Der junge Ray Charles live -- und zwar sowas von live, 1958 bei seinem Auftritt im Allerheiligsten des Jazz, dem Newport Jazz Festival. Wie es sich gehört für ein Genie, hält sich Ray Charles nicht an das, was einem der Begriff "Jazz" möglicherweise an abgegriffenen Assoziationen anbietet, denn er hat viel mehr zu bieten. Klar spielt er hier zusammen mit einer glänzend aufgelegten Band viel Jazz (und bei Bedarf brettern auch noch "seine" Raelettes mit präzisestem Uptempo los), aber einen Jazz der ganz besonderen Art: Rhythm'n'Blues-befeuerten, Gospel-vertieften, Soul-veredelten Jazz.
Losgehen tut's mit einem Ray Charles, wie man ihn kennt und liebt, und zwar in der Form seines Lebens, stimmgewaltig und ideenreich: In sein "The Right Times" steigert er sich, zusammen mit den Raelettes, nachgerade ekstatisch hinein, und im direkt anschließenden "In a Little Spanish Town" wird's noch spektakulärer, denn da kommt auch noch die Band ins Spiel, buchstäblich: Nach einem instrumentalen "Hit the Road, Jack"-Intro inclusive Saxophon-Echo und gewitzten Variationen über das Thema wird's tatsächlich karibisch, ohne geschmäcklerische Allüren, stattdessen mit Cha-Cha-Cha-Parodien und auch sonst mit Spiel-Witz und unglaublichem Können. Jetzt haben sie sich warmgespielt, jetzt gibt's kein Halten mehr: "I Got a Woman" -- inclusive furioser Überleitung von "I Feel like a Motherless Child"-Reminiszenzen in übermütigen Rhythm'n'Blues. "Sherry" groovt etwas geruhsamer, aber ebenso feurig und mit haargenau plazierten Bläsereinsätzen; der Jazz hat hier den Blues. Oder "Blue Waltz" (wie die anderen Jazz-Instrumentals "ln a Little Spanish Town", "Sherry" und Hot Rod" seltsamerweise wenig bekannt) -- täusche ich mich, oder nimmt Ray Charles da in den ersten Takten tatsächlich nichts Geringeres als Dave Brubecks "Take Five" ansatzweise vorweg? Vielleicht bringen mich ja auch nur Harmoniefolge und Rhythmus durcheinander. Ist ja auch egal; dieser "Blue Waltz ist einfach ein Kronjuwel und d a s Beispiel schlechthin, dass Swing eigensinnig und witzig sein kann und jede Menge Raum lässt zum Improvisieren.
Nicht nur Ray Charles, nein -- die komplette Band platzt schier vor Spielfreude, teilweise in einem irrwitzigen Tempo, das aber nie zum Selbstzweck verkommt, auch und gerade nicht bei den Instrumentals: Das Improvisieren macht denen nicht nur bei "Hot Rod" hörbar einen Heidenspaß, und wie sich die einzelnen Bandmitglieder die Themen und Melodielinien zuspielen, das allein ist eine Belohnung für genervte Ohren. "Talkin 'bout You" -- diesen Song à la mode Uralt-Gospel polieren sie auf, dass es eine Art hat: Da liefert sich Ray Charles Duett-Duelle mit den Raelettes, den grandes dames des präzisen Einsatzes, und selbstverständlich greift die Band mittendrin die Duett-Idee auf ihre Weise auf... Als krönenden Abschluss gibt's eine klassische Ray-Charles-Nummer mit einem stimmgewaltigen Finale, "A Fool for You".
Die einzelnen Bandmitglieder: Ray Charles (p, asax), Bennie Crawford (barsax), David Newman (tsax), Lee Harper, Marcus Belgrave (tr), Edgar Wills (b), Richie Goldberg (dr).
"She's allright", triumphiert der Großmeister des Soul quirlig und mit viel Drive in "I Got a Woman". "He's allright, too", möchte und muss man da hinzufügen.