in Cashs Gospelsong "Peace In The Valley", der davon erzählt, wie es sein wird, wenn all das irdische Elend einmal durch Gottes Eingreifen überwunden sein wird.
Auch wer vielleicht auf einen reinen Konzertmitschnitt gehofft hat, wird über diesen Film nicht enttäuscht sein, zumal einige Songs in vollständigen oder zumindest fast vollständigen Aufnahmen enthalten sind.
Das komplette Konzert kann man ja, und das in guter Tonqualität auf den beiden CDs anhöre. Hier findet man die Murder- Love- und God - Palette vollständig abgedeckt. Cash findet den Draht zu den harten Jungs, provoziert mit dem doppelt angestimmten eigens komponierten Stück "San Quentin" fast eine Revolte; sorgt mit "A Boy Named Sue" für Schenkelklopfer und rührt mit seinen Gospeldarbietungen Herzen an.
Ein unverzichtbares Dokument für alle, die sich ernsthaft mit Johnny Cash beschäftigen und der Faszination dieses Mannes erlegen sind.