Alte Liebe rostet nicht. So oder ähnlich könnte man mein Verhältnis zum musikalischen Schaffen von Inga Rumpf beschreiben. Über vier Jahrzehnte hinweg hat die Hamburger Sängerin prima Platten mit Rock, Blues, Soul und Gospel produziert. Einzig über die vom musikalischen Zeitgeist der 80er Jahre beeinflußte Scheibe "Lieben, Leiden, Leben" (1984) mit ihren deutschen Texten konnte und kann man immer noch geteilter Meinung sein. Die Live-CD "Inga Rumpf & Friends" - es gibt auch eine DVD-Version - wurde im Oktober 2006 während des Crossroads-Festivals in der Bonner Harmonie aufgenommen. Ingas Tourband bei diesem Rockpalast-Konzert bestand aus dem unverwüstlichen und ihr immer wieder zur Seite stehenden Jean-Jacques Kravetz sowie vier akademisch geschulten Musikern an Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards. Es handelt sich um die gleiche Band, die sie auch auf ihrem vorherigen Studioalbum "Easy my soul" begleitet hat. Nahezu unglaublich ist, wie Inga auch heute noch mit ihren rauchigen, maskulin tönenden Vocals den Zuhörer für sich einnimmt. Ihre Stimme ist absolut einzigartig und sucht auch international ihresgleichen. Wie sie James Browns "It's a man's world" herausbellt, sich diese Soul-Hymne zu eigen macht, muß man gehört haben. Daß sie die drei auf der Scheibe vertretenen Frumpy-Songs und die vier Atlantis-Titel taufrisch und mit viel Feeling über die Rampe bringt, brauche ich nicht extra zu betonen. Maßgeblichen Anteil an der Klasse des Sets hat natürlich auch Jean-Jacques Kravetz mit seinen unglaublichen Hammond-Sounds. Jean-Jacques bearbeitet seine Tasten noch immer so wild wie 1973 auf dem legendären Frumpy-Livealbum. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß sich von den Titeln dieser Live-Scheibe nur der Bessie Smith-Song "Backwater blues" auf "Inga Rumpf & Friends" findet. Besser als damals, so mögen Inga und Kravetz gedacht haben, können wir die Songs nicht mehr performen. Bester Titel des Rockpalast-Albums ist ganz klar die Frumpy-Nummer überhaupt: "How the gypsy was born". Wie sich Jean-Jacques Kravetz und Inga hier gegenseitig zu Höchstleistungen anspornen, wie die Hammond singt und Inga ihre Vocals herauskräht, muß jedem Fan von Frumpy die Freudentränen in die Augen treiben. Freilich kann ich der Scheibe trotz all dieser Vorzüge nicht die Höchstwertung geben. Und zwar aus zwei Gründen. Einmal bemerke ich ein Phänomen, das mir des öfteren auffällt. Akademisch geschulte Musiker, die zudem wie hier der Fall noch Dozenten für ihre Instrumente sind, tun sich bei dreckigen Rock- und Blues-Titeln einfach schwer. Gitarrist Matthias Pogoda, Bassist Thomas Biller, Schlagzeuger Helge Zumdieck und Pianist Joe Dinkelbach beherrschen ihre Instrumente blind, sind allesamt tolle Techniker. Doch der eher akademische Zugang zu den Frumpy-Songs oder dem Blues, das Bestreben, fehlerlos zu spielen, nimmt manchen Titeln etwas von ihrer ursprünglichen Dynamik und Rohheit. Das Feuer und die Seele, mit der Inga und Jean-Jacques ihre Nummern interpretieren, können diese Musiker - verständlicherweise - nicht besitzen. Zudem scheinen sie sich, so mein Eindruck, im Jazz und Jazzrock mehr heimisch zu fühlen als in der Rockmusik. "Come and go" und "No cross - no crown" vom "Easy my soul"-Album fallen für mich bezeichnendnerweise gegenüber dem Rest der Setlist leicht ab. Schließlich erscheint mir die Aufnahme eines zweiten Keyboarders in Ingas Band nicht ganz nachvollziehbar. Hätte nicht Jean-Jacques Kravetz auch die Piano-Parts übernehmen können? Durch den Einsatz von zwei Keyboardern bekommt die Musik eine spürbare Schlagseite in Richtung der Tasteninstrumente. Der im Vergleich zu Rainer Baumann oder Frank Diez eher zurückhaltend agierende Gitarrist Pogoda tut sich dann natürlich doppelt schwer, der Keyboard-Fraktion Paroli zu bieten. Ich hätte zwei kräftig zulangende Gitarristen vorgezogen. Mag sein, daß ich als alter Frumpy- und Atlantis-Fan zu sehr dem Sound dieser Bands verhaftet bin. Zudem sei Inga natürlich zugestanden, ihren Song-Katalog heutzutage anders zu interpretieren wie vor über 30 Jahren. Gleichwohl - die Sängerin möge mir verzeihen - ist das Frumpy-Livealbum für mich das Maß aller Dinge in ihrer beeindruckenden Diskographie. "Inga Rumpf & Friends" ist ein sehr gutes Album, aber kein herausragendes wie "Live" von Frumpy.