Seine besten Best-ofs hat Johnny Cash selber veröffentlicht: "At Folsom Prison" (1968) und "At San Quentin" (1969) (Und dann natürlich die unglaublichen "American Recordings"-CDs... Doch dazu an anderer Stelle). Zwei Alben, die zu den ganz heißen Anwärtern auf die Einsame-Insel-Liste gehören.
Beide Alben in der restaurierten, (fast) vollständigen Fassung von 2000, also fast doppelt so lang wie die Original-LPs, ohne betulich überpiepste Unanständigkeiten, dafür mit ausgiebigen Überleitungen, in denen man Johnny Cash kennenlernen kann: locker, schlagfertig, sarkastisch, gallig, warmherzig und mit rabenschwarzem Humor, Kommentare und Witze zwischen den Songs und auch mittendrin, nichts davon ist aufgesetzt oder pseudo-cool.
Live-Mitschnitte aus dem Hochsicherheitsknast -- das muss sich einer erst einmal trauen, und um sich das zu trauen, muss er mehr können als "nur" gute Musik zu machen, jedenfalls dann, wenn er sich weder blamieren noch gelyncht werden will. Johnny Cash hat sich's getraut, über 30 mal in seiner Laufbahn, und wie man hier hört, hat er dabei keineswegs seinen Stiefel runtergespielt -- im Gegenteil! Das einzige, was diesen beiden Meilensteinen (hier trifft der Name "Milestones" tatsächlich mal zu, unter dem Columbia einige Klassiker wieder veröffentlicht hat) fehlt, ist Langeweile. Cash ist so präsent wie man nur sein kann, und dass er sich musikalisch nicht lumpen lässt, trägt sicher zur Atmosphäre bei. Da kommt kein leutseliger Wohltäter, keiner, der von oben herab Gutes tun will und dabei doch mit wackligen Knien etwas besseres zu sein glaubt -- nein, da kommt einer, der mit j e d e m Publikum auf Augenhöhe steht, der einen Satz wie "I shot a man in Reno just to watch him die" bringen darf, ohne sich bis auf die Knochen zu blamieren. Harmlos war Cash nie, und deutlicher als auf diesen beiden Alben kann man das nirgends erkennen: "25 Minutes to Go", "Joe Bean", "San Quentin" und ähnliche Kaliber -- und natürlich der Folsom Prison Blues.
Zweimal Johnny Cash also, jedesmal mit auserlesenen Begleitmusikern (NB: Wer sonst hatte jemals die Ehre, einen Carl Perkins als Begleitmusiker dabeizuhaben?) beim Live-Auftritt vor Strafgefangenen also. Der Funke springt gleich beim "Hello, I'm Johnny Cash" über, das spürt man. Das Publikum tobt durchs Wohnzimmer, sozusagen. Diese beiden Alben nehmen wegen ihrer elektrisierenden Atmosphäre sogar unter den besten Live-Alben der Musikgeschichte eine Sonderstellung ein.
Hinzu kommt: Es dürften kaum bessere C&W-Alben existieren -- das hier ist kein Stoff für selbstzufriedene Möchtegern-Cowboys. Cash hat alle Facetten des Genres drauf, und noch mehr: Folk-Balladen und Gospel, Blues und Vaudeville, und Rock'n Roll -- der "reine" Country macht auf diesen beiden Alben höchstens die Hälte aus. Dabei hat jedes der beiden Alben seinen eigenen Charakter: "At Folsom Prison" ist insgesamt ruhiger, stärker an Folk und Gospel orientiert -- die Post geht dennoch ab. "At San Quentin" wiederum klingt härter, wilder, aber keineswegs aus der Hauruck-Schublade: Selten hat Cash innigere Gospels gesungen als hier, mit "The Old Account Was Settled Long Ago" oder "Peace in the Valley".
Wer noch keines von Cashs beiden "Knastalben" besitzt, der sollte bei diesem Angebot unbedingt zugreifen! Der Doppelpack enthält, wie gesagt, die beiden Original-CDs in der restaurierten Fassung, jede der beiden CDs mit den gut gemachten Original-Booklets. Und wer eines der beiden Alben hört, will sowieso auch das andere hören, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.